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Inspirierende Zeiten – Mein Schreibjahr 2022

In die letzten Wochen des Jahres kehrt eine stille Magie ein. Es ist Winter und damit Zeit, zurückzublicken und innezuhalten. Was hat mich in diesem Jahr beschäftigt und was steht 2022 an?

Zwar lief 2021 nicht alles so, wie es sollte. Trotzdem war es ein sehr kreatives Jahr. Die „Eis und Bernstein“-Reihe wäre fertig, aber es heißt wieder Geduld haben, überarbeiten und abwarten. Im Sommer haben Silvia und ich unser zweites Cold War Fiction-Crossover geschrieben und beendet. „Steppenfalken“ wird eine queere Ost-Ost-Agenten-Geschichte, in der mit Rimas einer der „Eis und Bernstein“-Protagonisten die Hauptrolle spielt – neben dem nicht weniger grandiosen und liebenswerten Attila aus Silvias „Die Stadt der Freiheit“. Ähnlich wie bei „Winterschwalben“ entstand diese Idee wieder beim Chatten und Rimas und Attila haben gleich gematcht. Der Balaton im Sommer 1985 scheint uns als perfekter Ort, an dem sich die beiden begegnen könnten, während in Rimas‘ Heimat zumindest die Zeichen auf leichter Veränderung stehen. Gemeinsam, aber unabhängig voneinander ermitteln sie in einem Mord an einem ungarischen Parteifunktionär, der Gorbatschows beginnende Reformen befürwortet und sie gerne umsetzen würden. Weder Rimas, noch Attila wissen von der wahren Identität des anderen, was Spannung in den Plot bringt. Im Frühsommer wird unsere zweite Koproduktion erscheinen.

Es sieht aus, als würde ich mich zurücklehnen. Aber davon kann 2022 keine Rede sein,

Beflügelt vom Flow und dem Zuspruch der Leser, gerne mehr erfahren zu wollen aus den Ländern des ehemaligen Ostblocks, entwickeln sich Tausende neuer Ideen. Nun gut, das ist ein wenig übertrieben. Gegenwärtig sind es drei Projekte, an denen ich gerade arbeite. Von Projekt Nummer eins, „Bruderküsse“ habe ich in meinem vorherigen Blogbeitrag ein wenig erzählt. Auch hier spielt Rimas die Hauptrolle und wird 1972 nach Westdeutschland auf eine Mission geschickt, um die Bonner Regierungskreise zu infiltrieren. Ich lerne einen anderen Rimas kennen als in „Steppenfalken“ und „Eis und Bernstein“. Noch ist er von der Machtfülle als KGB-General weit entfernt und muss die Befehle seiner Vorgesetzten und aus der Moskauer, beziehungsweise Ost-Berliner Zentrale befolgen. Er ist noch ein wenig ungestüm in seinem Ehrgeiz und seinem unbedingten Willen. Einerseits wäre er gerne asketisch und würde alleine der Sache dienen, doch er ist nur ein Mensch. Aber auch ein Mensch, der meint, er könnte sich alles herausnehmen. So passt der Rimas der 1970er Jahre auch gut in dieses lebensfrohe, zukunftszugewandte Jahrzehnt.

Natürlich braucht Rimas auch Gegenspieler, denn die 1970er Jahre waren auch ein Jahrzehnt des Kalten Kriegs und der Polarisierung. Einer, der großes Interesse hat, Rimas auszuschalten, ist der CIA-Offizier Francis Robert Lee Hayworth. In Bonn-Bad Godesberg lebt er in Nachbarschaft mit dem schwedischen Journalisten Ville Magnus Holmberg, als der Rimas eingeschleust wird. Doch es dürfte nicht zu lange dauern, bis er von Rimas‘ Existenz erfährt und das Katz-und-Maus-Spiel, inklusive im Dunklen Tappen beginnt.

Ein weiteres Projekt, das mir sehr am Herzen liegt und das sich während des Schreibens an „Eis und Bernstein“ entwickelt hat, ist die „Flussbrüder“-Saga. Dafür reisen wir zurück nach Litauen, ins Jahr 1938. Im Subplot von „Eis und Bernstein“ dreht es sich immer wieder um Pranas Tarvydas, der als Milizgeneral von Kaunas den grumpy old man gibt und seiner Tochter Rasa mehr oder minder angebrachte Ratschläge erteilt. Pranas entwickelte sich zu einer tragischen Nebenfigur mit vielen Geheimnissen. Ein großes Geheimnis macht er um seinen Bruder Vaidotas und um den Familiennamen, den er vor der sowjetischen Okkupation geführt hatte: Baronas. Als „Faschisten“ tut Pranas seinen Bruder immer wieder ab, sobald die Rede auf ihn kommt, und wimmelt geschickt jedes weitere Gespräch ab. Doch ist das so? Als der Krieg ausbricht, einmal die Sowjets, dann die Deutschen und am Ende doch wieder die Sowjets Litauen besetzen, schlagen sich die Brüder Baronas auf die jeweilige Seite. Pranas, der junge Anwalt, ist Kommunist und muss seine Homosexualität verleugnen. Dagegen ist sein älterer Bruder Vaidotas Offizier in der litauischen Armee, Katholik und Erbe des Landguts Belvederas, das aber durch die Spielschulden des Vaters mehr zur Bürde wird. Mit dem Krieg werden aus Brüdern erbitterte Feinde.

Schließlich drängt sich mit dem „Sternenstürmer“ das dritte Projekt auf, das sich mit seinem Nussknacker-Charme zum X-Mas-Special 2022 entwickeln könnte. So lautet jedenfalls mein Plan. Ich habe bereits die Vorlage aus einem Manuskript von 2008, das seitdem auf meiner Festplatte geschlummert hat. Mir war Dovidas Kalvaitis, der Titelheld, zu schade und so bekam er eine Funktion in „Eis und Bernstein“. Anscheinend möchte er seine Geschichte so gerne loswerden, dass er mich sogar im Traum besuchte und drängte, was nun mit ihm wäre. Protagonisten können auch nervig werden. Also gut, ein ausgemusterter Luftwaffenpilot wird zurück in seine Heimat geschickt und darf die Flugschüler auf der Basis in Vilnius unterrichten. Er begegnet der klugen, wie auch hinreißenden Lucija, deren Vater selbst bei der Luftwaffe war und bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Soweit – doch dann marschieren die Sowjets nach Afghanistan ein und Dovidas muss sich als Kommandeur eines Stützpunkts am Hindukusch bewähren …

2022 wird ein abwechslungsreiches Schreibjahr für mich werden, und ich merke, dass die drei Projekte einander inspirieren und befeuern. Sollte ich an einem nicht vorankommen, so werde ich es an einer anderen Stelle gewiss tun. Trotzdem bin auch ich sehr gespannt darauf, welche Cold War Fiction die nächste sein wird.

Ich wünsche Euch ein frohes Weihnachtsfest und schöne Feiertage und ein gutes neues Jahr!

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Wenn alles möglich ist – Zum Start der „Winterschwalben“

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Heute ist es soweit, der offizielle Bookrelease Day ist gekommen und unsere „Winterschwalben“ sind nun als Ebook und als Print erhältlich. Gleichzeitig läuft die Bewerbungsfrist für die Leserunde auf Lovelybooks.de.

Das Kloster, die Silvesterfeier und unser X-Mas-Special

Natürlich sind Silvia und ich gespannt, wie unser Cold War Fiction-Weihnachtsroman ankommt. Vorbestellt und angefragt wurde bisher schon ganz fleißig. Arvos und Nelus Begegnung an der Eisernen Grenze zwischen Rumänien und der UdSSR dürfte für einige Überraschungen sorgen, nicht zuletzt bei Arvos harter Begrüßung. Überrascht waren wir aber auch beim Schreiben, da der Plot und die Protagonisten sehr bald ihr Eigenleben entwickelten.

Da ist die Figur des Locotenent Eugeniu Iacuşi, der Arvo am Militärflughafen von Chisinau abholt und ihn durch steile Weinberge hinab nach Calarasi an der Grenze chauffiert. Während der Fahrt prallen die Mentalitäten des kommunikativen Südländers Iacusi und des zurückhaltenden, etwas wortkargen Nordlichts Arvo aufeinander. Wie mag die erste Begegnung mit Nelu erst werden? Und welche Rolle spielt die KGB-Majorin Georgeta, die sich ihrer Macht sehr bewusst ist?

Heute sind wir in die späten 1960er Jahre eingetaucht, um euch „Winterschwalben“ zu präsentieren. Für dieses Wochenende war eine „Schneebombe“ vorhergesagt, aber nicht überall fallen weiße Flocken zur Erde und zaubern eine winterliche Kulisse. Doch Schnee dürfte es in „Winterschwalben“ genügend geben.

In Anspielung auf das orthodoxe Kloster in „Winterschwalben“ habe ich das Foto im Klostergarten in Freising-Neustift aufgenommen.

Die Leseprobe wirft Arvo zurück in ein Ereignis seiner Jugend und verlangt ihm einiges an Stärke ab:

Eis, Schnee, Kurven. In halsbrecherischem Tempo jagte Iacuşi die Serpentinen hinab in ein von zartem Nebel eingehülltes Tal. Arvo liebte zwar die Geschwindigkeit, doch die hiesigen Gegebenheiten verlangten großes Geschick. Immerhin hatte ihn der Leutnant heil über die glatten Straßen, vielmehr gefrorene, steinige Pisten mit vereisten Schlaglöchern gebracht.

Durch den Dunst, der über dem schneebedeckten Boden zu schweben schien, brach fahles, diffuses Sonnenlicht. Ein Fluss atmete in die Kälte aus, auf seinem Wasser trieben Eisschollen. Hätte nicht der Winter dieses Tal mit filigranen, bizarren Formen geschmückt, die Bäume, Rebstöcke, Hecken und längst verblühte Disteln darstellten, könnte es sich genauso auf Kuba befinden. Dort hatte Arvo eine ähnliche, aber sattere Landschaft gesehen.

»Da vorne ist Călăraşi«, sagte Iacuşi, zeigte durch die Windschutzscheibe auf die Umrisse einer Stadt. Zwischen sich auflösenden Nebelschwaden tauchten im gleichen schmutzigen Gelb jeder sowjetischen Stadt die ersten Häuserreihen auf. Aus den Schornsteinen stieg der kokslastige Atem der Fabriken, Schulen und privaten Behausungen dem aufklarenden Himmel entgegen. »Unser Ziel.«

»Das wir noch vor Ankunft des Zugs erreichen«, entgegnete Arvo, spähte auf seine Uhr.

