Vom Nussknacker zum Winter Soldier – Mein Schreibprojekt 2022

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»Der Neujahrstag ist der langweiligste und müdeste Tag des Jahres. Man trinkt die Sektreste und kuschelt sich auf das Sofa oder ins Bett, schläft einfach weiter.« So Lucija. Darf ich vorstellen? Sie ist die Protagonistin meines aktuellen Projekts „Sternenstürmer“. Und damit habe ich ihrem und Major Dovidas Kalvaitis‘ Betteln nachgegeben und mache mich an das nächste X-Mas-Special. Gerade sind die Festtage vorbei, das neue Jahr hat soeben angeklopft, warum denke ich schon wieder an Weihnachten?

Noch im Entstehen: Die neue Cold War Fiction „Sternenstürmer“. Die Skizze stammt noch aus dem Jahr 2009, als Dovidas in mein Autorenleben trat.

Weil ich mit der Wiederentdeckung meiner 2008/09 entstandenen Rohfassung des „Sternenstürmers“ einen Roman erzähle, der einerseits romantisch, andererseits sehr emotional und auch dramatisch ist und durch seine Winterstimmungen, die Neujahrsfeste und die Sehnsucht, besonders an den Feiertagen mit seinen Liebsten vereint zu sein. Als sich der ehemalige MiG-Pilot Dovidas und die kluge, wie eigensinnige Lucija in den späten 1970er Jahren begegnen, ahnen sie nicht, dass mit dem Einmarsch der Sowjets in Afghanistan bald finstere Wolken ihre Zukunftspläne trüben. Dovidas wird nach Faisabad versetzt, wo er eine Basis kommandiert. Was nach einer vorübergehenden Intervention aussieht, um die islamistischen Mudschaheddin-Rebellen zurückzudrängen, erweist sich als ein langer, aussichtsloser Krieg. Die Beziehung der beiden wird auf eine harte Probe gestellt, denn Lucija wartet im Ungewissen auf Nachrichten aus Afghanistan. Wird Dovidas heil aus dem zermürbenden Krieg am Hindukusch zurückkehren? Und wird er sich in seiner Heimat, der tiefgreifende Veränderungen bevorstehen, zurechtfinden?

Doch bevor Dovidas seinen Einberufungsbefehl bekommt, kann er seinen Nussknacker-Charme ausspielen. Anders als der launische Arvo aus „Winterschwalben“ ist er kultivierter, weniger zerrissen, und er liebt die Musik. Wir erleben einen jungen, lebensbejahenden Offizier, der durch Afghanistan zum Winter Soldier wird.

Lucija stammt von Krimtartaren ab. Sie ist Studentin der Philosophie an der Universität in Vilnius, und sie weiß, sie kommt nach ihrem Abschluss nur weiter, wenn sie sich den Spielregeln beugt. Manchmal fällt es ihr schwer, ihr inneres Rebellieren zu unterdrücken. Da wäre zudem noch ihr eigenes Schicksal: Ihr Vater war ebenfalls Pilot und starb bei einem Flugzeugabsturz, als sie zwölf Jahre alt war. Natürlich will Lucijas Mutter nicht, dass es ihr ergeht wie ihr – bitte heirate nie einen Flieger! Natürlich ist ein wohlgemeinter Rat nutzlos, wenn die Liebe sehr groß ist.

Obwohl der „Sternenstürmer“ nicht ganz so politisch ausfallen wird wie meine anderen Romane, beschäftigt er sich mit Afghanistan. Seit 1979 befindet sich das Land im Krieg. Mit dem Abzug der sowjetischen Truppen Ende 1988 war es auf sich allein gestellt und die Taliban übernahmen 1996 die Macht. 2001, nach den Anschlägen vom 09/11, geriet Afghanistan auf eine traurige Weise erneut ins Interesse der Welt. Die NATO-Mission „Enduring Freedom“ sollte Stabilität und Demokratie bringen, in den frühen 2000er Jahren schien Afghanistan auf einem guten Weg zu sein. Doch erneut gelang es den Taliban, den Nachfolgern der Mudschaheddin, weiter vorzudringen und nachdem der abgewählte US-Präsident Trump den Abzug der Truppen aus Afghanistan beschloss, und wir die Bilder vom August 2021 noch vor Augen haben, droht dieses Land wieder vergessen zu werden. Ich bin gewiss keine Autorin, die „aus aktuellem Anlass“ ihre Romane schreibt – aber eine sehr an Geschichte und den Zusammenhängen interessierte Frau. Wir werden uns bestimmt wieder mit Afghanistan befassen. Im „Sternenstürmer“ gibt es sicher viele Parallelen.

Und nun zu meinem anderen Projekt, dem „Roten Falken“. Ich sehe Rimas vor mir, wie er das Gesicht verzieht. Doch du wirst dich ein wenig gedulden müssen, lieber Rimas. Im Sommer hast du deinen ersten großen Auftritt mit den „Steppenfalken“, und deine Heimatstadt Kaunas wird dieses Jahr Kulturhauptstadt. Und versprochen, du kommst noch dran.

Inspirierende Zeiten – Mein Schreibjahr 2022

In die letzten Wochen des Jahres kehrt eine stille Magie ein. Es ist Winter und damit Zeit, zurückzublicken und innezuhalten. Was hat mich in diesem Jahr beschäftigt und was steht 2022 an?

Zwar lief 2021 nicht alles so, wie es sollte. Trotzdem war es ein sehr kreatives Jahr. Die „Eis und Bernstein“-Reihe wäre fertig, aber es heißt wieder Geduld haben, überarbeiten und abwarten. Im Sommer haben Silvia und ich unser zweites Cold War Fiction-Crossover geschrieben und beendet. „Steppenfalken“ wird eine queere Ost-Ost-Agenten-Geschichte, in der mit Rimas einer der „Eis und Bernstein“-Protagonisten die Hauptrolle spielt – neben dem nicht weniger grandiosen und liebenswerten Attila aus Silvias „Die Stadt der Freiheit“. Ähnlich wie bei „Winterschwalben“ entstand diese Idee wieder beim Chatten und Rimas und Attila haben gleich gematcht. Der Balaton im Sommer 1985 scheint uns als perfekter Ort, an dem sich die beiden begegnen könnten, während in Rimas‘ Heimat zumindest die Zeichen auf leichter Veränderung stehen. Gemeinsam, aber unabhängig voneinander ermitteln sie in einem Mord an einem ungarischen Parteifunktionär, der Gorbatschows beginnende Reformen befürwortet und sie gerne umsetzen würden. Weder Rimas, noch Attila wissen von der wahren Identität des anderen, was Spannung in den Plot bringt. Im Frühsommer wird unsere zweite Koproduktion erscheinen.

Es sieht aus, als würde ich mich zurücklehnen. Aber davon kann 2022 keine Rede sein,

Beflügelt vom Flow und dem Zuspruch der Leser, gerne mehr erfahren zu wollen aus den Ländern des ehemaligen Ostblocks, entwickeln sich Tausende neuer Ideen. Nun gut, das ist ein wenig übertrieben. Gegenwärtig sind es drei Projekte, an denen ich gerade arbeite. Von Projekt Nummer eins, dem „Roten Falken“ habe ich in meinem vorherigen Blogbeitrag ein wenig erzählt. Auch hier spielt Rimas die Hauptrolle und wird 1972 nach Westdeutschland auf eine Mission geschickt, um die Bonner Regierungskreise zu infiltrieren. Ich lerne einen anderen Rimas kennen als in „Steppenfalken“ und „Eis und Bernstein“. Noch ist er von der Machtfülle als KGB-General weit entfernt und muss die Befehle seiner Vorgesetzten und aus der Moskauer, beziehungsweise Ost-Berliner Zentrale befolgen. Er ist noch ein wenig ungestüm in seinem Ehrgeiz und seinem unbedingten Willen. Einerseits wäre er gerne asketisch und würde alleine der Sache dienen, doch er ist nur ein Mensch. Aber auch ein Mensch, der meint, er könnte sich alles herausnehmen. So passt der Rimas der 1970er Jahre auch gut in dieses lebensfrohe, zukunftszugewandte Jahrzehnt.

Natürlich braucht Rimas auch Gegenspieler, denn die 1970er Jahre waren auch ein Jahrzehnt des Kalten Kriegs und der Polarisierung. Einer, der großes Interesse hat, den „Roten Falken“ auszuschalten, ist der NSA-Offizier Francis Lee Hayworth. Noch leitet er die Überwachung der Funksprüche des Warschauer Pakts und der DDR-Behörden von der Field Station auf dem Teufelsberg in Berlin – doch es dürfte nicht zu lange dauern, bis er von Rimas‘ Existenz erfährt und das Katz-und-Maus-Spiel, inklusive im Dunklen Tappen beginnt. Übrigens ist die ehemalige Abhöranlage der Amerikaner und Briten auf dem Teufelsberg ein Lost Place und einen Besuch wert, der den Kalten Krieg erahnen lässt.

