Die letzte ihrer Art – oder eine Reise zum Setting

Noch vor Weihnachten war ich an der Reihe, unser diesjähriges Urlaubsziel zu wählen. Beim Abendessen bei unserem Lieblings-Griechen entschied ich mich spontan: England.

Nicht nur, weil ich gerne die Settings meiner Romane besuche (2022 waren es Litauen, Lettland und Estland mit ihrer bezaubernden Natur und ihren geschichtslastigen Städten), sondern auch, weil es eine Weile zurückliegt, seitdem ich das letzte Mal in UK war. Ich kenne die Insel seit meiner Kindheit, da unser Sommerurlaub fast jedes Jahr in Cornwall oder an der Südküste stattfand. Dass das Meer im Frühsommer 14 Grad hat und im August etwas wärmer sein kann, machte mir nichts aus, der Strand und die Felsen mit Gezeitenbecken und ihren Lebewesen waren spannender. Sobald wir in Plymouth die Tamar Bridge überquert hatten und das Wappen Cornwalls in Sicht kam, freute ich mich auf den Urlaub. Heute zieht es mich noch immer in nördliche Länder, mir reichen unsere über 30-Grad-Tage.

Also flogen wir nach London Heathrow, mein neuer Reisepass war im Gepäck und über die offizielle App hatte ich meine ETA (inzwischen ist vor der Reise nach UK die Electronic Travel Authorisation nötig, sie gilt für 2 Jahre). Welcome to England und damit willkommen in einem Land, das so anders und liebenswürdig eigen ist.

Auf der Conc

Die erste Station auf dem Weg nach Exeter war das Royal Air Fleet Museum in Yeovilton. Und dort habe ich sie besucht, die Test-Concorde, die Anthony im Roman erprobt, bevor sie 1976 das erste Mal mit Passagieren abhob und 25 Jahre lang fliegen sollte. Ich habe recherchiert, dass die Concorde ziemlich eng und schmal gewesen sein muss und ihre Türen und die Kabine niedrig. Wer größer als 1,80 m war, musste den Kopf einziehen. An Bord hatte ich einen richtigen Eindruck, wie schmal der Gang tatsächlich war und wie eng an den Passagieren vorbei Konstanze mit dem Tablett in der Hand bedient. Wenn ihr euch einen Biertisch vorstellt, ungefähr diese Breite hat der Gang. Das Cockpit war ebenfalls platztechnisch sehr begrenzt. Also kann Anthony definitiv kein 1,90 m muskelbepackter Schrank sein (sorry, Mädels, die meisten Piloten sind eher mittelgroß, die Astronauten ebenfalls), sondern eher der durchschnittliche Engländer mit genügend Pragmatismus, Lady Speedbird zu fliegen – ohne zu wissen, ob er den Testflug überleben wird. Die Testpiloten trugen Spezialanzüge mit Luftzufuhr sowie Helm und Fallschirm – aber das könnt ihr in Teil 1 Vom Himmel berührt nachlesen und mit ihm die Kraft der Olympus-Nachbrenner fühlen. Im Ausstellungsflugzeug wurden die Original-Sitze aus den 1970er Jahren nachträglich eingebaut, inklusive Geschirr, Besteck und der Champagnerflasche. Das war Jet Age in seiner Glanzzeit und die Kulisse schlechthin für einen Roman wie diesen. Um Anthony nochmals zu spüren, lief ich wie in der Szene unter dem Rumpf und den Tragflächen durch, und ja, I really, really feel you, Conc. Sie ist schmal wie ein Bleistift, aber die Fahrwerke sind sehr hoch. Noch immer fasziniert mich, auf welch weitentwickeltem Stand die Technik damals war und wie sich die Menschen wohl die Zukunft vorgestellt hatten.

Am Hauptsetting, das war die Test-Concorde von 1969, die Anthony im Roman fliegt
Des Captains Arbeitsplatz
Und hier sitzt er nach dem Flug und verfasst einen Logbucheintrag
Damals hatte Fliegen noch Klasse, willkommen im Jet Age und Konstanzes Reich
Champagner und Besteck

Der Charme der Engländer

Es mag viele Vorurteile geben, aber was ich an England liebe, ist die Höflichkeit der Menschen. Man kommt leicht mit ihnen ins Gespräch und führt Smalltalk, der hierzulande vielleicht als oberflächlich empfunden wird. Heikle Themen umgeht man besser, es sei denn, man kennt sich näher, und ungefragt sollte man seine Meinung nicht kundtun. Zurückhaltung, nicht auf seinem Recht bestehen wollen, für jemanden einen Schritt zurückweichen und sich nicht vordrängeln gehören zum Konsens, mit dem der Alltag funktioniert. Please, thank you, would you please, I would like to und ein lovely sind selbstverständlich, im Zweifelsfall kann man sich auch entschuldigen. Kritik oder Beanstandungen sollten eher höflich formuliert werden, nicht, dass sich jemand weigern würde, aber man macht sich damit eher Freunde und erhält ein Lächeln zurück. Ohnehin sind mir trotz aller Alltagssorgen, die in UK die gleichen sind, fast nur freundliche Gesichter begegnet und man wird von Fremden beim Spazierengehen gegrüßt. Natürlich mag es auch Ausnahmen geben, so wie überall, aber die Freundlichkeit und der Charme der englischen Sprache haben mich sehr berührt und erneut inspiriert. Lovely hat es in meinen täglichen Wortschatz geschafft.