Noch einmal bewies Iacuşi seine Fahrkünste, schnitt einen Richtung Bahnhof eintrudelnden Überlandbus und hielt den Jeep vor dem Gebäude an. Soldaten mit Gewehren im Anschlag riegelten es ab, verscheuchten mit finsteren Gesichtern schon von vornherein jeden Passanten, der nur flüchtig herüberspähte. Arvo stieg aus, bedachte die schlaff herabhängenden roten Flaggen vor dem Bahnhof mit einem gleichgültigen Seitenblick und schirmte seine Augen mit der Sonnenbrille ab. Wie ein Trommelschlag erscholl das dumpfe Zusammenschlagen von Stiefelhacken, als er an den Soldaten vorbeiging. Knapp erwiderte er ihren Salut, durchquerte die menschenleere Halle. Iacuşi folgte ihm treu. Auch den Zugang zu den Gleisen versperrten die Milchgesichter in Uniform mit ihren anerzogenen, einschüchternd wirkenden Mienen, und am Bahnsteig erwarteten ihn zwei Unteroffiziere. An deren Koppeln baumelten Handschellen.

Die sind für dich gedacht, Nicolescu, frohlockte Arvo, bringen wir’s hinter uns. Ich bestehe darauf, dass du pünktlich bist. Noch fünf Minuten. Er nestelte eine Leek aus der zusammengeknautschten Packung, die vorletzte, zündete die Zigarette an und sog den Rauch zusammen mit der frostigen Kälte tief in seine Lungen.

In der Ferne hallte das Heulen der Lokomotive über das Tal. Bevor er zusammenzucken konnte, warf die Erinnerung ihren klebrigen Faden nach Arvo aus. Er verfing sich wie der erste Strang eines Spinnennetzes an einem Grashalm. Zischend und schnaubend rollte die Lok auf den Bahnhof zu. Arvo lief ein kalter Schauer den Rücken hinab.

Wieder spürte er die grobe Hand des Soldaten, der ihn über den Bahnsteig schubste. Er taumelte. Sein Vater, Ülo Kortelainen, streckte den Arm nach Arvo aus, um ihn aufzufangen. Während Miina, seine Mutter stumme, verzweifelte Tränen weinte, trug Ülo würdevoll den Koffer. Die Russen hatten ihn angewiesen, was er mitnehmen durfte. Es stand in ihrem Befehl, dass der Parlamentsabgeordnete Kortelainen sich am Baltischen Bahnhof einzufinden hatte.

Juni 1940. Kein Personenzug, nicht einmal einer, der aus Waggons der zweiten oder gar dritten Klasse zusammengestellt worden wäre, wartete am Bahnsteig. Dort wimmelte es vor Menschen. Stimmen schlugen auf, wohin, wohin? Soldaten stießen Frauen rabiat mit Gewehrkolben in Güterwaggons, brüllten russische Kommandos. CCCP und der Sowjetstern prangten weiß aufgepinselt auf den abstoßend braunen Waggons. Männer, Greise, Kinder. Esten, Russen. Sie gingen auf die große Reise. Nicht jeder trat sie so würdevoll in seinem Dreiteiler, Hut und einem sanften Lächeln an wie Ülo Kortelainen.

Die verfickte große Reise! Wie ein Irrer presste Arvo die Handfläche auf die Stirn.

»Genosse Oberst, Ihre Kappe.« Sollte er Iacuşi dankbar sein, dass er den eng um Arvo gewobenen Kokon auseinanderriss? Mit diesem belanglosen Satz?

»Danke, Iacuşi«, erwiderte er. Peinlich berührt staubte er den Pelz ab, setzte die Uschanka wieder auf, als sei nichts geschehen.

Zum ersten Advent: Von einer großen Liebe

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„Interessantes Thema verpackt in eine große Liebesgeschichte“

Lesermeinung zu „Sternenstürmer“

Inzwischen treffen die ersten Leserstimmen zu „Sternenstürmer“ ein und Lucija und Dovidas scheinen ihren Zauber zu übertragen. Mich freut, dass ich den Menschen, die diesen doch umfangreichen Roman meine Begeisterung und meine Hingabe an die Figuren näherbringen kann.

Vor einem Jahr fand ich zurück zu jener Szene im Dezember 1975 an einem Wintertag wie aus dem Bilderbuch. „Sternenstürmer“ ist zwar kein Weihnachtsroman, und doch erzählt er von einer großen Liebe und von Hoffnung. So ist es auch eine große Liebe zwischen mir, meinen Figuren und dem Schauplatz Vilnius. Zum ersten Advent möchte ich diese besondere Leseprobe teilen.

Wir fahren weiter stadtauswärts, wo die Häuser kleiner und älter werden, in ein Waldstück hinein. Vom Pfad ist nicht viel zu erkennen, außer dem spröden Gras an der Böschung, das der Schnee niederdrückt. Langsam schaukelt der Jeep über den Weg. An einer Gabelung, an der zwei gegenüberliegende Kiefern ihre Fächer zueinander ausbreiten, hält Dovidas an. Als ich aussteige, versinken meine Füße im weichen, lockeren Schnee. Vor uns liegt ein zugefrorener See, eingefasst von schlanken Birken. Ihre reifüberzogenen Zweige flirren wie von tausenden kleiner Diamanten besetzt in der Sonne, die tief im Westen steht und den Himmel orangerot färbt.

»Ich war hier im September schwimmen, als es noch warm war«, erzählt Dovidas. »Es ist ein netter Platz.«

»Hast du über die Feiertage frei?«, frage ich.

Er scheint zu verstehen, was ich damit meine. Heiligabend, der im sowjetischen Kalender nicht vorkommt, aber an dem viele versuchen, Urlaub bis Neujahr zu beantragen.

»Ab morgen für fünf Tage. Ich werde nach Klaipėda fahren und meine Eltern besuchen«, antwortet Dovidas. »Was machst du?«

»Bis zum Dreißigsten muss ich in die Uni«, erwidere ich, während wir nebeneinander durch den Schnee stapfen. Das Eis am Ufer des Sees ist dünn, ich kann das Wasser unter der durchscheinenden Schicht erkennen, wie es sachte wogt.

»Das träfe sich gut«, meint Dovidas, als macht er gerade in seinen Gedanken etwas aus. Kurz streift mich sein Blick, dann blinzelt er zum gegenüberliegenden Ufer.

Während der fast volle Tagmond den Himmel hinauf humpelt, flammt der Sonnenuntergang rot und violett auf.

 »Darf ich dich fragen, ob du mich zur Neujahrsfeier auf den Stützpunkt begleiten möchtest?« Dovidas sieht mich an, stupst seine Brille zurecht und wendet sich mir zu. In seiner Stimme liegt kein ironischer Ton mehr. Er meint es ernst.

Mein Herz pocht heftiger, gleichzeitig klebt mir die Zunge am Gaumen. Mir entweicht ein freudiges Lachen. Auf der Eisfläche erscheint wie in einem Tagtraum ein Paar. Dovidas in seiner Uniform, und ich trage ein Kleid, das so leicht und bauschig ist wie eine Schneewolke. Gemeinsam tanzen wir, unsere Hände ineinander verhakt und seine Stirn ruht auf meiner. Zu schön, um wahr zu sein. Was empfinde ich für ihn? Liebe? Kann ich es wagen, das Gefühl so zu nennen, oder muss ich befürchten, dass sie wieder nur einseitig bleibt und nichts als schale Tränen übrigbleiben?

»Muss ich mich als Kosmonautin maskieren?«, frage ich, grinse unwillkürlich bei der Vorstellung, dass die ansonsten in ihre schnittigen Uniformen gekleideten Offiziere sich am Neujahrsabend in allerhand Kostüme werfen. Von Robotern bis hin zu Hunden, Mäusen oder gar Väterchen Frost. Silvester ist Karneval.

»Ich hatte nicht gedacht, dass du wirklich lachen kannst«, antwortet er trocken. »Du kommst als hübsche Lucija.«

Ich versuche, mein Lächeln zu halten, doch es erlischt wie die Sonnenstrahlen hinter dem Birkenhain. Das tanzende Paar auf dem Eis verblasst, verschwindet.

»Ich wollte nichts Falsches sagen«, fährt er fort. »Manchmal wirkst du sehr nachdenklich. Ich hoffe, das hat keinen ernsten Hintergrund. Ich vergaß … das mit deinem Vater. Verzeih.«

»Nein, ist gut«, antworte ich. Dass ich mich fürchte, mir würde es wieder wie mit Laurinas ergehen, verrate ich ihm nicht. Doch mein Verflossener war immer mehr in die Ferne gerückt.

»Dann bin ich ja beruhigt. Ansonsten hätte ich dich aufgemuntert«, sagt Dovidas. »Ich dirigiere die Kapelle meiner Einheit und spiele Klarinette. Auch am Silvesterabend werde ich auftreten.«

»Deshalb habe ich dich gehört, als du an einem warmen Tag auf dem Balkon gestanden warst«, erinnere ich mich.

»Für die schrägen Töne und die Ruhestörung entschuldige ich mich.« Leicht verbeugt er sich, presst dabei die Hand auf seine Brust. Sein schwarzer Lederhandschuh vergräbt sich im graugrünen Stoff seines Mantels. In der Dämmerung verschmelzen die Farben, werden schwärzlich wie die anbrechende Nacht.

