Majesty

Themen: Roman, Historischer Roman, Zeitgeschichte, Leseprobe, 1970er Jahre, Concorde, England, UK, Luftfahrt

Ich habe es – seit Tony Blairs Zeiten jetzt wieder – eher mit Downing Street 10 als mit dem Buckingham Palace. Natürlich gibt es Menschen, die Royal Stories mehr begeistern und an die habe ich besonders gedacht, als ich ein wahres Ereignis in Wo der Himmel endet in die Anfangsszene gepackt habe.

Anlässlich ihres 25. Thronjubiläums 1977 bereiste Elizabeth im Oktober/November Kanada und die Karibik. Ich musste nicht vor einer leeren Seite sitzen und zusehen, wie der Cursor blinkt, als ich Teil 2 begann. Gleich in der ersten Szene steht Konstanze mit ihrer Crew bereit, um Elizabeth und Prinz Philip auf der Concorde zu begrüßen. Stellt euch das Bild vor, die Kulisse Barbados, Ihre Majestät und dieses Flugzeug. Zwei Königinnen treffen aufeinander und vielleicht noch eine dritte, die gerade tapfer die Zähne zusammenbeißt und ihre Würde wahrt.

Nun habe ich euch verraten, warum der erste Abschnitt der diesen Herbst erscheinenden Fortsetzung Königinnen heißt.

Natürlich ist nicht überliefert, dass eine Stewardess namens Konstanze Weber auf diesem Flug eingeteilt war, aber in einem Roman ist das was-wäre-wenn erlaubt. Historische Fakten bilden das Grundgerüst, die Fantasie ist das Gewand, das sich darum legt und es darf ein wenig leicht und verspielt sein, oder prächtig und üppig. Concorde ist auch alles andere als ein konventioneller (historischer) Roman und nichts anderes wollte ich schreiben. Nachprüfbar ist, dass Elizabeth II um 11 Uhr ihren Martini einnahm, ihr Tunfischsandwich ohne Rand wünschte und auf Reisen nicht auf ihre Pfefferminzbonbons verzichten wollte.

Da mich Geschichte und vergangene Epochen schon immer fasziniert haben, baue ich gerne ihre Persönlichkeiten wie Statisten mit ein. In Wo der Himmel endet hat Her Majesty gleich zwei Auftritte.

Aus Konstanzes Fotoalbum

Einen davon gibt es als Vorab-Leseprobe, mit der die Reise neu beginnt:

Barbados, November 1977


Bereit, als Nächstes zu den Sternen abzuheben stand sie auf dem Rollfeld. Ihr weißer Lack schillerte in der Sonne und auf ihrem Heckruder prangte auf rotem Hintergrund der Union Jack.
Der ferne Duft von Kokos und Frangipaniblumen umwehte Konstanze, als sie im Gefolge der Piloten und ihrer Crewkollegen auf die Concorde zuschritt. Heute würde die Königin der Lüfte Englands Königin nach London zurückbringen, die zu ihrem silbernen Thronjubiläum Kanada und die Karibik besucht hatte.
Eingeschlossen in die Hülle ihres Kummers lief Konstanze am Rand des roten Teppichs entlang zur Passagiertreppe. Von den Menschen, die sich auf dem Dach des Flughafengebäudes scharten und einen Blick auf Elizabeth II erhaschen wollten, nahm sie nur flüchtig Notiz. Voller Ingrimm sah Konstanze zu, wie Marjorie hinter dem Captain die Stufen zur Concorde erklomm. Dass aber Konstanze ausgerechnet mit dieser Frau, an der Anthony anscheinend immer noch Gefallen fand, auf diesen Flug eingeteilt war, grenzte an Ironie.
Einige Tage zuvor hatte das Schellen des Telefons Konstanze aus ihrer Lethargie gerissen. Tony – ein Hoffnungsschimmer war an ihrem düsteren Horizont aufgeflackert und sie hatte den Teller zurück ins Spülbecken gleiten lassen. Schneller als ihr Herzschlag war sie in die Diele ihrer Wohnung gestürmt und hatte sich erwartungsvoll gemeldet.
»Constance, Sie sind meine letzte Hoffnung«, platzte Edward Faraday heraus, kaum, dass Konstanze den Hörer abgenommen hatte. »Können Sie morgen für ein paar Tage nach Barbados fliegen?«
Perplex sagte sie zu.