Obwohl die schönen alten britischen Autos wie die Vauxhalls, die Rovers oder die Coopers fast aus dem Straßenbild verschwunden sind, hat sich dieses Eigene, das Gefühl, in einer anderen Welt zu sein, gehalten. Wie skurril mag das Land Ende der 1960er Jahre auf Konstanze gewirkt haben, als sie aus München dort ankam und zuvor noch nie im Ausland war, habe ich mich manchmal gefragt. Wohl noch mehr als auf die Besucher heute. Trotzdem gibt es sie noch, die verwinkelten Treppenhäuser in älteren Häusern, in denen man sich verlaufen könnte oder, dass man sich für eine Stunde Swimmingpool am Vortag anmelden muss und ein Zeitfenster zugeteilt bekommt. Auch das English Breakfast, beziehungsweise Fry Up mag für Kontinentaleuropäer gewöhnungsbedürftig sein. Ich mag es und werde die Cumberland Würstchen vermissen. Gesund ist es nicht gerade, ich nehme an, dass es auch nicht jeden Morgen gegessen wird, aber dafür hält es lange satt. Genauso wie die Chips, also Pommes in allen Varianten, die zu fast jedem Essen serviert werden. Mit dem Vorsatz, einen Abnehm-Urlaub zu machen, sollte man nicht nach UK reisen.

Atlantik: 14 Grad und eindrucksvolle Klippen

Unser Hauptziel war Cornwall, zwar kein aktuelles Setting, aber dafür landschaftlich sehr beeindruckend und voller Kindheitserinnerungen. Mit dem Wetter kann man so früh im Sommer Glück haben, aber auch wie wir alle Arten von Regen erleben. Die westliche Spitze Englands ist von allen Seiten vom Meer umspült, also sammelt sich entsprechend viel Feuchtigkeit, die die Wolken abregnen wollen. Morgens schien die Sonne, doch gegen Mittag übernahmen die Wolken und es war ähnlich wie beim Monsun. Trotzdem scheint das bisschen Regen niemanden aus der Gelassenheit zu bringen. Uns auch nicht.

Meine Schulkameraden glaubten mir nicht, was in Cornwall alles wächst. Hier sind es Protheen.

Tatsächlich war ein sehr warmer, sonniger Tag dabei, als wir über die Klippen und eine Schafweide nach Bude gewandert sind. Sonne bedeutet auch Sonnenbrand. Trotzdem habe ich mir neben der Marmite-Challenge vorgenommen, im Atlantik zu baden und es den Engländern gleichzutun. Die Wellen brandeten herrlich, die Flut rollte herein und ich war nicht die einzige im Wasser. Der erste Schritt ließ mich die Luft anhalten, der zweite fühlte sich besser an und schließlich erwischte mich eine Welle und ich hatte keine andere Wahl mehr als zu schwimmen. 14 Grad Wassertemperatur sind doch nicht so wild wie sie erscheinen und ich habe mein Bad ohne Erkältung überstanden. Danach ließ ich mich am Strand von der Sonne aufwärmen.

Am Strand von Bude

Auf Nelsons Spuren und ein Goodbye

Nun ist es immer so, dass nach der ersten Woche Urlaub die Tage schneller dahinziehen und die Heimreise näherrückt. Manchmal freue ich mich wieder auf zu Hause, aber dieses Mal wäre ich so gerne noch geblieben, nicht nur wegen dem Wetter, das besser und wärmer wurde.

Was für mich die Concorde ist, ist für meinen Mann die HMS Victory. Jener Dreimaster, mit dem Admiral Horatio Nelson am 23. Oktober 1805 die Schlacht von Trafalgar entschieden hatte und im Gefecht ums Leben gekommen war, war sein Traum als Revell-Bausatz. Die Fregatte kann im Hafen von Portsmouth besucht werden, allerdings liegt sie gerade im Trockendock und wird restauriert, weil der Rumpf von Holzwürmern befallen ist. Trotzdem war der Rundgang, inklusive der Chronologie des Geschehens von 1805 sehr lohnend und spannend. Wenn ich mal groß bin, schreibe ich einen Regency-Roman vor dem Hintergrund der Seeschlacht von Trafalgar.

Übrigens begann der D-Day am 06. Juni 1944 in Portsmouth, von wo aus die Schiffe mit den alliierten Soldaten ausliefen, um in der Normandie zu landen.

Auf Nelsons Spuren

Und ganz am Schluss begegnete ich der Concorde wieder. Unser Airbus stand im Line up hinter fünf weiteren Jets auf der Startbahn in London Heathrow. Da erkannte ich zuerst im Augenwinkel ein sehr schlankes weißes Flugzeug mit diesen Tragflächen, sah näher hin und sie war es.

„Ist das ein Privatflugzeug? Vielleicht ein Raumgleiter?“, wunderten sich zwei Jungen, ca. 9 und 11 Jahre, die hinter mir saßen.

Sie ist die letzte ihrer Art, die 2003 nochmals abhob. Später, wenn ihr größer seid und erfahrt, dass die Concorde kein gewöhnliches Flugzeug war, kann es sein, dass sie euch begeistern wird.

Die letzte ihrer Art steht noch in London Heathrow

Veröffentlicht von autorinirahabermeyer

Ich bin Autorin aus Leidenschaft für Geschichte und insbesondere das 20. Jahrhundert. Auf dieser Seite lasse ich jede*n gerne mitlesen, wie aus einer ersten Idee, einer Inspiration oder einer Faszination ein Roman oder eine ganze Reihe entsteht.

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