»Es klang gut und ich habe dir gerne zugehört«, versichere ich ihm. »Und ja, verzeih, wenn ich dich mit meiner Antwort habe warten lassen. Ich begleite dich auf die Feier.«

»Großartig.« Sein Strahlen kann Dovidas nicht mehr verbergen. »Ich hole dich um sieben Uhr ab.«

Allmählich versickert das letzte Tageslicht in einem schmalen, hellblauen Streifen am Horizont. Ein angenehmes Zittern durchläuft meine Nervenbahnen, erfasst mich bis in die Haarspitzen, als ich Dovidas’ Hand sanft auf meinem Rücken spüre. Wortlos erklärt er mir, dass wir den Rückweg antreten sollen. Mein Fuß verfängt sich unter einer verschlungenen, vom Schnee verdeckten Wurzel. Ich breite meine Arme aus, um mein Gleichgewicht zu halten, doch ich stolpere ungeschickt. Blitzschnell fängt mich Dovidas auf. Ich stütze mich bei ihm ab. Ehe ich erfasse, wie mir geschieht, hebt er mich hoch und trägt mich sicher durch den Schnee. Unweigerlich hänge ich an seiner Schulter, spüre, wie die silbernen Fäden seines Majorsterns mich an der Wange kratzen. Dabei atme ich seinen Geruch ein. Rein wie der Schnee, und nach dem Pelz seiner Uschanka. Ich wünsche mir, er trüge mich weiter als bis zum Jeep, fühle, wie fest und gleichzeitig sorgsam seine Arme mich umfassen. Als mich Dovidas absetzt, begegnen sich erneut unsere Blicke. Diesmal betrachten wir uns völlig neu.

© Ira Habermeyer 2022

Als wäre es 2009

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Novem – ber. Auf Latein ist Novem die Neun. Also der neunte Monat im römischen Kalender. Als ich vergangene Woche in der Lokalausgabe der Süddeutschen Zeitung mein Interview zur Veröffentlichung von „Sternenstürmer“ gab, wurde ich gefragt, in wie fern sich die Welt seit 2008/09, als ich die erste Version schrieb, verändert hat.

Manchmal wünsche ich mir die Unbefangenheit des Jahres 2009 zurück. Das mag daran liegen, dass das Internet zwar einen unbegrenzten Zugriff auf Informationen bot, die mir wesentlich bei der Recherche halfen und auch die Möglichkeiten, ohne Verlag ein Buch zu veröffentlichen, bestanden bereits. Aber die Sozialen Medien in dieser Form existierten noch nicht. Oder sie waren einfach nur ein netter Austausch mit Menschen aus dem realen Leben, sprich Freundes- und Bekanntenkreis und einigen Gleichgesinnten. 13 Jahre später hat eine Plattform wie Facebook Gesellschaft wie auch den Zeitgeist verändert. Der Ton – auch im analogen Alltag – ist rauer geworden, es scheint nur noch Schwarz oder Weiß zu geben, und es existiert nur eine Zeit: Jetzt, sofort. Und morgen ist bereits der Post, oder der Shitstorm wegen – nichts – von heute vergessen.

Auf uns Autor*innen hat sich die Hektik und der Konsum im Hier und Jetzt ebenfalls ausgewirkt. Theoretisch sollten wir alle paar Monate ein neues Buch veröffentlichen, um dabei zu sein und um die Leserschaft zu buhlen. Oder mit den anderen Autor*innen das Tempo zu halten. 2022 war ich mit zwei Veröffentlichungen gut dabei. Als ich kürzlich las, dass eine Kollegin auf Instagram schrieb, sie hätte vom Schreiben einen Burnout, gab mir das zu denken. Für mich ist es unvorstellbar, von einer Beschäftigung, die man liebt und die eigentlich Freude machen sollte, einen Burnout zu bekommen. Und es macht mir Angst. Ich möchte nicht, das Schreiben Stress bedeutet.

Für 2023 habe ich bereits meine erste Veröffentlichung mit „Sterne der Freiheit“, dem 2. Teil der „Sternenstürmer“-Saga geplant. Doch wie sieht es mit dem nächsten Buch aus?

Hol erst einmal Luft, entspann dich, beruhige ich mich. Ich kann nur gut sein, wenn ich ohne Druck arbeiten kann. Als Indie-Autorin setze ich mir meine Abgabetermine schließlich selbst. Ich bin meine eigene Chefin. Ich gehe davon aus, dass meine Stammleserschaft gerne auf den nächsten Teil der Cold War Fiction-Reihe wartet. Denn ein historischer/zeitgeschichtlicher (Agenten-) Roman ist nun einmal etwas zeitintensiver.

Zurück zum November. Dieser Monat war schon immer ruhig und ich nahm mir die Zeit, zurück- wie auch vorauszublicken. Meistens hatte ich ein Manuskript, an dem ich über das Jahr arbeitete, vollendet oder es bereits veröffentlicht. Noch immer schweben Figuren und das Große und Ganze der Handlung mit ihren Szenen und Atmosphären in meinem Kopf, und ich bin noch nicht bereit, mich vollkommen auf neue Protagonist*innen und möglicherweise eine andere Epoche oder ein anderes Setting einzustellen.

Also finde ich mich dort wieder, wo ich vor einem Jahr stand. Von meinen Plotbunnies von 2021 sind nur noch zwei übrig. Abwechselnd widme ich mich der voraussichtlich nächsten Cold War-Fiction Episode und einem Eastern-Historienepos. Wir werden sehen.

Jetzt ist er gestartet – Sternenstürmer Teil 1

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Zuerst einmal das Cover:

Wir sehen Lucija im Vordergrund, und ich finde, die Frau trifft sie recht gut. Zudem wollte ich die Stimmung von „Sternenstürmer“ einfangen, die den Abschied und den Aufbruch in ein fremdes Land, sowie eine ungewisse Zukunft wiedergibt.

Auf meinen TikTok- und Instagram-Accounts habe ich den Buchtrailer hochgeladen, der den Roman zusammenfasst. Leider kann ich das Video hier aus technischen Gründen nicht teilen.

2008/09 machte ich mich an die erste Version von „Sternenstürmer“, denn die Thematik des Afghanistankrieges der 1980er Jahre interessierte mich und so schuf ich die beiden Hauptcharaktere Lucija und Dovidas, sowie einen Teil der Staffage an Nebenfiguren. Als ich vergangenes Jahr die Urfassung erneut durchlas, spürte ich erneut den Zauber, der von den beiden Protagonisten und ihrer starken, bedingungslosen Liebe ausging. Eigentlich wollte ich die Geschichte nur überarbeiten – heraus kam gefühlt „Krieg und Frieden“ des 20. Jahrhunderts. Mein Kopf war voller Handlung, voller Szenen, die niedergeschrieben und beschrieben werden wollten, und längst konnte ich nicht alle unterbringen. So waren es am Ende über 200 K Wörter, und ich entschloss mich, aus dem Gesamtwerk zwei Teile zu machen. Was auch seine Tücken beim Hochladen des Manuskripts für das Printbuch barg und meine Nerven strapazierte. Doch das sind die Abenteuer des Self-Publishings, die ich mir gerne selbst gewählt habe.

Nun ist es so weit, „Sternenstürmer“ Teil 1 ist veröffentlicht und für die Allgemeinheit zugänglich. Dadurch, dass Lucijas und Dovidas‘ Geschichte in angespannten Zeiten handelt, vom Leben unter sowjetischer (russischer) Besatzung im Litauen der 1970er und 1980er Jahre erzählt, und er, der ehemalige Pilot und Major der Luftwaffe nach Afghanistan geschickt wird, wo er im Rahmen einer „Friedensmission“ eine Basis übernehmen soll, passt „Sternenstürmer“ in unsere ebenfalls von Krisen und Kriegen bestimmten Alltag. Doch die Momente, in denen Lucija und Dovidas ihren Rückzug ins Private und ihre kleinen Fluchten wagen, lockern und heitern das ernste Thema wieder auf. So wird ein Roman mit ungefähr der Hälfte Handlung während des sowjetisch-afghanischen Krieges trotzdem nicht larmoyant oder betulich. Versprochen! Allerdings habe ich zum ersten Mal eine Triggerwarnung verfasst, denn die Erwartung, ein flauschiger Historienroman zu sein, erfüllt „Sternenstürmer“ nicht. Schließlich war die Menschheit nie gut und friedliebend, und auch Lucija und Dovidas handeln nicht immer unbedingt moralisch korrekt. Wer aber genau das möchte, einen authentischen und direkten, manchmal auch rauen und düsteren Historischen Roman auf teils wahren Begebenheiten zu lesen, für die oder den dürfte „Sternenstürmer“ das richtige Buch sein.

Zuletzt gibt es als kleinen Blick hinein ein paar Zitate aus der jeweiligen Perspektive von Lucija und Dovidas.

Alles beginnt mit Pilzen – Making of „Sternenstürmer“ #6

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Die große Hitze ist vorüber, angenehm mild scheint die Oktobersonne durch das goldene Laub. Für mich ist der Herbst die schönste Jahreszeit, und auch die Pilzsaison ist dieses Jahr sehr üppig. Heute bin ich meiner Leidenschaft nachgegangen und habe eine reiche Ernte nach Hause getragen. Seit Jahren habe ich wieder einen Steinpilz gefunden und freue mich natürlich riesig darüber. Kommt etwa daher der Ausdruck Glückspilz? Dass Pilze sammeln glücklich macht?

Auf jeden Fall verlangt es Konzentration, wenn die Blicke über den Waldboden schweifen und oft entdecke ich, wenn ich auf Sichthöhe der Hüte bin, noch weitere zwischen Brombeergestrüpp und Moos. Gerade lege ich eine Schreibpause ein, und während ich durchs Unterholz streife, sammle ich bereits Ideen für das nächste Projekt.

Meine Protas – die meisten – sind ebenfalls begeisterte Pilzesammler. Kein Wunder bei der Vielfalt den baltischen Wäldern, bei der ich ausrasten würde! Also ist Lucijas Ausflug in den Wald, der an ihren Stadtteil angrenzt, der Anbeginn einer großen Geschichte.