Barbados schien ihr wie eine Fluchtmöglichkeit aus ihrem vorgesehenen Einsatzplan für diesen Monat. Obwohl sie sich danach sehnte, Anthony wieder so nahe zu sein wie vor dem Streit, wollte sie gleichzeitig vermeiden, mit ihm zu fliegen. Zu tief saß noch die Demütigung ihrer letzten Reise nach New York. Wie sehr sie sich gewünscht hatte, er würde sie auf einen Spaziergang durch den Central Park einladen und sich mit ihr aussprechen. Doch er hatte nicht an ihrer Zimmertür geklopft. Abends hatte sie sich an der Bar neben ihn gesetzt. Er war zwar geblieben, doch seine Distanziertheit hatte sie innerlich erfrieren lassen. Zugleich hatte sie vor Wut gekocht. Wieder hatte sie in ihrem Zimmer gewartet und betrübt festgestellt, dass sie Gewohnheiten als zu selbstverständlich betrachtet hatte. Ihre Traurigkeit hatte sich in ihrer Kehle festgesetzt wie ein zäher Klumpen, als sie sich herausgewagt hatte. Sie war den halben Flur entlang zu Anthonys Tür geschlichen. Mit jedem Schritt hatte sich ihr Herz zusammengeballt und ihr Atem war flach und keuchend gegangen. Sie hatte ihre Hand angehoben, um leise gegen das Holz zu trommeln, aber ihr Mut war in sich zusammengesunken wie eine leere Ballonhülle. Niedergeschlagen war sie in ihr Hotelzimmer zurückgekehrt und hatte sich in den Schlaf geweint.
Nie wieder, hatte sich Konstanze geschworen, würde sie sich derart abweisen lassen. Darum tauschte sie unter der Concorde-Crew die Flüge weg, von denen, auf welchen Captain Anthony Carter Fulton der erste Offizier war. Trotzdem würde sie ihn nicht einfach aufgeben.


»Warum ich Sie bitte, Constance, hat einen wichtigen Grund«, fuhr Faraday am anderen Ende der Leitung fort. »Unsere Königin fliegt von ihrer Karibikreise mit der Conc zurück nach England. Leider ist ausgerechnet für diesen … Einsatz eine der Stewardessen ausgefallen, weil sie erkrankt ist.«
Damit, dass sie Elizabeth II bedienen würde, hatte Konstanze am allerwenigsten gerechnet. Faradays Bitte überraschte sie, als würde ihr jemand einen Schwall kaltes Wasser ins Gesicht schütten.
»Constance, sind Sie noch dran?«
»Ja, Edward«, antwortete sie. »Ich bin nur …«
»Betrachten Sie es als eine besondere Ehre für eine nicht-britische Staatsbürgerin«, entgegnete Faraday, dabei hörte sie das Lachen aus seiner Stimme. »Als sie bei uns angefangen haben, hätten Sie es sich wohl nie erträumen lassen, jemals die Queen an Bord willkommen zu heißen.«
Wenn Konstanze ehrlich war, hatte sie auch nie darauf spekuliert. Plötzlich entkam ihr ein Kichern, als sie an ihre Mutter in München dachte. Die würde glatt ausrasten, erzählte sie ihr davon.
»Ich höre, Sie freuen sich. Wunderbar, Constance«, bemerkte Faraday amüsiert. »Packen Sie schon mal Ihren Bikini für den Stopover ein, anders als hier scheint auf Barbados die Sonne.«


