London Heathrow, 21. Januar 1976
Noch stand sie vor dem Terminal, aber an diesem bewölkten Mittwochvormittag bebte die Luft. Spezialfahrzeuge schwirrten um die Concorde herum und beluden sie für ihre erste Reise. Beflissen hakten die Techniker ihre Listen ab, Fahrwerke in Ordnung, Reifendruck stimmt und die Nachbrenner funktionsfähig.
Umgeben von Faraday, den Kollegen in ihren blauen Uniformen und den neu eingekleideten Stewardessen wartete Anthony auf den Moment, in dem die Blöcke von den Reifen genommen wurden. Auf den Dächern des Terminals und des Towers scharten sich Schaulustige. Halb London, schätzte er spöttisch, musste auf den Beinen sein, um den Take-Off zu erleben.
Anthonys Blick wanderte das Spalier entlang. Simon trug würdevoll seine Uniform als Flight Engineer, und James verzog kaum einen Muskel in seinem Gesicht. Mit wichtiger Miene antwortete Sir Alexander auf die Fragen eines Reporters.
»Ich habe immer an das Concorde-Programm geglaubt, denn ich bin für Zukunft und Fortschritt«, verkündete er und wedelte mit seinem Ticket. »Doch nun muss ich an Bord. Meine Frau sitzt bereits im Flugzeug.« Er löste sich aus der Reihe, nickte Anthony zum Abschied zu und stieg über die Außentreppe in die Maschine.
Angestrengt vom Stehen wippte Anthony mit den Knien. Oben auf der Gangway sah er, dass die Passagiere einstiegen. Als er zu seiner linken Seite guckte, bemerkte er sie plötzlich. Nicht die Blondine, die ihm vorwitzig zublinzelte.
Sondern Konstanze. Sie hatte es zur Purserin auf der Concorde gebracht und war seiner Crew zugeteilt.
Ihre braunen Haare hatte sie im Nacken zu einer Schnecke zusammengerollt, die kurzen Strähnen zu Kringeln an die Schläfen geklebt, und ihr Profil war das einer klassischen Schönheit. Über dem Hosenanzug trug sie einen himmelblauen Mantel, an dem das silberne C auf Brusthöhe prangte. Ein sanfter Stich durchfuhr Anthonys Magengrube, als sie ihn dabei ertappte, dass er sie bewunderte. Ihre Brauen zuckten und sie schürzte leicht ihre Lippen. Obwohl … empört war sie noch reizender.
Sie machte ihn verlegen, und das schaffte keine Frau so schnell. Mit einem freundlichen Lächeln versuchte Anthony zu verbergen, welchen inneren, unerklärlichen Taumel sie in ihm auslöste. Zögerlich, als müsste sie gründlich darüber nachdenken, lächelte sie zurück und richtete ihre Augen auf die Concorde.
Was löste Konstanze nur in ihm aus, dass er über beide Ohren grinsen musste? Peinlich berührt wandte er seinen Blick wieder von ihr ab und rieb seine Nase. Anthony füllte seine Lungen mit einem tiefen Atemzug, der seinen Brustkorb anhob. Übermorgen, nahm er sich vor, würde er einen besseren Eindruck bei Konstanze hinterlassen. Er würde sich wie ein wahrer Gentleman benehmen.
Ein vertrautes Grollen legte sich über das Vorfeld. Gebannt hielten die Kameraleute den Moment fest, als die sich die Triebwerke einschalteten und am Bauch und am Heck des Flugzeugs die roten Lichter blinkten. Die Winterluft flirrte. Anthony spürte, wie sie sich in seinen Fingerspitzen fortsetze. Unauffällig schielte er zu Konstanze. Sie neigte ihr Gesicht der Blondine zu, die aufgeregt mit ihr schwatzte.
»In wenigen Minuten, um 11 Uhr 40, hebt die Concorde zu ihrem ersten Passagierflug ab«, rief der Reporter ins Mikrofon. »Der Schlepper ist am Bugfahrwerk dran und die Startblocks werden entfernt. Gleichzeitig mit ihr wird die Concorde der Air France von Paris nach Rio de Janeiro starten.«
James, der unmittelbar neben Anthony stand, rückte an ihn heran. »Den Ersten ist der Eintrag in der Geschichte sicher«, bemerkte er. »Würden wir nicht lieber heute im Cockpit sitzen?«
»Es muss auch die Zweiten geben«, antwortete Anthony und verfolgte, wie der Flugzeugschlepper die Concorde vor sich herzog.