Lucija
Konzentriert spähe ich zwischen den federartigen Farnblättern und den niedrigen Moosbeerenbüschen nach den hellbraunen Hüten der Birkenpilze, und finde einen. Zielstrebig laufe ich über den weichen, von Feuchtigkeit durchtränkten Waldboden, schneide den hellgrauen Stiel des Pilzes ab und lege ihn zu den anderen in den Korb. Ich verweile für einen Augenblick an der Stelle, sehe hinauf zu den Wipfeln der Kiefern, wo sich das Sonnenlicht zu einem goldenen Fächer bündelt. Ein kaum spürbarer Hauch lässt gelbes Birkenlaub herab tanzen. Wie gerne ich den Herbst mag, seine angenehm kühle Luft und die intensiven Gerüche nach satter Erde, Laub und Wald.
          Der Korb ist gut gefüllt. Mit den Pilzen werde ich eine ausgiebige Mahlzeit zubereiten und vielleicht noch einige zum Trocknen aufhängen. Langsam erhebe ich mich aus der Hocke, wende mich nach Reta um. Wie ein Leuchtsignal erkenne ich ihren roten Anorak, während sie sich watschelnd in Kauerstellung über dem Boden bewegt.
          »Was hast du alles gesammelt?«, frage ich sie, komme zu ihr.
          »Ein paar Pilze und Moosbeeren«, antwortet sie, zeigt mir ihren Korb.
          Darin befinden sich jede Menge der kleinen, hellroten Beeren, vermischt mit Pfifferlingen und einigen anderen Pilzen. Einen von ihnen erkenne ich als einen giftigen Röhrling und nehme ihn heraus. »Gehen wir nach Hause«, beschließe ich.
          Als wir das Wäldchen verlassen, schüttle ich mich leicht. Warm flutet die flacher am Horizont stehende Sonne die Wiese, ein leichter Wind streicht mir über die Wangen und schiebt am Himmel die Wolken vor sich her. Einmal laufen Reta und ich im kühlen Schatten, dann in der vollen Wärme der kräftigen Oktobersonne über den Pfad zur Siedlung zurück. Die verwilderten Apfelbäume spreizen ihre Äste. Daran tragen sie reife, leuchtende Früchte. Ich halte an, recke mich nach den Äpfeln, die noch am niedrigsten hängen. Der Wind lebt auf, weht mir die Haare ins Gesicht. Kurz ist meine Sicht verdeckt.
          Unverwandt fragt er mich in seinem Küstenakzent: »Kann ich Ihnene helfen?«
          Ich streiche mir die Haare hinter die Ohren, blinzle. Vor mir steht der Major, der mich neulich am Brunnen gegrüßt hatte. Jumis statt jumsIhnene statt Ihnen. Er scheint aus Kleinlitauen, dem Memelland, zu stammen. Zunächst weiß ich nicht, was ich davon halten soll, sehe ihn nur an. Er hat stahlblaue Augen, die hinter einer Nickelbrille aufblitzen, ein dunklerer Ring umschließt die Iriden. In der Sonne glänzen seine Haare wie rotes Gold. Seine Nase ist wohlproportioniert, etwas spitz. Heute trägt er statt der Uniform einen Trainingsanzug, hat den Reißverschluss seiner Jacke geöffnet. Anscheinend war er laufen. Ich nehme den leichten, nicht unangenehmen Geruch seines Körpers wahr, als er seinen Arm ausstreckt. Er ist kein Hüne, aber auch nicht klein. Bevor meine verdutzten Lippen eine Antwort formen, pflückt er den Apfel und reicht ihn mir.
          »Bitte sehr«, sagt er. Wieder lächelt er.
          »Danke«, entgegne ich. Unschlüssig, was ich tun soll, lege ich den Apfel behutsam zwischen die Pilze.
          Reta wird zappelig, also wende ich mich von dem Major ab und will den Heimweg fortsetzen.
          »Warten Sie!«, ruft er mir hinterher. »Wie heißen Sie eigentlich?«

Inzwischen ist „Sternenstürmer“ vorbestellbar und erscheint – auch als Printbuch – am 20. Oktober. Ich bin so aufgeregt wie vor einer Exkursion in den Wald!

Making Of „Sternenstürmer“ #5: Ende – und doch so viel mehr

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Ende – Pagaiba. Finito. Dieses magische Wort steht nun unter diesem Epos von annähernd 283 K Wörtern. Ich übertreibe nicht, wenn ich von einem Epos rede, denn „Sternenstürmer“ ist der bisher umfangreichste und tiefgreifendste Roman, den ich zu Papier gebracht habe. Vergangenen Dezember wollte ich eigentlich nur das alte Script überarbeiten, denn die Grundidee dahinter hatte noch immer ihren Zauber:

Fluguntauglich! Damit wird der MiG-Pilot Dovidas Kalvaitis im Sommer 1975 zurück nach Vilnius geschickt. Seine Liebe zur Musik tröstet ihn darüber hinweg, dass er nicht mehr selbst im Cockpit sitzen kann. Als er der klugen wie eigensinnigen Lucija begegnet, ist er vom ersten Augenblick an von ihr fasziniert. Trotz der steten Bedrohung, dass aus dem Kalten Krieg ein heißer werden kann, glauben Dovidas und Lucija an die Zukunft

Doch als die Sowjets in Afghanistan einmarschieren und Dovidas das Kommando eines Stützpunkts im fernen Faisabad übernehmen soll, enden die glücklichen Jahre jäh. Seine Beziehung zu Lucija wird auf eine harte Probe gestellt. Denn sie wartet im Ungewissen auf Nachrichten aus Afghanistan.

Wird Dovidas heil aus dem zermürbenden Krieg am Hindukusch zurückkehren?

»Zeit und Entfernung sind nur Illusionen. Du bist immer bei mir.«

»Selbst in Afghanistan?«

»Ja, sogar am Hindukusch.«

Ich merkte bald, dass neben der Ausarbeitung der Protas sowie der Nebencharaktere die Handlung umfassender wurde als in der Erstversion. Dazu kamen eine jeweils gute Portion an Romantik, Action, Sex, Liebe, Verrat, Freundschaft, Kriegsszenen, Politik und Landeskolorit – also alles, was ein moderner Historienroman braucht. Monatelang hielt der Flow an und ich preschte voran durch die 1970er Jahre, nach Afghanistan und wieder zurück in die Zeiten von Glasnost und Perestrojka. Am meisten motivierten mich dabei Lucija und Dovidas, die selbst in schwierigen Zeiten, wenn andere aufgeben und gehen würden, ihre Liebe aufrecht erhalten.

In der Nähe von Panevežys, Litauen, habe ich den Mil-Mi-Helikopter und die MiGs entdeckt, die im „Sternenstürmer“ vorkommen. Ob Dovidas eines der Flugzeuge geflogen hat?

Doch im letzten Viertel, mitten in den turbulenten Jahren der Sezession und kurz davor, dass Dovidas nun endlich erreicht, wonach er strebt, rauchte mir der Kopf. Bevor ich mich in unnötigen Dramen zu verstricken drohte, kam mir die Reise in die Baltischen Staaten mehr als entgegen. Nicht nur meinen Sinnen und meinem Herzen tat es gut, wieder an meinen Lieblingsorten zu sein, sondern auch meinen Protas. Nachträglich hatte ich noch die eine oder andere Idee und plötzlich sah ich Licht. Ich hatte das Ende und den Epilog bereits vor Monaten geschrieben, endlich fügten sich die losen Fäden zusammen und ergeben den „Sternenstürmer“-Kelim (als Anspielung auf die afghanischen Teppiche, die Requisiten des Romans sind). In all seinen Farben, mit seinen Motiven und in all seiner Pracht.

Der letzte Abschnitt ist nun bei Silvia im Lektorat, das Cover steht bereits und auch der Veröffentlichungstermin. Ich plane den 20. Oktober.

Im Wort „Ende“ liegen so viele Gefühle. Man hat es geschafft und möchte nun der Leserschaft endlich die Arbeit so vieler Monate präsentieren. Noch sind die Charaktere präsent, aber bald gehen sie ihre Wege und es wird Zeit für Neues. Zunächst werde ich eine Pause einlegen und den Herbst genießen, aber wie ich vergangenes Jahr angekündigt hatte, gibt es noch mehr Ideen für die „Cold War Fiction“-Reihe.

„Von meiner Mutter lernte ich das Singen – und mir meiner Herkunft bewusst zu sein.“ #Charactersofseptember Teil 1: Lucija und Dovidas über ihre Kindheit und Jugend

Auch dieses Jahr lädt Gabi Büttner uns Autor*innen wieder dazu ein, unseren Protas ihre Hintergründe zu entlocken. Dieses Jahr stelle ich Lucija und Dovidas aus „Sternenstürmer“ vor. Im Oktober erscheint mein neuer Roman, der gleichzeitig Teil 4 der Cold War Fiction-Reihe ist. Nachdem ich erst kürzlich aus den Baltischen Staaten zurückgekehrt bin, sind auch meine Eindrücke noch sehr frisch und die Inspirationen verleihen den letzten Arbeiten an „Sternenstürmer“ einen besonderen Antrieb.

Doch die Stadt Klaipėda – auf Deutsch Memel – , woher Dovidas stammt, ist noch vom Graustich des Sowjetimperiums überzogen, als ich im September 1989 die beiden in der Laube vor seinem Elternhaus treffe. Bunt dagegen leuchten die Flaggen des nach Unabhängigkeit strebenden Litauens an den Fassaden der Gebäude, und auch in der Halterung neben der Haustür schwingt die gelb-grün-rote Fahne im Wind, der von der nahen Ostsee über den Rand der Düne streift. Im Vorgarten glimmen die letzten Gladiolen. Die Sonne, die immer wieder zwischen die Wolken spitzt, täuscht. Um nochmals ein Bad in der Ostsee zu nehmen, ist es in diesen Breiten inzwischen zu frisch.

Bereits ein Sneak Peek aufs Cover von „Sternenstürmer“. Wer wird auf dem Titel zu sehen sein? Lucija …

Also überrascht es mich nicht, als Dovidas sagt: »Ist heute nicht ein schöner Herbsttag?«

Vielmehr überrascht mich, dass er eher von einer zierlichen Statur ist, und auf den ersten Blick nicht wie der Afghanistan-Haudegen wirkt, dessen Ruf ihm vorauseilt. Allgemein wirken er und Lucija sehr entspannt. So gastfreundlich wie immer, wenn ich in Litauen eingeladen werde, empfangen mich die beiden. Auf dem Tisch steht eine Napoleon-Torte, sein Lieblingskuchen, und Lucija hat Kaffee gebrüht.

»Du möchtest sicher, dass deine Leser mehr über uns erfahren«, bemerkt Lucija und blinzelt in die Sonnenstrahlen. Ihre grünen Augen haben eine leicht schräge Form und verraten ihre tatarischen Wurzeln.