Ein weiteres Projekt, das mir sehr am Herzen liegt und das sich während des Schreibens an „Eis und Bernstein“ entwickelt hat, ist die „Flussbrüder“-Saga. Dafür reisen wir zurück nach Litauen, ins Jahr 1938. Im Subplot von „Eis und Bernstein“ dreht es sich immer wieder um Pranas Tarvydas, der als Milizgeneral von Kaunas den grumpy old man gibt und seiner Tochter Rasa mehr oder minder angebrachte Ratschläge erteilt. Pranas entwickelte sich zu einer tragischen Nebenfigur mit vielen Geheimnissen. Ein großes Geheimnis macht er um seinen Bruder Vaidotas und um den Familiennamen, den er vor der sowjetischen Okkupation geführt hatte: Baronas. Als „Faschisten“ tut Pranas seinen Bruder immer wieder ab, sobald die Rede auf ihn kommt, und wimmelt geschickt jedes weitere Gespräch ab. Doch ist das so? Als der Krieg ausbricht, einmal die Sowjets, dann die Deutschen und am Ende doch wieder die Sowjets Litauen besetzen, schlagen sich die Brüder Baronas auf die jeweilige Seite. Pranas, der junge Anwalt, ist Kommunist und muss seine Homosexualität verleugnen. Dagegen ist sein älterer Bruder Vaidotas Offizier in der litauischen Armee, Katholik und Erbe des Landguts Belvederas, das aber durch die Spielschulden des Vaters mehr zur Bürde wird. Mit dem Krieg werden aus Brüdern erbitterte Feinde.

Schließlich drängt sich mit dem „Sternenstürmer“ das dritte Projekt auf, das sich mit seinem Nussknacker-Charme zum X-Mas-Special 2022 entwickeln könnte. So lautet jedenfalls mein Plan. Ich habe bereits die Vorlage aus einem Manuskript von 2008, das seitdem auf meiner Festplatte geschlummert hat. Mir war Dovidas Kalvaitis, der Titelheld, zu schade und so bekam er eine Funktion in „Eis und Bernstein“. Anscheinend möchte er seine Geschichte so gerne loswerden, dass er mich sogar im Traum besuchte und drängte, was nun mit ihm wäre. Protagonisten können auch nervig werden. Also gut, ein ausgemusterter Luftwaffenpilot wird zurück in seine Heimat geschickt und darf die Flugschüler auf der Basis in Vilnius unterrichten. Er begegnet der klugen, wie auch hinreißenden Lucija, deren Vater selbst bei der Luftwaffe war und bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Soweit – doch dann marschieren die Sowjets nach Afghanistan ein und Dovidas muss sich als Kommandeur eines Stützpunkts am Hindukusch bewähren …

2022 wird ein abwechslungsreiches Schreibjahr für mich werden, und ich merke, dass die drei Projekte einander inspirieren und befeuern. Sollte ich an einem nicht vorankommen, so werde ich es an einer anderen Stelle gewiss tun. Trotzdem bin auch ich sehr gespannt darauf, welche Cold War Fiction die nächste sein wird.

Ich wünsche Euch ein frohes Weihnachtsfest und schöne Feiertage und ein gutes neues Jahr!

Recherche vor der Haustür – Making of „Der rote Falke“ #1

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Einige Plotbunnies verfolgen mich in letzter Zeit, tatsächlich sind es zwei, die sich zu Romanen entwickeln. Einer davon wird die nächste Cold War Fiction. Die Idee, einen Roman über die Ära Willy Brandt und die Guillaume-Affäre zu schreiben, hatte ich nach „Das deutsche Spiel“, meinem bisher einzigen Werk mit Schauplatz in Deutschland. Angesprochen hatten mich die goldenen 1970er Jahre mit ihren Ereignissen wie auch ihrer Ästhetik schon längst, die alte Hauptstadt Bonn, die Atmosphäre der BRD als junge, lebendige Demokratie und natürlich Willy Brandt als historische Persönlichkeit im Subplot. Jedoch hatte ich weder passende Protagonist*innen, noch eine Geschichte, die mich selbst begeistern würde.

Mit Rimas entwickelt die Ur-Idee ein Eigenleben. Oh, ich vergaß, ihn vorzustellen, denn nur die Beta-Leser von „Eis und Bernstein“ kennen den Schrecken von Vilnius: Rimantas Kazimieras Rutkus, General des KGB. Als absoluter Widersacher, Mastermind düsterer Komplotte war er gewiss nicht als glorreicher Held angedacht – und wurde doch zum heimlichen Star meiner Litauen-Saga. Mit „Steppenfalken“, Silvias und meinem nächsten, voraussichtlich im Frühsommer 2022 erscheinenden Crossover, bekommt er sein Spin-Off. Nun ist das zweite dran. „Der rote Falke“ ist geschlüpft und wird im Spätsommer 1972 über Ost-Berlin in die BRD eingeschleust.

Teil meiner Recherche: Die Eröffnung der Olympischen Spiele in München 1972. Bestimmt beobachtet Rimas den Einzug der sowjetischen Mannschaft mit großem Interesse.

Eine von Rimas‘ Stationen, der Undercover als schwedischer Journalist die Aktivitäten der HVA (Hauptverwaltung Aufklärung, DDR) beobachten soll, sind die Olympischen Spiele in München. Praktisch habe ich einen Schauplatz fast vor der Haustür. Also beginnt die Recherche. Welche Autotypen fuhren damals durch Westdeutschland? Wie sah München im Jahr 1972 aus? Noch immer zeugen Ecken abseits des Marienplatzes und der schicken Brienner Straße davon und lassen mit ihren graustichigen Hausfassaden und verwinkelten Hinterhöfen in diese Zeit hineinspüren. Damals war die Neuhauser Straße vom Marienplatz bis zum Stachus eine Hauptverkehrsstraße und die U- und S-Bahn waren gerade eröffnet. Der Oberbürgermeister hieß Hans-Jochen Vogel. Ich war bereits einige Male am Olympiastadion, im Park und im Olympischen Dorf, aber künftig werde ich mit anderen Augen und Wahrnehmungen durchlaufen.

Wie wird sich Rimas, der aus einer Sowjetrepublik kommt, angesichts der vollen Läden und des Angebots an allem fühlen? Wahrscheinlich prasseln unendlich viele Reize auf ihn ein, wenn er sich in den Westen begibt. Jedenfalls wird er bei der Eröffnungsfeier von Olympia ’72 in den Rängen sehen und bewundern, was ich bewundere.

Eingetaucht in die 1970er, ein Jahrzehnt, das mich nicht nur vom Stil inspiriert

Nach dem Zwischenstopp in München schwebt „Der rote Falke“ in Bonn ein und begibt sich in den Dunstkreis des Kanzleramts. Rimas weiß, was nur wenige wissen, und hat sein wachsames Auge darauf, damit nichts schief läuft. Außerdem soll er Moskau Bericht erstatten, ob Bundeskanzler Brandt die Entspannungspolitik weiterhin umsetzen kann. Doch Rimas kann sich nicht in Frieden wähnen, denn der NSA ist in Form von Francis Lee Hayworth, einem Mann aus dem Bible Belt, an ihm dran …

Soviel zu Cold War Fiction die Dritte, in der ich Litauen und Deutschland verbinden möchte.

Wenn alles möglich ist – Zum Start der „Winterschwalben“

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Heute ist es soweit, der offizielle Bookrelease Day ist gekommen und unsere „Winterschwalben“ sind nun als Ebook und als Print erhältlich. Gleichzeitig läuft die Bewerbungsfrist für die Leserunde auf Lovelybooks.de.

Das Kloster, die Silvesterfeier und unser X-Mas-Special

Natürlich sind Silvia und ich gespannt, wie unser Cold War Fiction-Weihnachtsroman ankommt. Vorbestellt und angefragt wurde bisher schon ganz fleißig. Arvos und Nelus Begegnung an der Eisernen Grenze zwischen Rumänien und der UdSSR dürfte für einige Überraschungen sorgen, nicht zuletzt bei Arvos harter Begrüßung. Überrascht waren wir aber auch beim Schreiben, da der Plot und die Protagonisten sehr bald ihr Eigenleben entwickelten.

Da ist die Figur des Locotenent Eugeniu Iacuşi, der Arvo am Militärflughafen von Chisinau abholt und ihn durch steile Weinberge hinab nach Calarasi an der Grenze chauffiert. Während der Fahrt prallen die Mentalitäten des kommunikativen Südländers Iacusi und des zurückhaltenden, etwas wortkargen Nordlichts Arvo aufeinander. Wie mag die erste Begegnung mit Nelu erst werden? Und welche Rolle spielt die KGB-Majorin Georgeta, die sich ihrer Macht sehr bewusst ist?

Heute sind wir in die späten 1960er Jahre eingetaucht, um euch „Winterschwalben“ zu präsentieren. Für dieses Wochenende war eine „Schneebombe“ vorhergesagt, aber nicht überall fallen weiße Flocken zur Erde und zaubern eine winterliche Kulisse. Doch Schnee dürfte es in „Winterschwalben“ genügend geben.

In Anspielung auf das orthodoxe Kloster in „Winterschwalben“ habe ich das Foto im Klostergarten in Freising-Neustift aufgenommen.

