Themen: Roman, Historischer Roman, Zeitgeschichte, Leseprobe, 1970er Jahre, Concorde, England, UK, Luftfahrt
Ich kann meine Aufregung kaum bändigen – heute hebt meine Concorde tatsächlich ab! Wird sie euch genauso begeistern wie meine Testleser? Mir geht es wohl gerade wie Konstanze vor ihrem allerersten Flug von London nach Manama.
Darum habe ich euch heute, am Erscheinungstag, eine kleine Leseprobe aus dem 1. Teil „Vom Himmel berührt“ für euch ausgesucht.

Gleich geht es los:
London – Manama, Januar 1976
»Vergiss nicht dein Concorde-Lächeln, Konstanze.« Mit diesen charmanten Worten und einem Augenzwinkern trat Anthony ins Cockpit.
Leise seufzte sie und ertappte sich dabei, dass sie wie die Models in der Werbung grinsen musste. Sie richtete das Halstuch, das sie wie eine Krawatte trug, und stellte sich an die Tür. Geschäftig trabte Bridget mit dem Champagner an, Dennis im Schlepptau.
»Das dürfte reichen«, bedankte sich Konstanze. »Gleich steigen die Passagiere ein.«
Sie kamen und sobald ihre Blicke durch das schlanke Innere schweiften, erstrahlten sie vor Staunen. Andere zeigten nur bedingt irgendeine Regung, während sie Konstanze stocksteif ihre Bordkarten reichten. Ein Ehepaar mittleren Alters blieb neben ihr stehen und blockierte den Gang.
»Sieh mal, Wallace, ich hätte nicht gedacht, dass dieses Flugzeug so eng ist. Man sitzt völlig anders als in den großen Jets, die sonst eingesetzt werden«, stellte die Lady im Nerzmantel fest.
»Madam«, erinnerte Konstanze höflich, »darf ich bitte Ihre Bordkarte sehen? Ihr Platz ist in Reihe 8 am Fenster.«
»Danke, mein Kind«, erwiderte die Lady hochtrabend und ließ ihren Nerz leicht von den Schultern gleiten. »Wären Sie so freundlich und würden den Mantel für mich aufbewahren?«
Als Konstanze in den seidigen Pelz fasste, regte sich ein Verlangen in ihr. Ob sie ihn während des Fluges heimlich anprobieren sollte? Eines Tages, nahm sie sich vor, und hängte ihn bei den Uniformmänteln dazu, würde sie auch so etwas Edles besitzen. Wenn ich jeden Monat zehn Pfund zur Seite lege …
Kurz spähte sie ins Cockpit, wo Anderson den Platz unter den Instrumenten einnahm und dort seine Berechnungen anstellte und Anthony die Pre-Take-Off-Liste durchging.
»Alle Passagiere sind auf ihren Plätzen«, berichtete Bridget und stieg auf ihre Zehenspitzen, als wollte sie ihren Worten Nachdruck verleihen.
»Perfekt. Ich mache eine Durchsage. Bereite schon einmal den Champagner vor, Bridget.« Konstanze griff zum Bordfunk. »Ladies and Gentlemen, hier spricht Ihre Chefstewardess. Im Namen von British Airways begrüße ich Sie an Bord des Concorde-Flugs 004 von London-Heathrow nach Manama. Als eine besondere Aufmerksamkeit möchten wir Ihnen ein Glas Champagner anbieten.«
Gedämpft von einem Küchenleinen, das sie um ihre Hand gewickelt hatte, entkorkte Konstanze eine weitere Flasche. Sie tauschte ein knappes Nicken mit Bridget aus, dann füllte sie den Inhalt in eine Reihe von Kristallgläsern ein. Der Schaum sprudelte hoch, setzte sich ab, und sie goss wieder auf. Indessen liefen im Cockpit die Vorbereitungen ihrem Abschluss entgegen. Ohne einen Tropfen zu vergießen, lud Konstanze die Gläser auf ein Tablett, machte mit Bridget aus, los, und balancierte durch den Gang. Sie lächelte zu allen Seiten, während sich die Fluggäste bedienten. Willkommen im 11 Meilen-über-dem-Himmel-Club.
Gedanklich tupfte sie sich den Schweiß von der Stirn, als sie wieder vorne stand. Ein Schwall regennasser Luft kühlte sie sofort ab, die Passagiertreppe wurde zurückgefahren. Sie winkte dem Abfertiger zu, dann verriegelte sie die Tür.
»Die Sicherheitsvorführung«, erinnerte sie Bridget.
Mitten unter der Durchsage erfasste Konstanze jener Ruck, mit dem das Flugzeug auf die Piste gezogen wurde. Unverdrossen zeigte Bridget mit den einstudierten Gesten zu den Notausgängen. Langsam rollte die Concorde voran.
»Kabinencrew, auf Sitzposition«, schnarrte Anthonys Stimme durch den Bordfunk.
Gleich ging es los. Kichernd nahmen sie und Bridget die Klappsitze ein und schnallten sich an.
»Ich bin so aufgeregt«, gestand Bridget. »Spürst du, wie der Boden bebt?«
»Tatsächlich«, bemerkte Konstanze und setzte sich auf ihre Hände. Durch ihre Wirbelsäule, die mit der Lehne eine Einheit bildete, vibrierte die Kraft der Maschinen. »Er hat die Nachbrenner gezündet.«
Sie stellte sich vor, mit welcher Leichtigkeit Anthony einen Regler bewegte. Ace … Wie kam jemand zu so einem Namen, der ihn wie ein Ritterschlag ehrte?