»Sollten wir uns nicht zunächst vorstellen?«, bedenkt Dovidas, streicht die leicht gewellte, kupferrote Strähne zurück, die ihm der Wind in die Stirn weht. »Wer fängt an?«

Lucija lächelt zögernd, sieht ihn auffordernd an. Doch als er ihr mit einer Geste signalisiert, dass sie beginnen kann, erzählt sie: »Ich bin Lucija, und mein Mädchenname lautet Noreikaitė. Bereits mein Vater war Pilot, doch das ist eine andere Geschichte. Ich bin 1953 in Vilnius geboren, habe Philosophie studiert und bin Dozentin an der Universität. Außerdem bin ich in unserer Unabhängigkeitsbewegung Sąjūdis aktiv.«

Als Lucija ihr politisches Engagement erwähnt, verkneift sich Dovidas ein Lächeln. Nicht, dass er als hochrangiger Offizier der sowjetischen Luftstreitkräfte sie nicht unterstützen würde – ich vermute, er hütet seine Gedanken wohl.

Nun ist er an der Reihe. »Ich bin 1947 hier in Klaipėda geboren, und kann mich erinnern, dass ich mit meinen Eltern und meiner Schwester in dieses Haus zog. Zu dem Zeitpunkt war noch eine andere Familie darin untergebracht, und die Verhältnisse waren sehr beengt und die Stimmung spannungsgeladen. Nach dem Krieg war Wohnraum knapp und die Sowjets teilten einfach zu, was verfügbar war. Später bekam die andere Familie wohl eine eigene Wohnung«, erzählt Dovidas. »Als ich nach der 10. Klasse die Mittelschule absolvierte, begann ich eine Lehre in einer Fabrik. Auch das entschied die Partei. Mit 18 erhielt ich meinen Einberufungsbescheid und kam zur Luftwaffe. Bei uns dauert die Wehrpflicht drei Jahre. Doch einer der Offiziere erkannte, dass mehr in mir steckte, als nur die MiG-Jäger instand zu setzen und empfahl mich für eine Ausbildung zum Piloten. Für mich kam es einer Katastrophe gleich, als ich vor vierzehn Jahren bei einem Sehtest durchfiel und nicht mehr flugtauglich war. Also wurde ich nach Vilnius versetzt. Aber das Schicksal meinte es mir gut.« Er legt den Arm um Lucija und drückt sie an sich. Doch das klare Stahlblau seiner Augen trübt sich leicht, als er fortfährt: »Vor zehn Jahren mischten wir uns in Afghanistan ein, und dank der Intrige meines Kommandeurs wurde ich nach Faisabad geschickt. Dort hatte ich den Befehl über eine Fliegerbasis …« Nachdenklich seufzt er, rührt geräuschvoll Zucker in die Kaffeetasse.

An Lucijas gekräuselten Brauen erkenne ich, dass sie nicht weiter auf das Thema Afghanistan eingehen möchte. Dafür kann Dovidas in »Sternenstürmer« von seinem Kommandoposten am Hindukusch und seinen Schlachten mit den Warlords erzählen.

»Um die Truppe zu motivieren, veranstaltete ich Heimatabende, und gemeinsam mit einem Kameraden dichtete ich ein Lied auf Litauen. Ich spielte es auf der Klarinette und er sang es«, schwelgt er trotzdem in den Erinnerungen, die nicht nur von Raketenangriffen und Gegenattacken bestimmt sein müssen.

Und ich merke ihm an, dass er sich für Musik begeistert. Ich weiß, dass er vor allem die italienischen Opern liebt. Ob das bei ihm bereits seit der Kindheit so war, frage ich ihn.

… oder Dovidas?

»Als Kind konnte ich mich stundenlang mit dem Zeichnen beschäftigen«, verrät Dovidas. »Ich beobachtete meine Umgebung und brachte sie zu Papier, wie etwa den Sputnik, der als erster Satellit ins All geschossen wurde. Aber ich erschuf auch meine eigenen Welten.« Als er seine Kaffeetasse ansetzt, fällt mir das verblasste, tintenblaue X zwischen dem Daumen und Zeigefinger seiner linken Hand auf. Ob seine künstlerische Begabung auch in Richtung Tätowierungen ging und dies ein kleiner, schmerzhafter Versuch war? Ich weiß, dass Dovidas‘ cholerischer Vater dafür verantwortlich ist. »Nebenbei lernte ich, Klarinette zu spielen und entdeckte die Opern und die Musik im Allgemeinen für mich. Sie lenkte mich auch in schweren Zeiten ab, und ich spiele noch immer, wenn mir in meiner freien Zeit danach ist.«

»Was begeisterte dich als Kind, Lucija?«, frage ich sie, die aufmerksam zugehört hat.

»Meine Schwester und ich bauten uns im Wohnzimmer der elterlichen Wohnung Höhlen hinter den Gardinen. Einmal waren sie Unterwasserwelten, dann Forschungsstationen auf fremden Planeten«, antwortet sie und lacht. »Das war unsere Beschäftigung im Winter. Im Sommer, wenn wir drei Monate lang Schulferien hatten, spielten wir im nahegelegenen Wald. Wir waren sehr viel in der Natur und mit unseren Fahrrädern unterwegs, und langweilten uns kaum. Selbstverständlich liebte ich auch zu lesen, denn den Fernseher bekamen wir erst später und das Programm ist nur ein paar Stunden am Tag auf Sendung.«

Selbst in dem Jahr 1989, das ich erlebte, waren nur wenige Stunden Sendebetrieb unvorstellbar, doch ich bin in die noch existierende Sowjetunion gereist. Ich nehme einen Schluck Kaffee, auch der ist anders, doch ich kenne die Art, ihn zu brühen von meinen ersten Besuchen in den Baltischen Staaten nach der Wende: Zwei Löffel Kaffeepulver werden mit kochendem Wasser überbrüht und nach Belieben wird Zucker oder Milch beigefügt. Noch immer ist mein Kaffee so heiß, dass ich hoffe, der frische Wind möge ihn ein wenig abkühlen, und ich spüre die Krümel des Pulvers auf meiner Zunge. Dafür schmeckt er ziemlich kräftig.

»Erinnert ihr euch an besondere Traditionen in euren Familien?«, will ich wissen, denn das Leben jenseits des Eisernen Vorhangs interessiert wohl auch meine Leserschaft brennend.

Verschwörerisch sehen Lucija und Dovidas einander an. »Kučios!«, kommt es beiden fast gleichzeitig über die Lippen, und es klingt wie ein Geheimcode. Dabei meinen sie das litauische Weihnachtsfest.

»Bis vor zwei Jahren war es verboten, religiöse Feste zu feiern«, erklärt Lucija. »Doch meine wie auch Dovidas‘ Eltern stellten heimlich den Weihnachtsbaum auf, der jeweils weitab von Fenstern in Ecken stand. Bei uns wird es im Dezember bereits ab halb vier Uhr nachmittags dunkel, also konnten wir die Vorhänge zuziehen. Abgesehen vom Teilen der Hostie, sobald der erste Stern aufgeht und das Festessen beginnt, ist die Tradition in meiner Familie die Karpfenterrine nach Noreika-Art. Meine Mutter machte sie, und nun ist sie bei uns fester Bestandteil an Heiligabend, Kučios eben.«

»Wie bald wird der Winter wieder ins Land ziehen, und unser Herbst ist kurz, aber farbenprächtig«, meint Dovidas und blinzelt der Sonne entgegen, die zwischen den dahintreibenden Wolken durchblitzt. Oder betrachtet er die Möwe, die akrobatisch und kaum mit ihren ausgebreiteten Schwingen mit dem Wind durch den Himmel gleitet? »Vielleicht gehen wir noch an den Strand? Dort habe ich meine Kindheit verbracht«, fordert er mich und Lucija auf und erhebt sich.

Mit den beiden durchquere ich die betonierte Einfahrt, in der Dovidas‘ schwarzglänzender Wolga geparkt ist. Als wir an einem Sanddornbaum vorbei über einen schmalen Pfad durch die Dünen gehen, bin ich dankbar um den leichten Mantel. Beeindruckend brandet die Ostsee an den Strand, mit dem sommerlichen Treiben der Badegäste ist es nun endgültig vorbei. Lucija schlingt ein Seidentuch um ihren Kopf, damit sich der Wind nicht zu sehr in ihren braunen Haaren verfängt.

»Nach den Unwettern, die Ende August den Sommer beenden, wird Bernstein angespült. Ich kann dir die Stellen zeigen, an denen man viel davon finden kann«, erzählt Dovidas und zeigt auf eine Senke, in der sich auch Treibgut und vertrocknetes Seegras angesammelt hat. Bernstein gehört wohl zu den Dingen, die seine Kindheit am Meer begleitet haben.

»Was habt ihr von euren Eltern gelernt?«, frage ich die beiden, während wir den Strand entlang spazieren.

»Dass man einander achten, wertschätzen und lieben kann, selbst wenn man seit vielen Jahren verheiratet ist«, antwortet Lucija und wird ein wenig nachdenklich. »Jeder Tag ist wertvoll, und es wäre schlimm, wenn man im Streit auseinandergehen würde und keine Gelegenheit mehr hätte, sich zu versöhnen.« Sie scheint wohl genau zu wissen, wovon sie spricht, und ich bin mir sicher, dass nicht immer eitel Sonnenschein zwischen ihr und Dovidas herrscht.

»Ich habe von meinem Vater gelernt, wie man seine Frau und Kinder nicht behandelt«, verrät er. Kurz schweift sein Blick auf die brandenden Wellen, dann sagt er stolz: »Von meiner Mutter habe ich das Singen gelernt – und zu meinen Wurzeln als Litauer zu stehen.«

Heute mag die Betonung auf die Nationalität Befremdung auslösen, doch in Zeiten, als die jeweiligen Kulturen der Sowjetmacht unterworfen werden sollten und viele Lieder, Feste, Symbole und Farben verboten waren; als bevorzugt Russen in wichtigen Funktionen eingesetzt wurden, ging es um Selbsterhalt. Im Jahr 1989 sehe ich die unzähligen Fahnen und ich wundere mich nicht, warum die Litauer, genauso wie die Letten und Esten, ihre Unabhängigkeit fordern. So viel zur politischen Lage, die Lucija wohl am besten erklären kann.

Aber darum geht es hier nicht. Dass sie an der Universität Philosophie lehrt, hat sie erzählt. Wie haben beide zu ihren Berufen gefunden?