Die Leseprobe wirft Arvo zurück in ein Ereignis seiner Jugend und verlangt ihm einiges an Stärke ab:

Eis, Schnee, Kurven. In halsbrecherischem Tempo jagte Iacuşi die Serpentinen hinab in ein von zartem Nebel eingehülltes Tal. Arvo liebte zwar die Geschwindigkeit, doch die hiesigen Gegebenheiten verlangten großes Geschick. Immerhin hatte ihn der Leutnant heil über die glatten Straßen, vielmehr gefrorene, steinige Pisten mit vereisten Schlaglöchern gebracht.

Durch den Dunst, der über dem schneebedeckten Boden zu schweben schien, brach fahles, diffuses Sonnenlicht. Ein Fluss atmete in die Kälte aus, auf seinem Wasser trieben Eisschollen. Hätte nicht der Winter dieses Tal mit filigranen, bizarren Formen geschmückt, die Bäume, Rebstöcke, Hecken und längst verblühte Disteln darstellten, könnte es sich genauso auf Kuba befinden. Dort hatte Arvo eine ähnliche, aber sattere Landschaft gesehen.

»Da vorne ist Călăraşi«, sagte Iacuşi, zeigte durch die Windschutzscheibe auf die Umrisse einer Stadt. Zwischen sich auflösenden Nebelschwaden tauchten im gleichen schmutzigen Gelb jeder sowjetischen Stadt die ersten Häuserreihen auf. Aus den Schornsteinen stieg der kokslastige Atem der Fabriken, Schulen und privaten Behausungen dem aufklarenden Himmel entgegen. »Unser Ziel.«

»Das wir noch vor Ankunft des Zugs erreichen«, entgegnete Arvo, spähte auf seine Uhr.

Noch einmal bewies Iacuşi seine Fahrkünste, schnitt einen Richtung Bahnhof eintrudelnden Überlandbus und hielt den Jeep vor dem Gebäude an. Soldaten mit Gewehren im Anschlag riegelten es ab, verscheuchten mit finsteren Gesichtern schon von vornherein jeden Passanten, der nur flüchtig herüberspähte. Arvo stieg aus, bedachte die schlaff herabhängenden roten Flaggen vor dem Bahnhof mit einem gleichgültigen Seitenblick und schirmte seine Augen mit der Sonnenbrille ab. Wie ein Trommelschlag erscholl das dumpfe Zusammenschlagen von Stiefelhacken, als er an den Soldaten vorbeiging. Knapp erwiderte er ihren Salut, durchquerte die menschenleere Halle. Iacuşi folgte ihm treu. Auch den Zugang zu den Gleisen versperrten die Milchgesichter in Uniform mit ihren anerzogenen, einschüchternd wirkenden Mienen, und am Bahnsteig erwarteten ihn zwei Unteroffiziere. An deren Koppeln baumelten Handschellen.

Die sind für dich gedacht, Nicolescu, frohlockte Arvo, bringen wir’s hinter uns. Ich bestehe darauf, dass du pünktlich bist. Noch fünf Minuten. Er nestelte eine Leek aus der zusammengeknautschten Packung, die vorletzte, zündete die Zigarette an und sog den Rauch zusammen mit der frostigen Kälte tief in seine Lungen.

In der Ferne hallte das Heulen der Lokomotive über das Tal. Bevor er zusammenzucken konnte, warf die Erinnerung ihren klebrigen Faden nach Arvo aus. Er verfing sich wie der erste Strang eines Spinnennetzes an einem Grashalm. Zischend und schnaubend rollte die Lok auf den Bahnhof zu. Arvo lief ein kalter Schauer den Rücken hinab.

Wieder spürte er die grobe Hand des Soldaten, der ihn über den Bahnsteig schubste. Er taumelte. Sein Vater, Ülo Kortelainen, streckte den Arm nach Arvo aus, um ihn aufzufangen. Während Miina, seine Mutter stumme, verzweifelte Tränen weinte, trug Ülo würdevoll den Koffer. Die Russen hatten ihn angewiesen, was er mitnehmen durfte. Es stand in ihrem Befehl, dass der Parlamentsabgeordnete Kortelainen sich am Baltischen Bahnhof einzufinden hatte.

Juni 1940. Kein Personenzug, nicht einmal einer, der aus Waggons der zweiten oder gar dritten Klasse zusammengestellt worden wäre, wartete am Bahnsteig. Dort wimmelte es vor Menschen. Stimmen schlugen auf, wohin, wohin? Soldaten stießen Frauen rabiat mit Gewehrkolben in Güterwaggons, brüllten russische Kommandos. CCCP und der Sowjetstern prangten weiß aufgepinselt auf den abstoßend braunen Waggons. Männer, Greise, Kinder. Esten, Russen. Sie gingen auf die große Reise. Nicht jeder trat sie so würdevoll in seinem Dreiteiler, Hut und einem sanften Lächeln an wie Ülo Kortelainen.

Die verfickte große Reise! Wie ein Irrer presste Arvo die Handfläche auf die Stirn.

»Genosse Oberst, Ihre Kappe.« Sollte er Iacuşi dankbar sein, dass er den eng um Arvo gewobenen Kokon auseinanderriss? Mit diesem belanglosen Satz?

»Danke, Iacuşi«, erwiderte er. Peinlich berührt staubte er den Pelz ab, setzte die Uschanka wieder auf, als sei nichts geschehen.

X-Mas-Special: Winterschwalben – Das Making-Of

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Endlich ist es offiziell: Die von mir und meiner lieben Autorenkollegin Silvia Hildebrandt als X-Mas-Special angedachten „Winterschwalben“ erscheinen noch rechtzeitig vor Weihnachten! Dabei handelt es sich um eine weniger besinnliche Weihnachtsgeschichte, sondern um die Begegnung eines Agenten und Offiziers in den späten 1960er Jahren, verpackt in einen temperamentvollen Roman mit jeder Menge Sex, Drugs und Rock n‘ Roll.

Die Idee entstand beim Chatten mit Silvia. Während ich im Zug nach München saß und wir uns über unsere Protagonisten, den bärbeißigen estnischen Offizier mit Hang zu Eskapaden, Arvo Kortelainen aus der „Himmel, Erde, Schnee“-Saga, und ihren nicht minder schillernden Securitate-Maresal Nelu ausließen, kam dann: „Stell dir vor, die beiden würden aufeinandertreffen“. Kurz darauf entstand der Plot. 

Kurz nach der Niederschlagung des Prager Frühlings schien uns der richtige Zeitpunkt, zu dem sich Arvo und Nelu begegnen sollten. Die Hoffnung des Esten, der noch die Zeiten der Unabhängigkeit kannte, auf Reformen und die Möglichkeit, sein Land könnte sich aus der eisernen Umklammerung des Sowjetimperiums in Richtung Freiheit davonstehlen, werden zerstoben. Die Rumänen haben offen mit Moskau gebrochen, indem sie sich nicht an der Invasion in die CSSR im August 1968 beteiligt hatten. Soweit dann der Plan, dass unser gemeinsamer Roman eine Winter-Edition unserer Cold War Fiction werden sollte. Zur Jahreswende 1968/69 reist Nelu undercover in die Moldawische SSR, um einen Dissidentengruppe zu unterstützen, die die Unabhängigkeit von Moskau bestrebt. Im fernen Tallinn dagegen erhält Arvo, der bereits einen Einsatz auf Kuba hatte, den Befehl, nach Chisinau zu fliegen und Nelu aufzuhalten …

So begann jede von uns zunächst mit ihrem Protagonisten. Für die gemeinsamen Szenen verabredeten wir uns. Meistens Sonntag Nachmittag um 14:30 Uhr. Der Cursor blinkte auf und ich dachte: „Wie steige ich jetzt ein?“ Dann las ich das erste Wort, den ersten Satz, den nächsten, und plötzlich war ich in Nelus Perspektive. Auch für mich als Arvos Schöpferin war es faszinierend, wie sich meine Kollegin in seine nordische Einsilbigkeit und seinen trockenen, fast schon zynischen Humor hineinversetzen konnte. Wahrscheinlich ging es mir ähnlich, als ich mich in Nelus südländisches Temperament und seine Traumata hineinfühlte und mit seiner Rolle verschmolz. Wir hatten einen Plot, doch ich erlebte, wie inspirierend Spontaneität sein kann. Wie die eine die Idee der anderen aufgriff, oder eine komplett andere hatte. Nachmittag für Nachmittag gerieten wir in einen richtigen Flow. Ich merkte, dass ich nicht allein bin mit meiner Begeisterung für das Thema Kalter Krieg und ehemalige Sowjetunion/Ostblock, sondern dass wir auch beim Schreiben auf der gleichen Wellenlänge sind. Und dann nahten wir uns dem Finale. Abschied von liebgewonnenen Protagonisten zu nehmen ist auch wie sich von Freunden zu verabschieden.

Aber das sollte nicht so sein. Kaum hatten wir „Winterschwalben“ beendet, hieß es: „Was wäre, wenn sich Rimas und Attila begegnen würden?“ Sofort prasselten die Bilder meines Kopfkinos auf mich ein und ich musste mich fassen. Ausgerechnet Rimas, der übelste und sadistischste Charakter, den ich je geschaffen hatte, würde zum Co-Star. Aber wer sonst, wenn nicht er? Also prüfte ich Rimas‘ Terminkalender, was er zwischen Teil 1 und 2 der „Eis und Bernstein“-Trilogie machte, so zwischen September 1985 und April 1986. Nichts, was offiziell dokumentiert wäre. Irgendwann sollte Rimas einmal in Urlaub gehen, bevor er noch einen Burnout bekommt. Nachdem er sowjetischer Wahlbeobachter in Ungarn war, gönnt er sich ein paar erholsame Tage am Balaton. So der Plan. „Steppenfalken“ war geboren, eine Ost-Ost-Agentengeschichte mit ein wenig Fluff, Gay Romance und Balaton-Flair der 1980er. Die Veröffentlichung von „Steppenfalken“ ist für Frühsommer 2022 geplant.

