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Aus Sterne der Freiheit, Teil 2 der Sternenstürmer–Saga
30. September 1987
Goldenes Licht fließt durch das verfärbte Laub der Bäume, die das weiße Anwesen auf der Insel im Galvė-See umschirmen. An meinem Geburtstag zeigt sich der Herbst von seiner sonnigen und angenehmen Seite. Der späte Nachmittag gestattet, dass wir mit unseren Gästen einen Teil der Feier draußen verbringen.
Lucija sitzt neben mir in einem samtbezogenen Stuhl in der ersten Reihe, während die Kapelle Teure Heimat spielt. Als ich das Stück auswählte, unterschätzte ich seine Wirkung auf mich. Oder vielmehr, was es auslösen würde. Meine Brust wird eng, in meiner Kehle schwillt ein Kloß aus Sentimentalität an. Plötzlich fühle ich mich verloren, wie ein herbstwelkes Blatt, das vom Ast fällt und noch einmal aufschwebt, unwillig, irgendwo auf die Erde zu fallen. In Afghanistan sehnte ich mich so sehr nach der Heimat, hörte dieses Stück und war geistig und mit dem Herzen bei Lucija und Jūratė. Ich ließ damit die Piloten beschallen, damit sie verinnerlichten, wofür sie an der Großoffensive teilnahmen. Heute sitze ich auf litauischem Boden, und fühle mich entrückt und entfremdet von allem.
Bevor ich völlig den Halt verliere, fasse ich nach Lucijas Hand und bette sie in meinem Schoß. Ihre Finger sind kalt, obwohl sie die Pelzstola um ihre Schultern gewickelt hat. Je länger die Schatten mit der tiefer wandernden Sonne fallen, steigt klamme Feuchtigkeit aus dem Boden. Der große See schickt seinen kühlen Hauch zu uns.
»Was ist mit dir?«, flüstert mir Lucija besorgt zu. Sie scheint bemerkt zu haben, wie ich gegen meine Gefühle und Erinnerungen ankämpfe.
»Ich wärme nur deine Finger«, lenke ich ab.
Ich möchte vermeiden, dass mein unmittelbarer Nachbar, General Viktors Kuzmīns, Stellvertreter im Baltischen Militärbezirk, bemerkt, wie sehr ich mit mir ringe. Darum weiche ich seinem Seitenblick aus, spähe zu Jūratė. Sichtlich gelangweilt von der Musik lehnt sie neben Marijonas in ihrem Sessel, hält sich aber wohlerzogen einigermaßen still. Zweifelnd, dass Lucija den Abend in ihrem kurzen Kleid draußen aushält, blicke ich auf ihre überkreuzten Schenkel. »Wenn das Konzert zu Ende ist, gehen wir hinein«, beschließe ich.
Mit der Linken fasse ich nach dem Sektglas, das ich neben dem Stuhlbein in der Wiese abgestellt habe, und nippe daran. Als sämtliche Gäste ankamen, reichten die als Kellner fungierenden Fliegeranwärter und Unteroffiziere auf Tabletts den Sekt herum. Mir blieb nicht erspart, Rodjonnow und seine Frau einzuladen. Wir sahen einander in die Augen, als er mit auf meinen Vierzigsten anstieß, und wären Blicke spitze Degen … Zwischen ihm und mir herrscht ein unheimlicher Waffenstillstand. Keiner hält etwas vom anderen, trotzdem verbeiße ich mir genauso wie er die tiefe Abneigung. Meine Nähe zu Kuzmīns lässt ihn sichtlich noch mehr argwöhnen.
Das Stück ist zu Ende, doch mein Herz hämmert wie der Takt eines schnellen Volkstanzes. Vor den Stufen, die zu dem Säulenvorbau führen, erheben sich die Musiker, verneigen sich. Sachte drücke ich Lucijas Hand, bevor ich sie loslasse. Ich stehe auf und applaudiere.
»Vielen Dank, Genossen, Ihre Darbietung war großartig«, rufe ich den Offizieren auf Litauisch und Russisch zu, trete vor und wende mich an die rund hundert Gäste: »Ich bin kein Sommerkind und muss dankbar sein, wenn an meinem Geburtstag das Wetter ist wie heute. Die Schatten werden kälter, was die Frauen als erste spüren. Darum bitte ich Sie in den Saal, wo Sie gleich tanzen können.«
Heiteres Gelächter und Geplauder erklingen, während sich die Festgesellschaft erhebt. Die Schleppe, die Lucijas Kleid umspielt, wogt, als sie auf mich zuschreitet.
»Ich würde viel dafür geben, wenn ich mit dir tanzen könnte«, seufze ich, biete ihr meinen Arm an und führe sie die Stufen hoch.
»Die Feier wird auch ohne, dass wir tanzen, schön«, tröstet sie mich, hält mit mir Schritt.
© Ira Habermeyer 2023