»In der Schule war ich ein stilles Mädchen, das sich heimlich Gedanken über das Sein machte, anderen zuhörte, und literarische Werke interpretierte. Literatur ist bei uns ein Schulfach, genauso wie Staatsbürgerkunde«, erzählt Lucija. »Natürlich musste ich immer aufpassen, nichts in die Texte russischer Dichter und Schriftsteller wie Maxim Gorkij hineinzuinterpretieren, was gegen die Linie verstieß. Ich wurde von meinem Klassenlehrer und dem Parteisekretär für ein geisteswissenschaftliches Studium empfohlen. Danach wurde ich zunächst die Assistentin meiner Dozentin, bis ich schließlich selbst Philosophie lehren konnte.«

Ich stelle mir Lucija vor, wie sie am 1. September, wenn die Semester beginnen, in ihrem Talar den Hörsaal betritt und nach dem ersten Tag gemeinsam mit ihren Kollegen und Studenten durch die Stadt zieht. Dass sie sich für einen anderen Beruf entscheiden würde, könnte sie nochmals neu anfangen, bezweifle ich.

Und Dovidas? »Dürfte ich nochmals neu anfangen, würde ich ebenfalls studieren, oder Musiker werden«, antwortet er. »Aber die Entscheidungen, wer welchen Beruf ausübt, Handwerk oder Studium, oder was seinen Neigungen und Fähigkeiten entspricht, traf man bis vor Kurzem nicht selbst. Sondern ein Parteisekretär, wie Lucija erwähnte.« Doch ganz unglücklich über seine Offizierslaufbahn wirkt er nicht, im Gegenteil, er scheint nach etwas Höherem zu streben.

Vielleicht haben beide ihre langjährigen Wegbegleiter. »Seid ihr noch mit Personen aus eurer Kindheit befreundet?«, frage ich. »Wie lange und woher kennt ihr eure besten Freunde?«

»Tatsächlich ist meine jüngere Schwester Reta meine beste Freundin«, erklärt Lucija, hält das Lächeln, das der besonderen Beziehung der beiden Schwestern gilt und blinzelt etwas befangen zu Dovidas. Sie druckst ein wenig, doch dann fährt sie entschieden fort: »Mein bester Freund ist Kaziukas, und wir kennen uns seit unserem Erstsemester.«

Etwas ungehalten raunt Dovidas ihr etwas auf Litauisch zu. Ich verstehe nur einige Worte, die die beiden lebhaft austauschen, und mir ist klar, dass er der langen Freundschaft zwischen Lucija und Kaziukas misstrauisch gegenübersteht. Doch sie gibt sich gelassen, beschwichtigt Dovidas wieder.

»Jetzt erzähle du lieber von deinem besten Freund!«, fordert Lucija ihn auf.

Etwas überlegen grinst er, bis er antwortet: »Wlad und ich sind seit der Grundausbildung miteinander befreundet. Als dieser Junge, und er sah damals noch sehr kindlich aus, am ersten Tag die Stube betrat, war mir klar, dass ich auf ihn aufpassen und ihn führen musste. In unseren Streitkräften sind noch immer Schikanen und Misshandlungen seitens der Offiziere an der Tagesordnung, und sie suchen sich die Soldaten aus, die schwach oder unsicher erscheinen. Ich bin selbst nicht gerade groß und ich war in meiner Jugend keiner der Schläger, die ihre Herrschaft über die Stadtteile sicherten«, fährt Dovidas fort, und ich verstehe, dass auch er Opfer seiner Vorgesetzten hätte werden können, »aber ich machte Wlad vor, dass man sich nur durch absolutes Funktionieren und Auswendiglernen schützt, und man am besten keine Schwäche zeigt. Ich sortierte ihm nicht nur den Spind ein, sondern rettete ihm einmal sogar das Leben. Wir sind bis heute miteinander befreundet.«

Was sie – Dovidas als Litauer und Wlad(imir) als Russe – hoffentlich in diesen bewegten Zeiten bleiben werden.

Ich verbringe noch einige Zeit mit Lucija und Dovidas, doch dann lasse ich sie an ihrem Wochenende an der Ostsee für sich sein. Nächste Woche treffen wir uns wieder.

„Wolga“ – Der Cocktail aus „Sternenstürmer“

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Aus den Lautsprechern der Kellerbar schallt laute Musik. Betrunkenes Lachen aus dem Hintergrund übertönt sie, während zwischen den Tischen Paare tanzen (…)

Dovidas Marijonas Kalvaitis, Protagonist „Sternenstürmer“ – erscheint im Herbst 2022

So beginnt die Szene, in der Dovidas und seine Kameraden ausgehen. Es sind die 1970er Jahre, und was gehörte, außer Musik, Zigaretten und Flirts mit Mädchen zu einem Abend in der Bar dazu? Alkohol. Bier und Wodka allein hätten noch nicht den Effekt. Nichts lässt sich eleganter in der Hand halten als ein gediegener Cocktail.

Ich lehne am Tresen, umfasse mein Bierglas, während ich angestrengt meinem Kameraden Komarenko zuhöre.

»Sie leiten nun unser kleines Orchester?«, vernehme ich seine Frage, dabei streift sein Atem warm an meinem Ohr. »Bis Neujahr ist nicht mehr lange hin.«

»Dreieinhalb Monate«, bedenke ich, schreie fast, damit er mich versteht.

»Die Zeit vergeht schneller, als man denkt.«

»Ich werde Stücke einüben, die den meisten geläufig sind«, erwidere ich, trinke mein Bier bis auf den letzten Schluck.

Während Komarenkos Finger in die Schale fassen und er ein paar gesalzene Sonnenblumenkerne herauspickt, gleitet mein Blick durch die schummrige Höhle. Am Tisch in der Nische spielen vier andere Offiziere aus unserem Stab Karten. Rauch und Bierdunst, verschüttete Degtinė auf den Tischen. Bisher hält sich die Stimmung in Grenzen.

Wieder einmal bin ich an die Grenzen meiner Welt gestoßen. Gab es in der Sowjetunion Cocktails? Ich ging der Frage nach, recherchierte und stieß tatsächlich darauf, dass es in den 1950er, 60er und 1970er Jahren eine eigene Cocktailkultur gab. Der „Sternenstürmer“ wurde um einen Fakt mehr bereichert, und ich probierte den „Wolga“ selbst aus.

Als ich die Papirossa anstecke, die ich von Komarenko geschnorrt habe, fange ich die Blicke einer jungen Frau auf. Mit ihrer Freundin sitzt sie am Tisch bei der Tür. Beide sind Anfang zwanzig, beide hübsch und herausgeputzt. Die Brünette in dem grünen Kleid, das sie über einem enganliegenden Oberteil trägt, gefällt mir. Wie zufällig flattert nochmals ihr Augenaufschlag zu mir. Sie scheint zu bemerken, dass ich sie genauer betrachte, lächelt erst schüchtern, dann herausfordernder. Zurückhaltend senke ich die Lider, raune Komarenko zu: »Ich würde Ihnen nicht raten, die Mädchen so anzustarren, Arkadij Bogdanowitsch.«

»Wieso?«, erwidert er verständnislos. »Ihnen scheinen die beiden auch zu gefallen.«

»In Litauen gilt es als unhöflich, Fremden einfach in die Augen zu schauen«, erkläre ich. »Gehen Sie behutsamer vor. Nehmen Sie kurz Blickkontakt auf, gucken wieder weg, und wenn die andere nicht hinsieht, können Sie wieder hingucken.«

»Ihr Litowskijs seid wie die Japsen«, sagt Komarenko, wischt mit seiner Papirossa durch die Luft. »Bei euch ist alles gleich beleidigend und unhöflich.«

»Wir sind viele Völker in der Union und genauso unterschiedlich sind unsere Mentalitäten«, wende ich eine Diskussion ab.

»Wollen wir den beiden etwas zu trinken spendieren?«, raunt mir Komarenko zu. »Einfach nur, weil sie nette Mädchen sind. Oder ist das auch unhöflich?«

»Ist es nicht«, sage ich bereitwillig, winke den Barkeeper her und stecke ihm zwei Rubelscheine zu. »Zwei Cocktails für die beiden jungen Frauen«, sage ich und zeige in Richtung Tür. »Können Sie mir einen Wolga zubereiten?«

Nach dem kleinen Knigge für die Baltischen Staaten, dass man niemanden offensiv anstarrt, verrate ich nun das Rezept zum Roman:

70 ml Wodka

20 ml Pfefferminzlikör

30 ml Orangenlikör

50 ml Zitronensaft

2 Esslöffel Zucker

Eiswürfel nach Belieben

Alle Zutaten im Mixer schütteln, Eis in die Gläser geben und den Cocktail eingießen. Die Mengenangaben beziehen sich auf zwei Portionen.

I sveikatą! Zum Wohl!

Was war der Kalte Krieg?

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Vielen jüngeren Leser*innen mag die Epoche des Kalten Kriegs von 1945 bis 1991 nicht mehr geläufig sein. Vielleicht sind Begriffe wie NATO, Warschauer Pakt, Eiserner Vorhang, Mauerbau, Kubakrise oder Glasnost in dem Zusammenhang im Gedächtnis. Ich möchte in einer unregelmäßig erscheinenden Reihe von Blogartikeln die Geschichte, die Ereignisse und vor allem die Perspektive meiner Protagonist*innen ein wenig erläutern. Auf die Ereignisse, die in meinen Romanen eine große Rolle spielen, werde ich näher eingehen. Meine Bücher schildern sehr bildreich, authentisch und auch emotional, wie die Menschen in der ehemaligen UdSSR lebten und können diese Zeit anschaulich näherbringen. Niemand muss befürchten, mit Fakten und Jahreszahlen erschlagen zu werden. Für diejenigen, die Neuland betreten, ist diese Reihe gedacht. Ich beginne mit einer Zusammenfassung der wichtigsten Ereignisse.

Der Kalte Krieg: Von 1945 bis 1991 standen sich die beiden Machtblöcke
Sowjetunion und USA gegenüber

1945: Nach dem 2. Weltkrieg wird Deutschland unter den vier Siegermächten USA, Großbritannien, Frankreich und UdSSR aufgeteilt, Ostdeutschland wird von der Sowjetunion besetzt.