Demnächst werden wir das Cover von „Winterschwalben“ präsentieren. Ich freue mich, hier eine Leseprobe aus dem Anfang vorzustellen, als Arvo auf seine Mission geschickt wird:

Unter den wogenden roten Regimentsfahnen lief Arvo die marmornen Treppen der Kommandantur hinauf. Ihm kamen salutierende Sergeanten und Unteroffiziere entgegen, fleißige Tippsen mit ihren hoch aufgetürmten Haaren und wie summende Bienen klingende Telefonistinnen.

In seinem Büro legte er seinen Mantel und die Kappe ab, setzte sich und nahm den Schreibkram zur Hand, mit dem er sich befassen musste. Manöver und Inspektionen von Material und Männern waren ihm lieber, als staubtrockene Lageberichte durchzulesen und mit einer Unterschrift zu bestätigen.

»Dobrij utrom, Arvo, der General wünscht dich zu sprechen.« Serjoschas dröhnende Bassstimme ließ ihn aufblicken. Sein Kamerad und Kumpan lehnte im Türrahmen.

Kamerad? Sergej Burakow nötigte Arvo seine Freundschaft auf wie die Russen ihre feuchten Schmatzer, bei denen er stets das dringende Verlangen verspürte, sich die Wangen abzuwischen. Unter Esten war es nie üblich gewesen, sich überschwänglich abzuknutschen – abgesehen von Liebespaaren. Überhaupt nicht. Und gegen Küsse von Männern hegte er seit seiner Kadettenzeit eine tiefe Abneigung.

»General Jakowlew?«, fragte er, als bezweifelte er die Glaubwürdigkeit von Serjoschas Worten, und ließ die braungraue Kartonmappe auf die Schreibunterlage gleiten.

»Da«, bestätigte Serjoscha, schloss die Lider und nickte kräftig. Dann schaute er ihm mit seinem rundwangigen Gesicht an wie der Vollmond selbst, wandte sich um und setzte sich an seinen Schreibtisch in der gegenüberliegenden Nische.

Arvo folgte dem roten Teppichläufer mit den floralen Borten, der ihn geradewegs in General Jakowlews Büro führte. Gehorsam stand er vor seinem Vorgesetzten stramm, dessen Gestalt sich vor dem hellgrauen Himmel und den unscharf durchschimmernden Türmen und Wehrmauern Tallinns abzeichnete; die abstehenden breiten Schulterklappen, das zur Seite gescheitelte Haar wirkten im diffusen Gegenlicht wie ein Scherenschnitt.

»Setzen Sie sich, Oberst Kortelainen«, forderte er Arvo auf. Korte – laj – nen. Würde er doch seinen Namen einmal vernünftig aussprechen und nicht die Vokale schleifen und aus a-i aj machen!

Sein Widerstreben und sein Unbehagen niederringend nahm Arvo Platz. Drohte tatsächlich eine Konfrontation mit dem Nordaltantischen Bündnis?

»Hier ist Ihr Marschbefehl«, sagte der General und reichte ihm einen Umschlag. Auf Arvos ungläubigen Blick fuhr er fort: »Sie werden an die sowjetisch-rumänische Grenze beordert, um diese zu sichern. Seit sich Rumänien von uns losgesagt und seine Unterstützung gegen die Prager Konterrevolutionäre verweigert hat, dürfte die Regierung in Bukarest Interesse daran haben, die Moldauische SSR zu destabilisieren. Ihre Aufgabe ist es, die Grenzgarnison zu kommandieren und jeden Versuch der Rumänen, Saboteure einzuschleusen, umgehend zu unterbinden.«

»Das lese ich gerade, Genosse General«, sagte Arvo, den Namen der Operation Schwarz auf Weiß: Weingarten. Klar, eindeutig. Moldawien war bekannt für seine vollmundigen, sonnengeküssten Weine. »Wann geht es los?«

»In zwei Tagen«, antwortete Jakowlew. »Dann werden Sie zum Militärflughafen Kischinjow fliegen und von dort aus zur Garnison gebracht. Ihr Einsatz wird so lange dauern, bis Weingarten erfolgreich abgeschlossen ist. Da Sie bereits an der türkischen Grenze und auf Kuba stationiert waren, als es dort brenzlig wurde, habe ich keinerlei Zweifel wegen Ihres Gelingens.« Er lehnte sich in seinem Sessel zurück, ließ die eine Hand auf dem Koppelschloss ruhen, während die andere sehr offensichtlich in einer Akte blätterte. »Außerdem hatten Sie vor zehn Jahren mehrere Kommandos in den Wäldern, um Partisanenbanden auszuheben. Wofür Sie ausgezeichnet und befördert wurden.«

»Das ist korrekt, Genosse General.« Noch immer suchten Arvo die Alpträume heim, in denen er Soldaten ins Dickicht gescheucht hatte, um die unterirdischen Lager der Metsavennad auszuräuchern. Gewehrsalven klatschten, Schreie, Aufstöhnen, aufstiebende Erde, splitterndes Holz und Blut. Vor allem estnisches Blut. Auf beiden Seiten. Ihm schauderte vor Scham.

»Noch Fragen zum Einsatz? Sollten keine aufkommen«, sagte Jakowlew gefällig. »Abtreten, Kortelainen!«

#Charactersofseptember: Arvo über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – „Ich Idiot wurde schwach.“

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Kurz vor meinem Abschied von Tallinn besuche ich Arvo in seinem Haus im Stadtteil Nõmme. Ich erlebe ihn sehr zivil, in einer bequemen Sporthose und einem T-Shirt steht er am Rand des Pools und fischt Herbstlaub aus dem Wasser. Noch immer funkelt das Bassin verlockend türkisblau in der Septembersonne, aber im Schatten merke ich, wie weit nördlich ich mich befinde und schüttle mich leicht im kühlen Luftzug. Doch Arvo scheint es bei der Arbeit warm genug zu sein.

„Vermutlich sind wir die einzigen im Viertel, die über den Luxus eines Pools verfügen“, erzählt Arvo. „Manchmal springe ich im Sommer nach dem Aufstehen hinein, drehe ein paar Runden und richte mich danach für den Dienst her. Für den Jungen ist der Pool natürlich prima. Ich vermute, in dem Haus, das uns nach meiner Rückkehr aus Kirgisien zugeteilt wurde, wohnte zuvor ein russischer Offizier mit seiner Familie.“ Gegen die über den Horizont wandernde Sonne schirmt er seine Augen ab, nickt zu dem hellen Haus mit dem Flachdach. Inmitten der idyllischen Holzhäuser wirkt es sehr modern. „Wir Esten kämen nicht auf die Idee mit einem Pool und müssen auch nicht damit protzen. Die Sauna ist uns wichtiger. Von der hat man das ganze Jahr etwas und muss nicht Mengen an Wasser auslassen, wenn der Sommer vorbei ist.“ Er legt den Kescher beiseite. Wirklich begeistert wirkt er nicht, als er nach der Zigarettenschachtel greift und sich eine anzündet, mit dem Handrücken über seine verschwitzte Stirn wischt. „Was möchtest du heute von mir für deine Leser wissen?“, fragt er, öffnet zischend eine Bierbüchse und stößt mit meinem Glas an. Darin befindet sich Kissjel, ein rosafarbenes Getränk aus pürierten Beeren, das ich bereits von meinen Besuchen im Baltikum kenne.

„Du hast viel erreicht“, leite ich meine Frage ein, wende mich nach dem Haus um, vor dem sich ein prächtiger Kirschbaum verfärbt und sein Laub lichtet. „Bist du das geworden, was du früher werden wolltest?“

„Nein“, antwortet Arvo entschieden, bläst den Rauch aus und setzt sich auf eine der Plastikliegen. „Ich wurde nicht gefragt, ob ich auf die Militärakademie will. Ich wollte auch nicht tausende von Kilometern von meiner Heimat entfernt sein, und das mit achtzehn Jahren. Als Sohn eines Staatsfeinds sollte ich dankbar für diese großartige Chance sein.“ Er nimmt einen Schluck Bier, drückt mit den Fingern das Blech der Dose ein. „Mein Traum war, dass ich ein großer Pianist würde, der um die Welt reist und in den großen Konzerthäusern spielt. Als sehr junger Mensch darf man seine Ziele noch himmelhoch stecken.“

Für eine Weile versuche ich mir den bekannten Pianisten Arvo Kortelainen vorzustellen, der zumindest in den sozialistischen Bruderländern auftreten dürfte. Konzentriert sitzt er am Flügel, mitten auf der Bühne vom Scheinwerferlicht erfasst, und er geht auf in dem Musikstück, das er spielt. Zweifellos würde auch das zu ihm passen, aber ich kenne ihn meistens in seiner Uniform. Nun gut, gerade sitzt er in legerer Sportkleidung vor mir und in Badeschlappen anstelle polierter Halbschuhe.

