Themen: Roman, Historischer Roman, Zeitgeschichte, Leseprobe, 1970er Jahre, Concorde, England, UK, Luftfahrt
Stell dir vor, du bist 21 Jahre alt und möchtest nichts wie raus. Was würdest du tun, wenn du in einer Anzeige liest, dass eine europäische Airline Stewardessen sucht?
Konstanze würfelt mit ihrem Schicksal und bewirbt sich bei der British European Airlines. Wir schreiben August 1969, die Mondlandung ist gerade mal ein paar Wochen her, in UK gab es zwei Fluggesellschaften (eine, die innereuropäische Strecken verband, und die BOAC, die Interkontinentalstrecken bediente), die Zukunft lag im Fortschritt und in der Raumfahrt, und Honky Tonk Women von den Rolling Stones stand auf Platz 1 der Charts.
Habe ich deine Lust auf eine Zeitreise geweckt? Möchtest du erfahren, wie Konstanze ihre beste Freundin Joyce findet und weshalb Bridget ihre Antagonistin wird? Unter dem Moodboard geht es weiter mit der ersten Leseprobe aus Concorde – Vom Himmel berührt und ab in die goldenen Zeiten des Jet Age.

Gebannt folgte Konstanze dem aufsteigenden Flugzeug, das neben dem Zug herzufliegen schien, um dann endgültig in den Himmel abzuheben. Heathrow als Endstation kam näher und der Zug rollte mit gedrosselter Geschwindigkeit darauf zu. Vor Ungeduld und Aufregung kribbelte Konstanzes Kopfhaut und ihre Knie bebten. Obwohl der Endhalt noch ein paar Meter entfernt war, ertrug sie es nicht länger, zu sitzen. Sie stand auf, schlüpfte in die Ärmel ihrer Jacke und schritt durch den Gang auf die Tür zu. Unter ihren Füßen spürte sie, dass der Zug abbremste. Aus dem Nebenabteil erschien eine Stewardess in ihrer dunkelblauen Uniform und mit der runden Kappe der BEA auf ihrem perfekt frisierten blonden Haar. Flüchtige Blicke begegneten sich, ein Wimpernschlag, und stärker als zuvor brannte in Konstanze der Wunsch, an ihrer Stelle zu stehen. Sie war schön wie ein Mannequin und voller Eleganz. Wie würde es sein zu fliegen? Noch nie war sie in einem Flugzeug gewesen, denn diese Art zu reisen war teuer und wohlhabenden Menschen vorbehalten.
Als Konstanze ausstieg, lief die Stewardess an ihr vorbei, ihre Tasche an den Oberkörper gepresst. Neben sich bemerkte sie wieder die junge Frau, die im letzten Moment, als der Schaffner in Paddington Station den Heathrow Express bereits abgepfiffen hatte, eingestiegen war. Keuchend, als würde ihr Leben davon abhängen, dass sie diesen Zug erwischte, war sie an ihr vorbeigestürmt. Ähnlich wie sie trug sie ein streng wirkendes Kostüm, und ihre Haare hatte sie hochgesteckt.
»Verzeihung«, sprach sie Konstanze an und hielt einen Brief zwischen den Fingern, der mit ihren Schritten flatterte, »sind Sie auch auf dem Weg zum Assessment Center der BEA?«
Eindeutig erkannte Konstanze das Logo auf dem Briefkopf wieder. »Ja«, antwortete sie, froh darüber, dass sie nicht alleine herumirren musste.
»Joyce Townsend«, lächelte die junge Frau und streckte ihr die Hand entgegen.
»Konstanze Weber«, stellte sich Konstanze vor.
»Woher kommst du?«, fragte Joyce unverwandt.
»Deutschland. Genauer gesagt aus München.«
»Ah … Constance aus München«, erwiderte Joyce, hob den Kopf leicht an. »Ich bin aus London selbst. Darf ich dich Nancy nennen?«
»Von mir aus …« Konstanze war erstaunt, wie vertraut diese junge Frau auf sie wirkte. So als wären sie bereits jahrelang befreundet.
»Hast du dich auch auf die Anzeige im Daily Telegraph beworben?«, fragte Joyce und steckte den Brief wieder in ihre Handtasche. »Seitdem ich vor ein paar Jahren mit meinen Eltern nach Amerika geflogen bin, wusste ich, ich werde einmal ein Jet Girl. Man kommt herum, trägt diese elegante Uniform und begegnet interessanten Menschen.«
Wie bei einer kniffligen Prüfung beschlich Konstanze das unangenehme Gefühl, komplett unvorbereitet zu sein. Verlegen senkte sie ihren Blick auf das Gehsteigpflaster. Ein Hauch von Kerosin, vermischt mit dem Geruch von Regen auf warmem Asphalt, strich in ihre Nase. Das Kreischen laufender Triebwerke wurde lauter, übertrug sich wie eine Schwingung in Konstanzes Blut. Durch den Zaun, der lange betonierte Pisten umgab, sah sie, wie ein Flugzeug anrollte. Vor dem Terminalgebäude im Hintergrund standen sie bereit: Die glänzenden Stahlkörper mit Aufschriften wie Aer Lingus, Pan Am und Lufthansa.