Wie bei einer schnellen Autofahrt lenkte er die Concorde über das Rollfeld. Durch das kleine Fenster erhaschte Konstanze einen Blick auf eine Boeing der Lufthansa, die auf der Startbahn Anlauf nahm. Anthony zog eine Schleife, fuhr die Triebwerke hoch. Sie tosten. Jeden Augenblick erwartete sie, dass er lospreschte, aber er zurrte die Bremsen fest an. Hinter der Cockpittür rauschten und knarzten die Funksprüche.
Plötzlich schoss er mit einer irrsinnigen Geschwindigkeit los, die Konstanze einen kalten Stich in die Magengrube jagte. Er beschleunigte noch mehr, ihr stockte der Atem und ihre Handflächen wurden klatschnass. Ihr Puls raste. An dem Fensterausschnitt sausten der Zaun und die Markierungen vorbei, verloren ihre Konturen. Beim Startlauf ist erhöhte Vorsicht geboten, da die Bahn nass ist … Nannte Anthony das vorsichtig? Beherrschte er dieses Flugzeug noch, oder war er schlichtweg wahnsinnig? All tickety-boo, Miss, klang Andersons Versicherung wie Spott in ihr nach.
Eine mächtige, unsichtbare Hand schien sie in den Sitz zu stoßen und die Fliehkraft zerrte an ihr. So steil, dass sie glaubte, sie würde senkrecht abheben, stieg die Concorde in die Höhe.
»Überleben wir das?«, murmelte Bridget. Vor Angst war sie kreidebleich, obwohl sie mit englischem Humor darüber hinwegtäuschen wollte.
»Ich hoffe es«, antwortete Konstanze.
Ihr Blut schien sich gegen die Haut zu pressen und ihr Magen kitzelte. Ihr wurde flau. Wie ruppig mochte der Flug erst werden, wenn Anthony die Schallmauer durchstieß? Dicht wie eine Wand umgaben die Wolken das Flugzeug und die Turbulenzen forderten es heraus. Nur ein kurzer Moment, dann strebte es unbeeindruckt weiter in die Höhe. Die grauen Schleier zerrissen und es wurde hell. Konstanzes Atem ging regelmäßiger und ihr Herzschlag fand in seinen normalen Rhythmus zurück. Vor ihr breitete sich das grenzenlose Blau des Horizonts aus und London mit seinem Winterregen lag tief unter ihr.
»Wenn ich darüber nachdenke«, sagte sie und bekam das Lachen nicht mehr in den Griff, das ihrer Kehle entsprang, »könnte es mir gefallen.« Sie wandte sich Bridget zu, deren Wangen wieder so rosig und frisch wie ihr Rouge schimmerten.
»Absolut«, stimmte sie zu und knabberte an ihren geballten Fingern, um ihr Kichern zu unterdrücken.
Dann erklang der Klingelton, das Zeichen, den Gurt zu lösen. Konstanze verschnaufte und streckte ihre Beine aus. Bald war es Zeit für den Service, der Kaviar kühlte vor sich hin und die Hummer behielten ihre Temperatur.
»Ladies and Gentlemen, hier spricht First Officer Anthony Carter Fulton, Ihr Kapitän.« Leicht verzerrt durch den Bordfunk vernahm Konstanze seine Stimme. »Bald haben wir unsere Flughöhe von 60 000 Fuß erreicht und lassen soeben die Kanalküste hinter uns. Auf den Monitoren vor sich können Sie verfolgen, mit welcher Geschwindigkeit wir aktuell unterwegs sind.« Anders als die Durchsagen der Piloten, mit denen sie zuvor geflogen war, kamen ihm seine locker und launig über die Lippen. »Erst über dem Mittelmeer werden wir die Schallmauer durchbrechen. Keine Sorge, Sie werden davon nur einen leichten Stoß mitbekommen und sich fragen, war’s das?«
»Beruhigend zu wissen«, bemerkte sie. Gleichzeitig spürte sie, wie sich etwas in ihr aufbaute. Vertrauen? Ein Glaube an jemanden, in dessen Hände sie ihr Leben legte?
»Unsere Crew wird Ihnen den exzellenten Service bieten, den Sie von der Concorde-Flotte erwarten können«, kündigte Anthony an. »Sprechen Sie unsere Flugbegleiter gerne an. Im Namen der Besatzung der Concorde wünsche ich Ihnen einen angenehmen Flug.« Mit einem Knistern im Lautsprecher verstummte er.
Langsam erhob sich Konstanze aus ihrem Sitz, bog ihre Knie durch und streckte ihre Arme. Sie schlurfte einen Schritt über den Teppichboden auf das Fenster zu. Eine Woge aus Begeisterung und Ehrfurcht riss sie mit, als sie ihre Stirn an die eisige Scheibe presste. Wie ein Teppich breiteten sich Cirruswolken unter ihr aus. Durch die Löcher, die darin klafften, erkannte sie den graphitgrau wirkenden Ärmelkanal. Sonnenstrahlen brachen durch das Fenster und an die hellblaue Weite grenzte der schwarze Rand des Universums.
»Wow …«, entschlüpfte ihr ein ehrfürchtiges Flüstern.