„Was magst du an deiner Arbeit?“ Vielleicht gewinnt Arvo seiner Aufgabe doch etwas Gutes ab. „Was nicht?“

Da überlegt er lange und leitet erst einmal mit nooh ein. Er klingt nicht gerade begeistert, versucht es aber doch: „Ich mag das Strukturierte und das Strategische. Beides liegt mir.“ Ein hintersinniges Grinsen klemmt in seinem Mundwinkel, als er gesteht: „Mit der Uniform hat man es bei den Mädels leichter, auch wenn sie es nicht zugeben. Als General habe ich eine privilegierte Stellung im Staat und ich wäre dumm, sie nicht zu nutzen.“ Wieder drückt er die Dose zusammen, diesmal springen knackend die Dellen heraus, die seine kräftigen Finger im Blech geformt haben. „Was ich nicht mag, ist der Fraß aus der Feldküche, den es während der Manöver gibt. Und die Verbohrtheit, die kein selbständiges Denken zulässt und nur strikte Befehlsbefolgung kennt. Da wären noch die von sich selbst überzeugten Generäle und ihre einfältigen, parfümierten und aufgetakelten Weiber, die Lagle aus Höflichkeit in unser Wohnzimmer einladen muss.“

Das ist ganz schön stark. Anscheinend vertraut mir Arvo soweit, dass er über seine Vorgesetzten lästert. Ob er auf meine nächste Frage genauso unverblümt antwortet? Er deutete bei unserer letzten Begegnung bereits an, dass er eine Schwäche für schöne Frauen hat – obwohl seine Ehefrau wie die meisten Estinnen ebenfalls recht hübsch ist. Ich weiß auch, dass er vor ihr bereits länger liiert war.

„Wie endete deine letzte Beziehung?“, frage ich.

Als kundschaftete er das Vorrücken feindlicher Truppen aus, späht Arvo zum Gartentor. Nein, Lagle kommt nicht unvermittelt um die Ecke. Ihm scheint die Frage unangenehm zu sein. „Meinst du mit Sigrun? Weil ich mich in Lagle verliebt habe und etwas Ernsteres daraus wurde, habe ich mich getrennt“, verrät er, doch er scheint zu bemerken, dass mir die lapidare Zusammenfassung der großen Romanze in HES 1 „Unter dem roten Stern“ nicht genügt. Er weiß selbst, dass er etwas zu verbergen versucht. Während er an seiner Zigarette zieht und sie dreht, kräuselt er die leicht geschwungenen, eleganten Brauen. Mit seinen dunklen Haaren und den eisblauen Augen ist Arvo gewiss kein unattraktiver Mann, und dessen ist er sich bewusst. „Also gut“, räuspert er sich. „Ich Idiot wurde schwach und hatte an der Akademie eine Affäre. Diese Frau glaubte, aus uns würde mehr. Es endete, als ich ihr sagte, ich würde nach Estland zurückkehren und meine Frau niemals verlassen.“ Nachdenklich kratzt er sich am Kinn, blinzelt auf das funkelnde Wasser. „Oder gibt mir Lagle irgendwann den Laufpass? Wobei es im Moment wieder zwischen uns läuft …“ 

„Wen hast du zuletzt geküsst?“ Ich bin selbst neugierig.

„Meine Frau“, bekräftigt er. Ich höre heraus, dass sie ihm noch immer sehr viel bedeutet und wünsche ihm, dass er nochmals die Kurve kriegt.

Umso provokanter dürfte meine Frage sein, was er aus seiner Vergangenheit bereut.

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich mehr meinen Seitensprung bereuen soll, oder dass ich Lagle davon gebeichtet habe“, erklärt er sein Dilemma, schnippt die Asche seiner Zigarette ab.

Dabei belasse ich es lieber und frage: „Und worauf bist du stolz?“

„Natürlich auf meinen Sohn“, antwortet Arvo, und der düstere Schatten in seinen Augen verschwindet. „Ich bin auch stolz auf meine Laufbahn und dass ich es als Este so weit gebracht habe. Alle Generäle und Kommandeure sind Russen, und obwohl ich mich doppelt vor ihnen beweisen muss, gibt es mir eine Genugtuung, dass ich ihnen ebenbürtig bin.“ Die diebische Freude und den Patriotismus sehe ich ihm an seiner wohlgeformten Nasenspitze an. „Hast du sonst noch Fragen?“

„Ja. Wann du zuletzt das erste Mal etwas getan hast.“

„Wann ich was?“, lacht er auf. Dabei macht er seine Augen gefährlich schmal. Wie ein nordischer Eroberer, der von seinem Drachenboot springt und sich umsieht. „Ich habe fast alles zum ersten Mal in meiner Jugend und in meinen Zwanzigern getan.“ Während Arvo seine Kippe im Aschenbecher ausdrückt und die Bierdose leert, zieht er die Brauen hoch. Er steht auf, nimmt den Kescher. „Machen wir weiter.“

Das fasse ich glatt als Aufforderung auf. Ich sehe, welche Mühe er sich gibt, nach den Blättern zu fischen, die auf den Grund des Pools gesunken sind. „Für was hättest du gerne mehr Zeit?“, will ich erfahren.

„Für meine Familie“, erwidert er, zupft die schlabbrigen, dunkelbraunen spitzen Blätter des Kirschbaums aus dem Netz. „Ich sollte mehr Sport machen, oder am Strand spazieren gehen. Ich würde gerne wieder ein Buch lesen. Und natürlich ausschlafen.“

Noch einmal betrachte ich das Haus, in dem Arvo und Lagle leben. Die Doppeltür zur Terrasse lässt es hell und einladend wirken. Da sich die Sonne im Glas spiegelt, kann ich außer den Vorhängen nicht viel erkennen, aber da ich die Einrichtung in HES beschreibe, ist es sehr behaglich dort. „Was macht dein Zuhause zu deinem Zuhause?“, fällt mir ein.

„Die Lebendigkeit und Wärme, mit der es meine Frau und mein Sohn ausfüllen“, erklärt er.

Als die Sonne hinter den Baumwipfeln verschwindet und die Schatten kühl und feucht den Garten einhüllen, verspüre ich einen leichten Stich. Es wird allmählich Zeit für den Abschied. Arvo legt den Kescher beiseite, schlüpft in die Trainingsjacke. Selbst er scheint jetzt leicht zu frösteln. Mit seiner Arbeit ist er fertig. „Jetzt lasse ich das Wasser ab und befestige die Folie“, sagt er. „Solange es noch hell ist.“ Damit hat er Recht, in diesen Breiten scheint im Herbst der Horizont die Sonne zu verschlucken und es wird abrupt dunkel.

Ich betrachte einen Mann, der ausgiebig lebt und damit sehr facettenreich ist. Arvo hat viel gesehen, ertragen und musste sich durchsetzen. Also bleibt mir noch meine Abschlussfrage: „Welches Ziel möchtest du unbedingt noch erreichen?“

Er überlegt eine Weile, dann antwortet er: „General der Armee eines freien Estlands sein.“ Seufzend fügt er hinzu: „Aber das scheint unmöglich.“

Wieder beiße ich mir auf die Zunge. Trotzdem entschließe ich mich, ihm einen kleinen Hinweis zu geben. „Merk dir den Namen Gorbatschow.“

Leicht irritiert kräuselt Arvo die Stirn. „Hm, Gorbatschow? Der Landwirtschaftssekretär im Moskauer ZK?“ Mehr scheint er mit dem Namen nicht anfangen zu können.

Ich nicke. Wie dem auch sei. „Kindral Kortelainen“, setze ich zum Abschied an und zeige einen militärischen Gruß, „es war mir wie immer eine Ehre.“

Um in meine Zeit zurückzukehren muss ich durch keinen Steinkreis gehen. Ein Kirschbaum in Tallinn-Nõmme erweist sich als Portal. Ich stelle mich unter seine ausladenden Äste, gleich rieselt ein Sturm von Blättern herab. Ich werde weder Arvo noch Tallinn endgültig verlassen, denn seine ganze Geschichte, seine jungen Jahre und die Freundschaft zu Martin und Meeli wollen erzählt werden.

Wer für jetzt mehr erfahren möchte, morgen erscheinen beide Bände von „Himmel, Erde, Schnee“.

#Charactersofseptember: Arvo über das Leben, Tod und Teufel

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Obwohl sich die Sonne durch den Morgendunst kämpft, weht mir der feuchtkalte Fahrtwind entgegen und ich vergrabe mich in meinem Mantel. Meine Füße stecken in gut eingelaufenen Lederstiefeln, die anscheinend einer Soldatin gehören. Ich sitze neben Arvo, der den Jeep über die Landstraßen jagt. Die estnischen Landstraßen gleichen eher unseren Feldwegen. Vereinzelt ducken sich Holzhäuser an die Straße, weiße Dunstschwaden hängen zwischen herbstbunten Büschen und den letzten farbenprächtigen Gladiolen, Sonnenblumen und Astern, Wäsche hängt in manchen Gärten und in den feinen Spinnweben haben sich winzige Tauperlen verfangen. Hier kann man die Stille beinahe schon hören.