»Du warst schon in Amerika? Ich bin noch nie geflogen«, gestand sie. »Wie ist es?«
»Toll«, antwortete Joyce und strahlte. Sie zeigte auf das Flugzeug, das über die Piste rollte. »Noch am Boden wird das Flugzeug immer schneller, man spürt die Vibration der Reifen, und plötzlich hebt es ab. Der Magen kribbelt wie bei einer Achterbahnfahrt, die Ohren drücken leicht, und Wolkenfetzen ziehen direkt am Fenster vorbei. Am liebsten würde man nach ihnen greifen«, schwärmte sie. »Schließlich erreicht man die Flughöhe, und oben strahlt der blaue Himmel. Dort oben spürt man kaum etwas, es fühlt sich eher an, als würde man mit dem Bus fahren.«
»Wirklich?«, fragte Konstanze ungläubig und stemmte sich gegen die gläserne Eingangstür des BEA-Gebäudes.
Der graue Klotz mit den weiten Fensterfronten wirkte ein wenig einschüchternd auf sie. Nun betrat sie die Eingangshalle, und kein Weg führte mehr zurück.
»Ja«, bekräftigte Joyce und wies auf das Schild, das am Treppenaufgang stand. »Zum Vorstellungsgespräch müssen wir hier lang. Ich bin so aufgeregt!«
»Ich auch!«
Beide dämpften ihr Kichern, als ihnen auf den Stufen ein Herr in Anzug entgegenlief. Schlagartig wurde Konstanze ernst, denn vielleicht entschied er darüber, ob ihre Karriere hier beginnen würde. Eine Etage weiter präsentierten Schaukästen Miniaturausgaben aller Flugzeugtypen, die die BEA einsetzte.
»Sieh mal«, sagte Joyce erstaunt und zeigte auf ein Modell, das aussah, als wäre es einem Zukunftsfilm entsprungen. »Sie haben die Concorde bereits ausgestellt, obwohl sie noch nicht fliegt.«
»Du meinst das Überschallflugzeug?« Konstanze erinnerte sich an die begeisterte Berichterstattung, mit der die Zeitungen und das Fernsehen kürzlich den Erstflug gefeiert hatten. »Unglaublich, wie schnell sich die Technik entwickelt. Irgendwann werden wir ins All reisen.«
Fasziniert blieb sie vor dem Schaukasten stehen und betrachtete das schlanke Flugzeug mit der spitzen, wie das Horn eines Fabelwesens gereckten Nase und den an ein Raumschiff erinnernden Tragflächen. Ihre Finger glitten über die Tafel, auf der die Geschichte des Überschalljets stand, den Großbritannien und Frankreich gemeinsam bauten.
»Ich würde so gerne damit fliegen«, seufzte Joyce. »Noch ist sie nicht in Betrieb und ein Ticket kostet wahrscheinlich ein Vermögen. Lass uns gehen.«
Auffordernd sah sie Konstanze an und wandte sich um. Die Spitze ihres Pumps knirschte leise, aber energisch auf dem Boden. Sie folgten einem weiteren Schild, und als sie ein Grüppchen junger Frauen entdeckten, die genauso angespannt wie sie vor einem Raum warteten, wussten sie, dass sie hier richtig waren. Kaum ein Wort fiel, nur eine Blondine mit Pferdeschwanz und breitem Mund plauderte mit ihrer Nachbarin. Die blickte mit ihren großen, leicht schrägen hellgrauen Augen zu Konstanze und Joyce auf. Im Licht der Neonröhren an der Decke wirkte ihr offenes blondes Haar weiß wie Platin. Als die Blondine sie bemerkte, verstummte sie und sah sie herablassend an. Um ihren Hals trug sie ein Seidentuch, wohl um der BEA zu beweisen, dass sie die geeignetste Kandidatin war. Abwehrend presste sie den Cardigan, den sie um ihre Armbeugen gewickelt hatte, an den Körper. Dann ignorierte sie Konstanze, als wäre sie Luft und redete weiter. Dass sich auch zwei Männer ihres Alters beworben hatten, überraschte sie. Der eine hatte haselnussbraunes Haar und leicht gebräunte Haut, der andere war hochgewachsen und attraktiv mit seinem jungenhaften Charme. In ihrer Vorstellung war eine Stewardess stets eine Frau – Männer flogen das Flugzeug. (…)