Länder wie Polen, die Tschechoslowakei, Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Jugoslawien und Albanien geraten ebenfalls unter sowjetischen Machteinfluss und werden sogenannte Satellitenstaaten. Die Baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland werden entgegen ihrer Hoffnungen auf den Westen als Teilrepubliken (Sozialistische Sowjetrepubliken) in die Sowjetunion einverleibt und Stalin setzt teilweise gewaltsam kommunistische Regierungen ein. Nach der Konferenz von Jalta ist die Teilung Europas in Ost und West beschlossen.

1947: Truman-Doktrin: Die Sowjetunion versuchte, ihr politisches Einflussgebiet zu erweitern, wie etwa in Griechenland, der Türkei und dem Iran. Erstmals wurde der Einsatz von Atomwaffen angedroht. Die Truman-Doktrin beruft sich auf eine Rede des damaligen amerikanischen Präsidenten, freien Ländern gegen den Kommunismus beizustehen und wurde zum wesentlichen Teil der US-Außenpolitik.

1948 – 1949: Berlinblockade: Als Reaktion auf die Einführung der D-Mark in den von den Westalliierten kontrollierten Zonen schließt die Sowjetunion Eisenbahn- und Straßenverbindungen in die Westsektoren Berlins. Die Folge war die Luftbrücke, die Westberlin mit Lebensmitteln versorgte.

1949: Gründung der Bundesrepublik Deutschland und Gründung der DDR = zwei deutsche Staaten.

1949: Gründung der NATO (North Atlantic Treaty Organization) in Washington. In meinen Romanen verwende ich die sowjetische Bezeichnung „Atlantisches Bündnis“.

1953: Tod Stalins. Nachfolger wird Nikita S. Chruschtschow. Unter ihm beginnt das erste „Tauwetter“ in der Sowjetunion.

Arbeiteraufstand in Ost-Berlin, wird von sowjetischen Truppen niedergeschlagen (17. Juni).

1955: Gründung des Warschauer Pakts (Warschauer Vertragsorganisation), Aufnahme der BRD in die NATO

1956: Volksaufstand in Ungarn gegen die sowjetische Besatzung, wird niedergeschlagen und der liberale Imre Nagy hingerichtet.

Zeitgleich in Polen findet der Posener Aufstand statt.

1957 gelingt es der Sowjetunion, mit dem Sputnik (Wegbegleiter) den ersten Satelliten ins Weltall zu schießen. Damit tritt der Kalte Krieg nach dem atomaren Aufrüsten in den Wettlauf ums All über.

1959: Revolution in Kuba. Unter Fidel Castro wird Kuba kommunistisch und Verbündeter der Sowjetunion. Eine Reihe verdeckter, vom amerikanischen Geheimdienst CIA geleiteter Operationen, Castro zu stürzen, scheitert, siehe 1961 in der Schweinebucht.

1961: Bau der Berliner Mauer; erster Weltraumflug der UdSSR

1962: Kubakrise. Nachdem die USA in der Türkei Atomwaffen stationierten, wählte die UdSSR Kuba als Stützpunkt ihrer Nuklearwaffen aus. Im Oktober 1962 entdeckten amerikanische Aufklärungsflugzeuge bei San Cristobál auf Kuba im Bau befindende Raketensilos, sowie Schiffe, die Atomwaffen in die Karibik brachten. Daraufhin verhängte US-Präsident Kennedy eine Seeblockade. Die beiden Supermächte standen am Rand eines (Atom-)Kriegs. Als die sowjetischen Schiffe abdrehten und Chruschtschow den Verzicht auf die Stationierung der Atomraketen zusagte – die USA verzichtete im Gegenzug auf ihre Atomwaffen in der Türkei – entspannte sich die Lage wieder. Allerdings besteht bis heute ein Wirtschaftsembargo gegen Kuba.

1963: Einrichtung des „Heißen Drahts“ zwischen Moskau und Washington; Attentat auf John F. Kennedy

1964: Absetzung Chruschtschows, Nachfolger Leonid I. Breschnew; Beginn der „Ära der Stagnation“

1968: Prager Frühling in der CSSR unter Alexander Dubcek; im August 1968 wird der „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ von der UdSSR und ihren Warschauer Pakt-Verbündeten niedergeschlagen. Rumänien unter Nicolae Ceausescu verweigert den Einsatz seiner Truppen, es kommt zum Bruch zwischen Bukarest und Moskau.

Breschnew-Doktrin: „Die Völker der sozialistischen Länder, die kommunistischen Parteien, haben die uneingeschränkte Freiheit und sie müssen sie haben, die Entwicklungswege ihres Landes zu bestimmen. Jedoch darf keine Entscheidung von ihrer Seite entweder dem Sozialismus in ihrem Land oder den Grundinteressen der anderen sozialistischen Länder Schaden zufügen.“

1969: Mondlandung der USA

1969 – 1974: Ära Willy Brandt, Politik des „Wandels durch Annäherung“ mit der DDR, Polen und der Sowjetunion

1972: Aufstand von Kaunas (Litauen), der von Truppen des sowjetischen Innenministeriums niedergeschlagen wird

1974: Rücktritt Willy Brandts aufgrund der Guillaume-Affäre (DDR-Spion im Bundeskanzleramt), Nachfolger Helmut Schmidt (bis 1982)

1979: NATO-Doppelbeschluss: Stationierung von Pershing II-Raketen in der BRD; Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan

1980: Olympische Spiele in Moskau und Tallinn; Boykott durch die USA und vieler westlicher Staaten aufgrund der Invasion in Afghanistan, sowie Wirtschaftsembargo gegen die UdSSR

1981: Ronald Reagan wird Präsident der USA

1982: Tod Leonid I. Breschnews, Nachfolger: Jurij W. Andropow; Helmut Schmidt verliert das Misstrauensvotum des Deutschen Bundestags, Nachfolger: Helmut Kohl

1983: Die USA initiieren mit dem SDI-Programm (Star Wars) einen Abwehrschirm im Weltall gegen Interkontinentalraketen

1984: Tod Andropows, Nachfolger: Konstantin U. Tschernenko

1985: Michail S. Gorbatschow wird Nachfolger Tschernenkos, Beginn der „Perestrojka“, des Umbaus der sozialistischen Gesellschaft; erstes Gipfeltreffen zwischen Reagan und Gorbatschow in Genf

1986: Reaktorunglück in Tschernobyl; Beginn der Umweltbewegung in den Baltischen Staaten, insbesondere in Estland (Ölschieferabbau und Bedrohung der Hochmoore und der Ostsee) und Litauen (Ausbau des Reaktors Ignalina zum weltgrößten Kernkraftwerk)

1987: In der Sowjetunion werden politische Häftlinge begnadigt und freigelassen, wie etwa Andrej Sacharow

1988: Beginn der „Singenden Revolution“ in Estland, Lettland und Litauen, Gründung der Volksfronten

1989: Abzug sowjetischer Truppen aus Afghanistan, Regimewechsel in den meisten Satellitenstaaten, Fall der Berliner Mauer; die Litauische Kommunistische Partei unter Algirdas M. Brazauskas spaltet sich von der KPdSU ab; George Bush Senior wird US-Präsident

1990: Bei den ersten freien Parlamentswahlen in Litauen gewinnt die Unabhängigkeitsbewegung/Volksfront Sajudis, Vytautas Landsbergis wird Präsident und erklärt die Unabhängigkeit von der UdSSR, Moskau verhängt ein Wirtschaftsembargo gegen Litauen und verstärkt seine militärische Präsenz in den Baltischen Republiken; Deutsche Wiedervereinigung

1991: Beim Umsturzversuch in Vilnius sterben 13 Menschen („Vilniusser Blutssonntag“), der Golfkrieg beginnt; am 19. August 1991 soll Gorbatschow durch einen Putsch gestürzt werden, was aber scheitert. Kurz darauf werden Estland, Lettland und Litauen als unabhängige Staaten anerkannt und Mitglieder der UN. Am 08. Dezember 1991 wird bei Minsk die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) gegründet, damit ist die Sowjetunion aufgelöst. Michail Gorbatschow tritt am 25. Dezember 1991 als letztes sowjetisches Staatsoberhaupt ab.

Bei Fragen und Anregungen schreibt mir bitte.

An den Kaukasus – Lammleberspieße mit Chachapuri

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Bisher habe ich Länder wie Georgien, Armenien oder Aserbaidschan in meinen Romanen nur beiläufig erwähnt, als einer meiner Protagonisten dort während seiner Armeezeit im Kaukasus stationiert war. Zum Armenier oder Georgier zu gehen, hatte die gleiche Bedeutung wie bei uns griechisch oder italienisch zu essen: Ein wenig Sonne und ein wenig Exotik.

Durch den Vielvölkerstaat Sowjetunion gab und gibt es noch heute in den Baltischen Republiken einen gewissen Anteil an der georgischen, armenischen oder aserbaidschanischen Bevölkerungsgruppe. Bei meinen Besuchen dort habe ich die Spezialitäten einer bei uns noch nicht so bekannten und etwas unterschätzten Küche kennengelernt.

Wenn ich jemandem bei der Frage, was grille ich heute, inspirieren kann, teile ich gerne dieses georgische Gericht, Lammspieße mit Chachapuri. Chachapuri ist ein Schiffchen aus Hefeteig, gefüllt mit einer Käse-Ei-Mischung und eignet sich auch so als Vorspeise oder Beilage.

Für die Lammleberspieße:

500 g Lammleber

2 rote Zwiebeln

2 rote Paprika

Pfeffer

Salz

Chmeli-Suneli-Gewürzmischung (aus dem osteuropäischen Lebensmittelladen, alternativ, aber nicht so intensiv, Schaschlikgewürz)

Olivenöl zum Bestreichen, denn Lammleber ist sehr trocken

Die Lammleber in ca. 2 cm dicke Streifen schneiden. Die Zwiebeln schälen und achteln. Abwechselnd Leberstreifen, Paprikastreifen und Zwiebelstücke auf Schaschlikspieße stecken, würzen. Am besten gelingen die Lammleberspieße auf dem Holzkohlegrill, es kann auch ein Kontaktgrill verwendet werden. Bitte beachten, während des Grillens die Spieße bitte immer wieder mit Olivenöl bestreichen.