Arvo steuert den Jeep mit einer Hand, die andere ruht entweder auf seinem Oberschenkel, oder er führt eine Zigarette an die Lippen. Wir sind in den 1970er Jahren, und einiges, worüber sich heute empört wird, interessiert schlicht und ergreifend niemanden.

Apropos, Selbstoptimierung ist noch keine Religion, und da ich bei Arvo an einen äußerst authentischen Charakter geraten bin, frage ich ihn: „Bist du optimistisch, realistisch oder pessimistisch? Und warum?“

„Ich bin Realist“, antwortet Arvo, schenkt mir ein Lächeln, als nähme er sich selbst nur halb ernst. Das ist der augenzwinkernde Charme der Esten. „Warum? Weil nicht immer das schlimmste Szenario eintreten muss, das der Pessimist so liebt. Ich halte meine Erwartungen und Hoffnungen lieber niedrig und schätze ein, welche Pläne sich umsetzen lassen. Realismus ist wie eine Strategie, die man klar und scharfsinnig verfolgt.“  

Hinter dem Dörfchen öffnet sich ein Kiefernwald, empfängt uns mit gefächerten Zweigen. Mir steigt der frische, verheißungsvolle Duft der langen Nadeln entgegen, vermischt sich mit dem herben Tabakqualm von Arvos Zigarette. Eines seiner Laster.

„Welche schlechte Angewohnheit möchtest du gerne loswerden?“, fällt mir ein.

Wie auf ein Stichwort betrachtet er die glimmende Spitze seiner heruntergerauchten Kippe. „Würde ich eine meiner Schwächen aufgeben, werden die anderen übersichtlicher“, überlegt er, nimmt noch einen Zug, bevor er den Stummel ausdrückt. „Ich rauche, trinke, fluche, esse und feiere gerne und habe in meinem Leben viele Frauen geliebt. Doch, du hast Recht. Ich sollte letzteres aufgeben.“

Nach einiger Zeit lichtet sich der Wald und eine weite Ebene, eingefasst von vereinzelten Kiefern und sich golden verfärbenden Birken.

„Wir sind gleich da“, sagt Arvo und deutet in die Ferne, wo die Sonne sich durch die Nebelschleier schält und sich blinkend auf einer Wasseroberfläche spiegelt. „Das Hochmoor.“

Knirschend rastet die Gangschaltung ein, er verlangsamt das Tempo. Unter mir schwankt der Jeep, bevor Arvo seitlich an einem Gebüsch anhält. Bei dem Anblick verschlägt es mir den Atem. Unzählige kleine Seen durchziehen Schilf- und Grasgürtel. Wie Splitter des Himmels, die in der weichen, feuchten Moorerde eingebettet sind. Ein Holzsteg führt ins Endlose. Bevor Arvo mir heraushelfen kann, gleite ich aus dem Jeep und komme auf dem Boden auf. Ich stehe vor ihm, blicke zu ihm hoch.

„Wofür hast du kein Verständnis?“, frage ich.

Arvo schiebt seine Kappe zurück, reibt sich die Stirn und späht umher. „Für das Überlegenheitsgefühl einiger Menschen, weil sie einer bestimmten Nationalität angehören und auf andere Völker und Ethnien herabblicken“, antwortet er.

Ich wundere mich, warum er sich bückt und im Gebüsch umherzupft. Hat er etwas verloren? „Kann ich dir behilflich sein?“, erkundige ich mich, trete näher.

„Nein, nein“, lehnt er ab, hält mir stattdessen einige weiße Beeren anbietend in der Handfläche entgegen. „Ich habe nur ein paar reife Moltebeeren gepflückt.“

Etwas befremdet sehe ich ihn, dann die Beeren an, die an Himbeeren erinnern und schiebe schließlich eine in den Mund. Sie schmecken köstlich, ein wenig herb. Jetzt läuft Arvo voran, strebt auf den Steg zu. In seinem Gesicht nehme ich den heimlichen Stolz wahr, den er empfinden muss, als er mir sein Heimatland zeigt.

Wir überqueren das Wasser, in dem sich tiefziehende, zerfranste Wolken spiegeln. Dabei fällt mir ein, dass ich einmal in Lettland war und meine Freundin meinte, ich dürfe mir etwas wünschen, als wir die Brücke über einen kleinen Fluss überquerten. Prompt frage ich Arvo: „Bist du abergläubisch?“

Ihm entfährt ein kurzes Lachen. „Nein!“, sagt er. „Ich glaube nicht, dass unser Glück von irgendwelchen Zwangshandlungen abhängt.“

Ich bemerke, wie er die Natur um sich herum aufsaugt, vernehme einen tiefen, wohligen Atemzug. Für eine Weile laufen wir schweigend nebeneinander her. Mir scheint die nächste Frage auf meiner Liste in dieser friedlichen wie beeindruckenden Umgebung unpassend, aber während ich Arvo mit Seitenblicken studiere, erkenne ich einen Mann, der die schönen Dinge des Lebens genießt.

„Gehst du gerne aus? Wenn ja, wohin?“

Er bedenkt mich mit einem Blick, als meinte ich meine Frage nicht ernst. „Natürlich gehe ich gerne aus“, antwortet er. „Mit meiner Frau gehe ich gerne ins Theater und ins Kino. Oder auf Feste wie an Mittsommer, Geburtstagen von Freunden und Verwandten und Neujahr. Ansonsten bin ich manchmal nach dem Dienst in der Offiziersmesse.“

Vermutlich mit Serjoscha, fällt mir ein. Der ist einer seiner Kameraden, aber eher ein übler Bursche, der dem Wodka, dem Glücksspiel und einigen weiteren Eskapaden zugeneigt ist.

„Wie geduldig bist du?“, interessiert mich dabei.

„Ich erwarte, dass meine Befehle und Anweisungen sofort umgesetzt werden. Als Vorgesetzter bin ich sehr ungeduldig“, gesteht Arvo. „Aber in Sowjetestland zwingt einen der Alltag zur Geduld. Vor den Läden bilden sich oft lange Warteschlangen, die Telefonverbindung funktioniert nicht immer und manchmal muss man auf Ersatzteile warten, oder es gibt sie erst gar nicht. Dann heißt es, improvisieren. Auch mein Kind fordert meine Geduld ziemlich heraus, besonders am Feierabend.“ Er zuckt leicht mit den Schultern und in seinen Augen kann ich erkennen, dass er wohl ein schlechtes Gewissen hat.

„Was macht dich glücklich?“

„Mein Sohn, obwohl er mich manchmal nervt“, antwortet Arvo.

Seine Direktheit ist bemerkenswert und ich will wissen, ob er tatsächlich sagt, was er denkt.

„Ich wollte, ich könnte es“, seufzt er, bleibt stehen und umfasst das Geländer des Holzstegs. „Dann liefe einiges anders im Militär und in diesem Land. Mit einer eigenen Meinung lebt man sehr gefährlich, also bin ich sehr vorsichtig. Darum kann ich nur meiner Frau und Martin gegenüber offen und ehrlich sein.“

Ich schätze Arvo auch sehr direkt ein und ihm muss es schwerfallen, sich im Alltag auf die Zunge beißen zu müssen. Missstände und Mangel gehören in der Sowjetunion zur Tagesordnung, selbst die größte Armee der damaligen Welt ist schlecht ausgerüstet und die Soldaten haben nicht immer genügend Verpflegung. Dafür lässt sich die Supermacht ihr Atomwaffenarsenal Hunderte von Milliarden kosten – was sie ruinieren wird.

Ob Arvo den Niedergang und den Zerfall des Roten Imperiums ahnt? Ob er zu träumen wagt, dass Estland eines Tages seine Unabhängigkeit wiedererlangen wird? Würde ich ihm als Zeitreisende einen Gefallen tun, wenn ich ihm verrate, dass ein gutes Jahrzehnt später der Eiserne Vorhang schmilzt, sich die beiden Machtblöcke nicht mehr feindlich gegenüberstehen und überall in Estland wieder die alte Flagge Blau-Schwarz-Weiß weht? Gedankenverloren schweift Arvos Blick in die Ferne. Denkt er gerade an die vergangenen Tage des alten Estlands seiner Kindheit? Vielleicht ruft er eine andere, schöne Erinnerung herbei und hängt der Vergangenheit nach.

„Was kannst du nicht wegwerfen?“, frage ich, betrachte wie ich das Wasser, das an einem Herbsttag wie heute spiegelglatt und still unter uns den Himmel spiegelt.

„Meine Fotoalben. Mit der Armee bin ich doch ein wenig in der Welt herumgekommen, und ich habe die Momente meiner Hochzeit darin verewigt“, erzählt Arvo, lehnt beide Arme auf das Geländer, beugt seinen Oberkörper leicht vor. „Ich würde auch den Karton, den ich von meiner Mutter übernommen habe, niemals wegwerfen. Darin befinden sich alte Bilder, als wir noch eine Familie waren, und die Postkarten, die ich ihr von meinen Stationen geschrieben habe.“

Ein gelbes Birkenblatt treibt fast reglos auf dem Wasser.

