Themen: Roman, Historischer Roman, Zeitgeschichte, Leseprobe, 1970er Jahre, Concorde, England, UK, Luftfahrt
Ein paar Wochen war ich hier und auf Instagram abwesend, so wie die Sonne. Dabei bin ich nur geradewegs meinem Kurs gefolgt und habe jede freie Stunde an Concorde – Wo der Himmel endet geschrieben. Ich sehe fast den Rand dieses Himmels, an dem ein neues Jahrzehnt (die 1980er) und eine neue Zeit andämmert. Die Landebahn ist ebenfalls in Sicht und mir wird ehrlich gesagt etwas weh ums Herz, weil Konstanzes und Anthonys Geschichte sich ihrem Ausgang neigt. Noch bleibe ich ein wenig mit ihnen, bevor ihr erfahrt, ob sich wieder alles für die beiden fügen wird.
Eine der vielleicht epischsten Szenen des 2. Bandes möchte ich hier mit euch teilen. Wusstet ihr, dass die Piloten der Concorde auf ihrer Route nach Westen einige Male den Sonnenaufgang – rückwärts – sehen konnten? Tatsächlich konnte man auf ihrer Flughöhe von 18.300 Metern gut ein Viertel der Erdoberfläche sehen (zum Vergleich: ein herkömmliches Passagierflugzeug ist bis zu 13.000 Metern unterwegs).

»Konstanze?«, hielt Anthony sie zurück, als sie sich zur Cockpittür umwandte. »Nimm doch auf dem vierten Sitz Platz. Ich möchte dir etwas zeigen. Oder bist du sehr beschäftigt?«
Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Eine Stunde waren sie bereits in der Luft. »Wir beginnen bald mit dem Service«, bedachte sie, aber sie ließ sich hinter Evan nieder. »Was möchtest du mir zeigen?«
»Schau mal geradeaus, hm, ein wenig nach elf Uhr«, beschrieb Anthony geheimnisvoll. »Erkennst du das goldene Aufflackern, als würde jemand in der Ferne eine Taschenlampe anknipsen? Das ist der erste Sonnenaufgang, dem wir entgegenfliegen. Die Tag- und Nachtgleiche liegt fast drei Wochen zurück und jetzt ist dieses Spektakel besonders eindrucksvoll.«
Konstanze beugte sich vor und sah durchs Visier. Jenes dunstige Blau, das zwischen Nacht und Tag vermittelte, färbte den Himmel. Ein silberner Schimmer legte sich wie Glanzfolie über den Horizont. Dort, wo Anthony hingedeutet hatte, flackerte es erneut. Dem Zittern in der Ferne folgte ein Aufglimmen, als würde eine Kerzenflamme langsam wachsen.
»Da«, flüsterte sie.
Fast im selben Moment breitete sich ein flacher, rötlicher Bogen am Rand der Erdkrümmung aus. Warum hatte sie auf früheren Flügen nie darauf geachtet? War sie blind gewesen für die Geschenke, die der Himmel in jenen kurzen Übergangsminuten machte?
»Das ist kein Sonnenaufgang, wie du ihn kennst, sondern eine Umkehrung. Erst kommt das Licht, dann folgt seine Quelle«, erklärte Anthony. »Wir sind jetzt anderthalb mal schneller als die Erdumdrehung. Wir holen den Tag ein, bevor er beginnt.« Damit gab er Evan mehr als eine Andeutung.
»60.000 Fuß Flughöhe fast erreicht«, meldete er und berührte die Schalter des ersten Nachbrennerpaares. »Ace? Ich leite Mach 2 ein.«
»Aye. 60.000 Fuß bestätigt. Bereite Mach 2 vor«, entgegnete Anthony.
Noch während Evan die Passagiere über Interkom auf ihr Erlebnis vorbereitete, synchronisierte er die Triebwerke. Konstanze spürte, wie der Schub zunahm.
»Mach 1,8«, dokumentierte Simon. »Mach 1,9 …«
Draußen wurde der Horizont mit jeder Sekunde heller. Ein Streifen aus flammendem Orange zog sich quer über das Sichtfeld und verlosch wieder zu einem glimmenden Punkt. So sieht also der Sonnenaufgang in Rückblende aus, dachte Konstanze und hielt sich unweigerlich an der Lehne von Anthonys Sitz fest.
»Mach 2 erreicht«, sagte er halblaut, um Evan seinen Moment mit den Passagieren zu gönnen.
Concorde – Wo der Himmel endet