Mit jedem Fuß, die sie von ihm fortrollte, wuchs ein leises Bedauern, dass er nicht der Pilot war. Aber er fühlte sich keineswegs im Nachteil oder um einen großen Moment betrogen. Im Gegenteil, vielleicht verhielt es sich wie mit dem Warten auf eine Verabredung, die für einen anderen Tag vereinbart war. Je mehr man sich darauf freute, umso intensiver würde man das Wiedersehen genießen.
»Jetzt bewegt sie sich aus eigener Kraft auf die Startbahn«, kommentierte der Reporter und schirmte mit der freien Hand sein linkes Ohr ab.
Erwartungsvoll richteten sich alle Blicke auf die Concorde, die der Menge ihr Heckruder zuwandte. In ihren Nachbrennern glühte ein feuriger Kern, bereit, die Maschine in den Himmel zu katapultieren. Sie steuerte die gesamte Länge der Bahn entlang und wendete um ihre eigene Achse. Wie mit dem Boden verwachsen stand Anthony da, seine Finger zu Fäusten geballt und die Schultern gestrafft. Die Anspannung kroch ihm über den Rücken, sein Herz schlug im Takt der Triebwerke. Er wartete auf die Erschütterung, wenn sie mit vollem Schub losfegte. Auf dem Ziffernblatt seiner Uhr standen die Zeiger auf 11:40.
»Drei, zwei, eins …«, zählte er den Concorde-Countdown herunter.

Dann stieg sie hoch, steil dem Himmel entgegen und verschwand langsam aus Anthonys Sichtfeld.
»Hier schwebt sie«, begleitete der Reporter ihren Flug durch die Wolkendecke. »Viel Glück, Concorde.«
Noch eine Weile lauschte Anthony ihrem Nachhall, bis er verklang. Bevor sich die Ansammlung auflöste, musste er seine Gelegenheit nutzen.
»Flirten wir ein wenig mit unseren Mädels«, forderte er James und Simon auf. Entschlossen marschierte er auf das Grüppchen Stewardessen zu, das Konstanze halb umringte.
»Wüsste ich nicht besser, was du meinst, käme ich nie drauf, dass wir uns bei ihnen vorstellen«, brummte James und Simon gluckste amüsiert.
Während die Blondine Anthony breit angrinste, funkelte Konstanze ihn frostig an. Gezwungen setzte sie ihr Stewardessenlächeln für ihn auf, musterte ihn durch und durch mit ihren dunklen Augen.
»Guten Tag, Ladies«, begrüßte er sie und ihre Kolleginnen, legte lässig seine Hand auf den Schoß seines Mantels. »Ich bin Anthony Carter Fulton, Ihr Captain. Das sind First Officer James Reynolds und Flight Engineer Simon Anderson. Wir werden ab Freitag das Vergnügen haben, gemeinsam auf der Concorde zu fliegen.«
»Man nennt ihn auch Ace«, fügte James hinzu.
Die Blondine beäugte Anthony ausgiebig. Sie gehörte wohl zur schnellen Sorte. Unverwandt streckte sie ihm die Hand entgegen und flötete: »Mein Name ist Bridget Mannings.«
Konstanze trat einen reservierten Schritt auf ihn zu. Abwägend begutachtete sie ihn, dabei wurde der Ausdruck in ihren Augen wärmer. »Ich bin Konstanze Weber, die Chefstewardess.«
»Freuen Sie sich auf übermorgen, Konstanze?« Anthony wägte ihre Gesichtsregungen ab. Sie wurde aufmerksamer. »Es ist schon ziemlich beeindruckend, wenn die Conc abhebt. Vor allem heute, dem Beginn des Überschallzeitalters. Ich war fast von Anfang an als Testpilot dabei.«
»Bei der Farnborough Air Show habe ich eindrucksvoll erlebt, wie sie startet«, erwiderte sie. In ihrem fließenden Englisch verbarg sich ein leichter deutscher Akzent.
Mit Mühe kämpfte er sein Grinsen nieder. »Ich war ebenfalls dort, als sie vor mehr als fünf Jahren dem Publikum präsentiert wurde.«
»Ich weiß.«
»Ja …« Jetzt nur nicht in Verlegenheit kommen. Anthony verschloss seine Hände auf dem Rücken und straffte die Schultern. »Ich kann Ihnen versichern, dass Sie übermorgen keinen gewöhnlichen Take-Off wie auf der Trident oder der VC 10 erleben werden. Wir werden wie eine Rakete starten, also halten Sie sich gut fest. Haben Sie keine Angst, Sie werden es lieben.«
…