„Hast du Angst vor dem Tod?“

Bedächtig schüttelt Arvo den Kopf, überlegt und sinniert wohl über die Vergänglichkeit dieses Blattes: Abgestorben und abgeworfen landet es beliebig irgendwo. „Vor dem Tod an sich nicht. Ich habe einige liebe Menschen sterben gesehen“, verrät er. „Ich habe eher Angst davor, schwer zu erkranken und qualvoll und würdelos zu sterben.“ Plötzlich weht ein lebhafter Windstoß über uns hinweg. Leise höre ich das Flüstern der Kiefernnadeln und das prasselnde Rascheln des Laubs. Noch mehr Blätter rieseln herab, verfangen sich im Schilfgras und segeln auf das Wasser herab.

#Charactersofseptember: Arvo über seine Kindheit, Jugend und die Freundschaft

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Für die diesjährige Characters of September-Challenge, zu der wie jedes Jahr die liebe Gabi Büttner aufruft, reise ich zurück in die UdSSR der späten 1970er Jahre. Gedämpft wie durch den Spätsommerdunst zieht hinter den Gardinen am Rückfenster das Tallinn jener Zeiten an mir vorbei, während die SIL-Limousine über die Schlaglöcher der Rannamäe Tee prescht. Plakate verkünden stolz, dass Tallinn, natürlich abgesehen von Moskau, Austragungsort der Olympischen Spiele 1980 sein wird.

Neben mir sitzt die Legende General Arvo Kortelainen, der in diesem Herbst gleich in zwei Büchern eine der Hauptrollen übernimmt: In „Unter dem roten Stern“, dem 1. Teil der „Himmel, Erde, Schnee“-Saga und in „Winterschwalben“, einer Ost-Ost Spionage-Koproduktion mit meiner Kollegin Silvia Hildebrandt.

Zwischen mir und Arvo liegt die breite Tellermütze mit dem üppigen Lorbeerlaub um den roten Stern. Ansonsten ist Arvo mir gegenüber eher höflich-reserviert, dabei ist er nicht unbedingt berühmt dafür, dass er lange fackelt. Seinem Gegenpart Nelu schlägt er gleich einmal nach Wikingermanier mit der Faust nieder, sobald der sowjetischen Boden betritt. Frauen gegenüber ist er charmanter. Vielleicht liegt es daran, dass ich aus dem Westen angereist bin und in Zeiten des Kalten Krieges könnte der wachsame Staat selbst bei einem General misstrauisch werden. Oder es ist tatsächlich seine wortkarge nordische Art, warum er etwas zurückhaltend ist. Aber ich bin Arvos Schöpferin, vielleicht genieße ich deshalb etwas mehr Freiheiten.

Nachdem Arvo die Gardine ein wenig zurückgeschoben und mir die Tallinner Bucht, das Viru Väljak und den Turm der Olavikirche gezeigt hat, gebe ich ihm zu verstehen: „Noch kennen dich nicht alle Leser. Willst du dich in ein paar Worten vorstellen?“

Etwas überrascht hebt Arvo die Braue und gibt gedehnt den estnischen Allerweltslaut „Nooh“ von sich. Was wohl bedeutet, also gut. „Ich bin hier in Tallinn geboren und im Stadtteil Kadriorg aufgewachsen. Meine Eltern wohnten in einem schönen Haus“, antwortet er, weist mit der Hand diagonal in die Richtung, wo sich hinter den rußgeschwärzten, rot beflaggten Fassaden entlang der Narva Maantee die Bucht befinden muss. „Vor dem Krieg war mein Vater Parlamentsabgeordneter, meine Mutter liebte es zu singen. Doch dann …“ Ein Blick aus Arvos eisblauen Augen verrät mir, dass er damit den Beginn der sowjetischen Besatzung meint. Er ringt sich ein tapferes Lächeln ab, fährt fort: „Nach meinem Schulabschluss wurde ich auf eine Kadettenschule in Kirgisien geschickt. Danach wurde ich nach Armenien an die türkische Grenze versetzt, wurde endlich in Estland stationiert, und dann ging es nach Kuba. Vergangenes Jahr kehrte ich nach drei Jahren aus Kirgisien zurück. Dort war ich an der Kadettenschule, die ich einst absolviert hatte, Ausbilder. Vor kurzem wurde ich zum General befördert und bin stellvertretender Kommandeur der Militärpräfektur.“

„Das sind ziemlich nüchterne Fakten über dich“, bemerke ich. „Erzähle etwas über deine Familie.“

„Ich bin verheiratet und habe einen Sohn.“ Dabei entspannen sich seine Gesichtszüge, unweigerlich dreht er mit der Daumenkuppe an seinem rotgoldenen Ehering, und ich merke am weicheren Ton seiner Stimme, was ihm seine Frau und sein Sohn bedeuten mögen.

Als ich Arvo frage, wer seine Bezugsperson als Kind war, wird er wieder einsilbiger. „Meine Mutter.“

Dass er nicht viel über Miina sprechen möchte, verstehe ich zu gut. „Hast du trotzdem eine besonders schöne Kindheitserinnerung?“

Sichtlich fällt es Arvo schwer, über seine Kindheit zu sprechen. Da der Adjutant, der uns durch Tallinn chauffiert, unsere Unterhaltung mithören kann, will ich nicht weiter nachbohren. Ich weiß, dass Arvo der Untergang des alten Estlands, in dem er so behütet und frei aufgewachsen ist, noch immer schmerzt und seine Familie auseinandergerissen wurde.

„Das waren die Sommer in Pärnu, an der Westküste“, antwortet er schließlich bereitwillig, schiebt nochmals die Gardine ein paar Zentimeter beiseite und blinzelt gegen das sich in den Fenstern der Häuserzeilen spiegelnde Sonnenlicht. „Aber auch das erste Mal, als ich mit meinen Eltern das Sängerfest besuchte. Es findet alle vier Jahre statt. Jedes Kind in Estland kennt die Lieder.“

„Hattest du als Kind auch ein Lieblingsspielzeug?“, frage ich.

Jetzt scheint das Eis zu brechen. „Meinst du, ich habe mit Spielzeugsoldaten gespielt?“, erwidert Arvo augenzwinkernd. Kurz wendet er sich von mir ab, tippt seinen Adjutanten an der Schulter und gibt ihm eine Anweisung. Der Mann streift mich mit einem flüchtigen Blick in den Spiegel, fährt rechts heran. Arvo schüttelt leicht den Kopf, nimmt seine Schirmmütze in die Hand, dreht sie. „Nein“, beantwortet er seine eigene Frage. „In der Straße, in der ich damals wohnte, gab es viele Kinder. Sommer wie Winter spielten wir die meiste Zeit draußen, es sei denn, es war zu kalt und zu dunkel. Wir waren kreativ mit unseren Spielen, Stöcke dienten uns als Schwerter, wenn wir Ritter, Wikinger oder Piraten waren. Ich hatte einen Lederball, den wir kickten. Und im Winter liefen wir auf dem Eis. Aber ein Lieblingsspielzeug hatte ich eigentlich nicht.“

Wir sind angekommen. Arvo steigt zuerst aus, streicht seine dunklen Haare unter der Mütze glatt, umschreitet die Limousine und hilft mir auf den Gehsteig. Vor mir ragt ein wuchtiges, graues Gebäude in den von bauschigen Wolken durchzogenen Himmel. Staatliche Planungsbehörde der Estnischen Sozialistischen Sowjetrepublik lese ich in goldfarbenen Lettern auf einer Marmortafel, auch auf Russisch. Eine rote Fahne regt sich im lebhaften Wind, der von der Ostsee in die Stadt streicht. Die Passanten, die an uns vorbeilaufen, weichen Arvo respektvoll aus, doch ich kann eine heimliche Abneigung in ihren flüchtigen Blicken erkennen.

„Sie sehen in mir den Okkupanten, den Verräter, der mit den Russen gemeinsame Sache macht“, flüstert er mir verdrossen zu. „Dabei bin ich einer von ihnen.“ Verschwörerisch sieht er mich an, dann strafft er seine Schultern und marschiert zackig in das Gebäude. „Hier sind wir“, sagt er zu mir, lässt mir den Vortritt, als wir eine Halle aus Marmor, roten Teppichen und einigen Grünpflanzen durchschreiten. „Gleich treffen wir meinen besten Freund Martin. Er ist Sekretär bei der Planungsbehörde Gosplan.“

Die Empfangssekretärin bemerkt uns, hebt den Hörer ab. Über ihrem Kopf ticken Wanduhren und zeigen die jeweilige Zeit in Moskau, Swerdlowsk, Omsk und Wladiwostok an. Jetzt werden mir die Dimensionen des Sowjetreichs ehrfurchtsgebietend bewusst.

„Der Genosse Kruusen kommt in einer Minute“, richtet uns die Frau aus.

Arvo nimmt seine Kappe wieder ab, verschränkt die Arme auf dem Rücken. Eine klamme Ahnung läuft mir kalt den Rücken herunter. Es könnte sein, dass hinter der samtenen Wandbespannung, in den Blumentöpfen und hinter den Agitprop-Bildern Wanzen versteckt sind. Oder dass die Sekretärin für das allgegenwärtige KGB arbeitet. Nur nicht verdächtig wirken, mahne ich mich.