Chachapuri:

Teig:

600 g Mehl

1 EL Salz

1 EL Zucker

2 Pack Trockenhefe

200 ml warmes Wasser

100 ml Milch

Aus Mehl, Hefe, Salz, Zucker, Milch und Wasser einen gleichmäßigen Teig rühren. Den Teig für eine Stunde an einem warmen Ort gehen lassen, bis er ungefähr das doppelte Volumen hat. Mit einem Löffel verrühren und nach unten drücken, dann nochmal 30 Minuten ruhen lassen.

Ca. 10 Minuten vor Ende der Gehzeit den Ofen auf 220 Grad vorheizen und die Käsefüllung vorbereiten:

Füllung:

300 g Halloumi-Käse (reiben)

300 g Feta-Käse (klein würfeln)

3 Eier

Frische Kräuter wie Oregano und Thymian oder Petersilie

Alle Zutaten in einer Schüssel vermengen. Den Teig in 4 gleich große Teile schneiden, daraus gleichmäßige Schiffchen formen und die Ränder hochziehen. Ein Ei mit Wasser verrühren und auf den Teig streichen, füllen. Wahlweise kann man noch jeweils ca. 5 Minuten vor Ende der Backzeit ein Ei auf die Chachapuri geben und mitbacken, aber die Käsefüllung ist ziemlich gehaltvoll. Ca. 15 Minuten backen und am besten ganz frisch servieren.

Als Beilage empfehle ich Reis, mit etwas Dill bestreut.

Viel Freude und gutes Gelingen! Gerne könnt ihr mir berichten, wie euch das Rezept gelungen ist und wie das etwas andere Schaschlik (davon gibt es bald das authentische Rezept) gelungen ist.

Die A-Seite und die B-Seite – Making Of Sternenstürmer #4

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Wäre „Sternenstürmer“ eine auf eine Schallplatte gepresste Rock Opera, gäbe es eine A-Seite und eine B-Seite. Bei einem Roman gibt es Kapitel und Teile, und dieser hat zwei Teile wie Tag und Nacht, wie hell und dunkel, wie hoffnungsvoll und dystopisch.

Als ich Ende vergangenen Jahres Lucija und Dovidas wiederbelebte, hatte ich nicht vor, ein Epos zu schreiben. Doch je tiefer ich mich in ihre Welt der 1970er und 1980er Jahre in den Sowjetzeiten hineinbegebe, merke ich, sie lässt sich nicht auf 100 Seiten abhandeln.

Es ist die Welt der Schwarzmärkte und des Subversiven an der Universität, die ein Paralleluniversum zu Kommandos und Konformität bildet. Gleichzeitig wirft der Kalte Krieg mit seinen Bedrohungsszenarien seine Schatten, doch Lucija und Dovidas lassen sich davon nicht einschüchtern und leben ihr Glück. Sie verbringen Sommertage in Jalta – und die Parallelereignisse des Jahres 2022 holen mich ein, als ich eine inzwischen untergegangene Welt beschreibe. Dovidas‘ launenhafter wie hinterhältiger Vorgesetzter nimmt die beiden mit zur Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele in Moskau 1980, die von vielen westlichen Nationen wegen des Einmarsches in Afghanistan boykottiert wurden. Sozusagen als Dank dafür, dass Dovidas als diensthabender Offizier geistesgegenwärtig eine Eskalation zwischen Ost und West verhindert hat, weil er den Fehler im Alarmsystem erkannt hat.

Doch dann bricht der Krieg, der offiziell keiner ist – wie sehr sich die Geschichte wiederholt – ins Leben der beiden. Durch eine Intrige wird Dovidas nach Faisabad geschickt, und Lucija bleibt in Litauen zurück und wartet auf ein Wiedersehen. Das ist die dystopische B-Seite.

Lucija und Dovidas – entstanden 2009, als ich die erste Version von „Sternenstürmer“ schrieb

Leseprobe:

Ein kühler Wind fegt um die Mauer der Kommandantur, wirbelt Staub vor meinen Füßen auf und reißt an den roten Flaggen, als ich darauf zulaufe. Verzagt weht mir der süße Duft wilder Veilchen auf der Grünfläche entgegen, aber ich nehme ihn kaum auf. Ich zu bin müde, hungrig, und einfach genervt, dass ich bei Rodjonnow antreten muss. Entsprechend laut hallen meine Schritte auf den Stufen. Hinter der Tür des Vorzimmers hämmert die Sekretärin in die Tasten ihrer Schreibmaschine. Einmal klopfe ich kurz an, trete ins Vorzimmer ein. Das Geklapper verstummt, sie blickt auf.

 »Der Genosse Kommandeur erwartet Sie«, sagt der Adjutant, erhebt sich von seinem Platz am Schreibtisch gegenüber der Sekretärin, und führt mich zu Rodjonnow.

Ich bliebe an der Umrandung des Perserteppichs stehen, salutiere dem Kommandeur. Der rutscht zurück, erhebt sich. In seinem Mundwinkel bewegt sich ein trockener Zigarillo, als er sagt: »Treten Sie nur näher, Kalvaitis. Ich habe einen Marschbefehl für Sie. Damit melden Sie sich umgehend im Wehrkreiskommando. Dort wird man Ihnen alle weiteren Order erteilen.«

Wehrkreiskommando? Marschbefehl? Ich kann ihm nicht folgen. Doch der Zusammenhang mit der Beerdigung meines Vaters und diesem ominösen Marschbefehl brennt sich in mein Denken. Werde ich deshalb versetzt? Wohin diesmal? Rodjonnow überreicht mir mehrere Dokumente, die den Stempel des Baltischen Militärbezirks und eine Unterschrift tragen. Ich nehme das arglistige Funkeln in Rodjonnows Augen wahr, bevor ich zu lesen beginne.

Dem Genossen Major Dovidas M. Kalvaitis wird ab dem 01. April 1981 die Ehre zuteil, das Kommando über den Luftwaffenstützpunkt in Faisabad, Sozialistische Republik Afghanistan zu übernehmen. Dafür hat er sich in der Militärpräfektur in Termes, Usbekische SSR, zu melden. Dieser Marschbefehl ist dem zuständigen Wehrkreiskommando vorzulegen …

 Ich lese schnell. Meine Gedanken rennen noch schneller. Afghanistan? Wozu das, hinterfrage ich den Sinn, aber es gibt keinen Sinn zu hinterfragen. Das Augenpaar in Rodjonnows Mondgesicht bestätigen mir nur eins: Nicht fragen. Gehorchen.

»Als ich erfuhr, dass der derzeitige Kommandeur versetzt wird, habe ich natürlich an Sie gedacht«, offenbart er mir, dreht seinen Zigarillo in den Händen und grinst mich schleimig an. Ich glaube ihm kein Wort. Aus jeder Silbe triefen Willkür und Verachtung heraus. »Wer, außer Ihnen, könnte ein Aufklärungsgeschwader befehligen, das an unserer Friedensmission in Afghanistan beteiligt ist?«

Inständig hoffe ich, dass ich mich mit meinem Wissen nicht verrate. Die Friedensmission dauert nun eineinviertel Jahre, ziemlich lang.

»Was ist? Wollten Sie sich nicht längst Ihre Beförderung verdienen, Kalvaitis?«, blafft mich Rodjonnow an, klemmt den Zigarillo wieder in den Mundwinkel, schraubt seinen Füller auf und reicht ihn mir. »Das ist Ihre Gelegenheit, sich zu beweisen. Sie werden siegreich und mit Orden geschmückt zurückkehren. Außerdem habe ich mich für Sie bei den Genossen von der GRU eingesetzt. Ihnen hätte Schlimmeres blühen können. Also unterschreiben Sie.« Eine Stichflamme lodert aus dem Zigarillo, als er ihn ansteckt.

Bereits in der „Himmel, Erde, Schnee“-Dilogie kam ich am Thema Afghanistankrieg nicht vorbei. Erst recht nicht im „Sternenstürmer“, und ich halte es für wichtig, diesem Land und seinem Schicksal wieder mehr Beachtung zu schenken. Nach den erschütternden Bildern, die im August 2021 in unsere Wohnzimmer drangen, war es eine Frage der Zeit, bis andere Themen, Kriege und Krisen sie erneut aus dem aktuellen Bewusstsein drängen würden. Ich hoffe, dass ich durch diesen Roman wieder das Interesse wecken und zum Nachdenken anregen kann.

Mich bewegt bei diesem komplexen Thema, und daher der Umfang des „Sternenstürmers“, dass 1979 die Szenarien an der sowjetisch-afghanischen Grenze dem Aufmarsch an Panzern und Militär an der russisch-ukrainischen Grenze im Januar/Februar 2022 gleichen. Auch die Art, wie Moskau versucht(e), die Welt über seine wahren Absichten zu täuschen, ist die gleiche: Leugnen. Danach wird zugeschlagen und versucht, die Führung des jeweils anderen Landes abzusetzen und auszutauschen. Vor allem aber: Es ist kein Krieg. Es ist eine Mission. Erst unter Gorbatschow wurde von einem Krieg in Afghanistan gesprochen und offiziell zugegeben, dass sowjetische Soldaten starben.

Im „Sternenstürmer“ erkennt Dovidas bald, in was er als Kommandeur einer Luftwaffenbasis hineingeraten ist. Immer wieder gerät die Basis unter Beschuss der afghanischen Rebellen, mit Stinger-Raketen, die sie von den Amerikanern bekamen. Bei seiner vorübergehenden Rückkehr in die Heimat darf Dovidas nicht von einem Krieg sprechen, doch es genügt ein Silvesterfeuerwerk, um ihn zurück nach Faisabad zu schicken. Er wird eine Veränderung von dem lebenslustigen, netten jungen Offizier zum traumatisierten, von allen möglichen Substanzen abhängigen Haudegen durchleben. Kein stromlinienförmiger Protagonist, sondern ein gefallener Held, der mit seinen Verwundungen klarkommen muss.

Lucija als Dozentin gerät an der Universität in Berührung mit einem Dissidentenzirkel, den ihr ehemaliger Kommilitone anführt. Sie weiß, dass Dovidas in einem Kriegseinsatz ist und möchte ihn natürlich lieber heute als morgen wieder an ihrer Seite haben. Aber sie weiß auch um die Gefahr, die heimliche Treffen und Untergrundschriften mit sich bringen, nicht nur für sie.

Inzwischen bin ich im Jahr 1983 angelangt und vor mir liegt noch ein Stück auf der B-Seite. Das Epos geht weiter, stets mit Blick auf die Gegenwart.