Jetzt öffnen sich die stählernen Flügel der Aufzugstür und ein leicht untersetzter Mann mit dichtem honigblondem Haar und schmalen Augen steigt aus. Am Revers seines Anzugs trägt er die sowjetestnische Flagge als Anstecker: Rot, Hammer und Sichel und die stilisierten Wellen der Ostsee. Verschmitzt grinsend läuft der Mann auf Arvo zu, die beiden wechseln knapp ein paar Worte auf Estnisch. Dann reicht er mir die Hand und stellt sich vor: „Tere, ich bin Martin Kruusen. Bitte folgen Sie mir.“

Er steigt mit Arvo und mir in den Aufzug. Als die Tür vor uns zugleitet und sich der Fahrkorb sirrend in Bewegung setzt, wird mir mulmig. Ich weiß nur, dass ich froh sein werde, wenn ich heil aus diesem Ding steige.

„Man nennt ihn auch Taanlane, den Dänen“, bemerkt Arvo in Richtung Martin. Tatsächlich kling der Nachname dänisch. Genauso wie die Deutschen beherrschten einst die Dänen Estland.

„Stadtbekannt und bekannt in den höchsten Kreisen“, ergänzt Martin trocken-sarkastisch. Dabei blickt er zu den Etagenknöpfen hoch, die nacheinander milchweiß aufleuchten.

In der obersten Etage angekommen führt uns Martin einen Flur entlang, von dem mehrere Türen abzweigen. Ich grüble, wohin er uns bringen will, als wir auf eine Stahltür zusteuern. Verbirgt sich dahinter ein konspirativer Raum? Oder möchte mir Martin etwas zeigen? Er schließt die Tür auf. Dahinter liegt ein Korridor in mattem Licht, mir steigt der Geruch von Linoleum in die Nase. Schließlich erklimmt Martin erstaunlich flink eine Leiter, schiebt eine Dachluke auf.

„Kommt hoch!“, fordert er uns auf und ich erklimme das Dach.

„Warum hier oben?“, frage ich.

„Unser Staat ist sehr neugierig“, erklärt Martin.

Von dort aus ist der Ausblick auf die Stadt und den Hafen beeindruckend. In der Bucht kreuzen Schiffe und ich bemerke das Hotel Olümpija, das sich mehrstöckig wie ein blauer Kasten abhebt. Hier auf dem Flachdach spüre ich den frischen Wind unmittelbarer. Wie ein klares Glockenspiel schlägt das Seil an den Flaggenmast.

„Wie lange seid ihr beide befreundet?“, wende ich mich an Arvo. Er und Martin stehen nebeneinander und beiden sehe ich an, dass ihre Freundschaft sehr lange zurückreichen muss. Offensichtlich haben sie auch einiges miteinander durchgestanden.

„Wir haben uns nach Kriegsende kennengelernt, als wir gemeinsam in einer Brigade den Schutt wegräumten“, antwortet Arvo. „Mit Martin habe ich einen Freund fürs Leben gefunden. Nachdem mein Vater nach Sibirien deportiert wurde und im Gulag starb, gab er mir Halt. Alles, was wir einander anvertrauen, bleibt unter uns und wir können uns aufeinander verlassen.“

„Du, ich und Meeli waren schon ein besonderes Gespann.“ Beipflichtend nickt Martin. „So wie du mich früher in der Schule hast abschreiben lassen.“

„Warst du gut in der Schule?“, frage ich Arvo.

Etwas verlegen reibt er sich das Kinn. „Ich war kein Streber, aber auch kein schlechter Schüler“, gesteht er. „Dafür hat mir Martin besser Mathe erklärt, bis ich es konnte.“ Er blinzelt der Sonne entgegen, die jetzt über dem Meer steht und seine Oberfläche wie geschmolzenes Silber glitzern lässt. „In der Kadettenschule war ich tatsächlich gut, aber das missfiel meinen Ausbildern und einigen meiner Kameraden. Für die Russen galt ich als Balte als arrogant und besserwisserisch. Die Ausbilder gönnten mir meine guten Noten nicht, was mich aber anspornte, mich noch mehr anzustrengen und es ihnen zu beweisen. Einer hatte es besonders auf mich abgesehen und schikanierte mich.“ Ein gedehnter Seufzer entfährt ihm, dann schüttelt er ab, was ihn bis heute noch mitzunehmen scheint. „Reden wir von etwas anderem.“

„Ja genau“, ruft Martin. „Von deinem ersten Kuss. Wie war er?“

Wen Arvo wann zuerst geküsst hat, interessiert mich brennend. Auch die Leser dürften gespannt sein, welches Geständnis jetzt folgt und ob er schon immer ein Womanizer war.

„Blödmann!“, nennt er seinen besten Freund, doch am breiten Grinsen merke ich, dass er das nicht so ernst meint. Aber er wird seltsam verlegen, was ich nicht von ihm erwartet hätte.

„Er will es nicht verraten“, raunt mir Martin zu, zieht verschwörerisch die Brauen hoch. „Dann helfe ich gerne nach, denn ich habe mich diskret weggeschlichen, als du …“

Er bekommt einen freundschaftlichen Faustschlag von Arvo gegen die Schulter. „Na schön“, sagt Arvo ergeben. „Als ich am Strand von Pirita Meeli in den Arm genommen hatte und sie mir signalisierte, dass sie darauf nur gewartet hatte. Ich war immerhin schon siebzehn. Zuvor war der Krieg, da hatte man andere Sorgen und musste zusehen, dass man überlebt und nicht verhungert. Außerdem hatte man sich mit den Mädchen nicht so getraut und sie sich auch nicht.“ Als wollte er damit seine Unschuld beteuern und seine späteren Geschichten herunterspielen. Währenddessen grinst sich Martin einen ab, starrt auf den Teer, der die Dachplatten zusammenhält „Meeli war meine beste Freundin, und eigentlich war das ganze nur ein Ausprobieren.“ Ihre Lippen schmeckten nach Salz und Sonne, und mir wurde ganz schwindlig. Ich hatte nicht gerafft, dass sie in mich verliebt war. Sie schrieb mir immer ganz reizende Briefe an die Militärakademie. Erst nachdem ich aus Armenien zurückkehrte, wurden wir ein Paar.“

Eine Wolke verhüllt die Sonne und wirft ihren Schatten auf uns. In Arvos Gesicht erkenne ich jetzt deutlich die markante Narbe. Für einen Augenblick wird er nachdenklich und sieht gedankenverloren in die Ferne. Noch immer scheint er seiner Liebe nachzutrauern.

„Genießen wir die Aussicht“, sagt Martin schließlich und sorgt für eine erleichternde Unterbrechung.

„Das nächste Mal fahren wir hinaus ins Hochmoor. Dort werde ich die nächsten Fragen beantworten“, verspricht mir Arvo und setzt einige große Schritte zur Einsäumung des Daches.

Ich weiß schon jetzt, dass er mir noch viel mehr erzählen will. Nach so vielen gemeinsamen Jahren ist Arvo Teil eines eigenen Cold War Fiction- Universums, und wer weiß, ob nicht die nächste Romanreihe von ihm handelt?

Ab 01.10.2021

Das bin ich, die Frau hinter den Cold War Fiction-Romanen

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Besucherinnen und Besucher,

vielen Dank für Ihr Interesse an meinem Blog und an meinen Veröffentlichungen.

Meinen Lesern Welten eröffnen, ihnen niveauvolle und mitreißende, aber leicht lesbare und verständliche Unterhaltung zu bieten, ist meine Motivation beim Schreiben. Ich war immer ein neugieriger Mensch, einfache Antworten waren und sind mir nie genug. Vielleicht ist dies der Grund, warum ich meinen Figuren vielschichtige und tiefe Charaktere und spannende Eigenleben einhauche?

Schon sehr früh habe ich mich für Politik, Geschichte und Zeitgeschichte interessiert und begeistert. Wer etwas verändern möchte, kann dies mit Worten, Botschaften und Engagement tun. Darum hat mich das Wendejahr 1989/90 so geprägt und zu Romanen wie der zweiteiligen „Himmel, Erde, Schnee“-Saga, sowie dem 2022 erscheinenden Auftakt der „Eis und Bernstein“-Trilogie inspiriert.

Die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, insbesondere der Kalte Krieg und der Blick auf die andere Seite des Eisernen Vorhangs inspirieren mich. Warum sollen nicht Agentinnen, unberechenbare Generäle mit Atomkoffern, rebellierende Wissenschaftler, Apparatschiks und Wendehälse ganze Bände an Romanen füllen? Seien Sie neugierig auf epische Schauplätze wie der Rote Platz in Moskau, die atemberaubende Landschaft der Baltischen Staaten, Kuba oder die Weite Kirgisiens.

Bisher habe ich veröffentlicht:

2014 „Schwalben“ (unter meinem Mädchennamen Ira Ebner)

2017 „Das deutsche Spiel“ – Ira Ebner

2021 „Unter dem roten Stern“ – Ira Habermeyer

„Der Gesang der Freiheit“

„Winterschwalben“ – mit Silvia Hildebrandt

Voraussichtlich 2022 erscheinen:

„Steppenfalken“ – mit Silvia Hildebrandt

„Eis und Bernstein – Staffel 1“

Ihre

Ira Habermeyer