Mit der Freude war es bald vorbei gewesen. Marjorie war ebenso ausgewählt worden wie sie. Das Paradies mit im Wind wogenden Palmen, sanften Passatwinden, blauem Himmel und einem warmen Meer hatte sich als der leerste Ort auf Erden erwiesen. Ohne Luft, ohne Schall und ohne Anthony. Konstanze war auf Distanz zu Marjorie geblieben, hatte einsilbig auf deren Fragen geantwortet und sich alleine an den Strand zurückgezogen. Dabei keimten längst Zweifel an den Gerüchten in ihr auf.
Am Fuß der Treppe hielt Konstanze inne. Die Brise, die über das Vorfeld strich, Fetzen von Marschmusik zu ihr wehte und die Flaggen auf dem Terminalgebäude bauschte, linderte die Schwüle kaum. Unangenehm klebten die hellblaue Bluse und die Uniformjacke an Konstanzes Körper und die schwarze Strumpfhose staute die Hitze. Am liebsten hätte sie ihre Beine von dem hermetischen Nylongemisch befreit aber das ließ die strenge Kleiderordnung nicht zu. Als Chefstewardess, die vor jedem Flug Make-up und Fingernägel ihrer Crew kontrollierte und prüfend die Uniformen auf etwaige Flecken oder Schweißgeruch untersuchte, sollte sie die Regeln kennen.
Bevor Konstanze die Kabine der Concorde betrat, presste sie ihren Hut fest auf den Kopf und duckte sich. Der Eingang war so niedrig, dass man aufpassen musste, sich nicht anzustoßen. Erfrischend fächelte ihr die klimatisierte Luft entgegen, vermischt mit dem Eigengeruch des Flugzeugs. Ihr Blick fiel auf den Arbeitstisch, für den die ersten Sitzreihen ausgebaut worden waren. Während sie reiste, wollte die Königin ihre Korrespondenz lesen und bearbeiten. Behutsam, damit sie ihre Frisur nicht ruinierte, nahm Konstanze den Hut herunter und zwängte sich in den Halbkreis, den die anderen Crewkollegen um Marjorie bildeten. Sie ging die Checkliste durch.
Kein Wunder, dass Tony noch immer etwas an ihr findet, dachte Konstanze bedrückt, als sie sie musterte. Haare, die wie die Spätsommersonne leuchten und Augen so grün wie das Moos, das den Waldboden bedeckt. Und dazu diese filigrane Figur … In sich hineinseufzend presste Konstanze die Lippen zusammen.
»Konstanze, du bist für den hinteren Teil der Kabine zuständig, hilfst mir aber beim Service an Ihrer Majestät«, überfiel sie Marjorie gleich, wedelte mit der Checkliste hin und her und bedachte mit einem kühlen Blick. »Gehen wir nochmals das Protokoll durch. Königin Elizabeth und Prinz Philip werden in …« Marjorie schob die Manschette ihrer Bluse zurück und linste auf ihre Armbanduhr, »… einer halben Stunde an Bord erwartet. Wir begrüßen sie gebührend. Anschließend führe ich mit Gladys die Sicherheitsanweisungen durch. Ihre Majestät würde es zu schätzen wissen, wenn wir ihr eine Schale Minzbonbons sowie einen Martini vor dem Essen reichen. Ansonsten wünscht sie während des Fluges nicht gestört zu werden.« Nachdrücklich blickte sie in die Runde, dann klatschte sie in die Hände. »Let’s go, jeder weiß, was er zu tun hat.«
Während sie vorwärts durch den Gang schwänzelte, verstaute Konstanze ihren Hut in der Garderobe. Sie tauschte die Pumps mit den höheren Absätzen gegen das flachere Paar für die Kabine. Sorgfältig kontrollierte sie mit Dennis die Bestände an Softdrinks, Champagner, Weinen sowie Hochprozentigem.
»Im Gefrierfach ist Eis zur Genüge vorhanden«, murmelte sie vieldeutig und schielte um die Ecke.
Gedämpft durch den Teppichboden vernahm sie zielstrebige Schritte. Der Captain lief den schmalen Gang entlang und deutete ein Nicken an. Er kontrollierte persönlich, ob die Gurte ordentlich auf den Sitzflächen gekreuzt waren und alles blitzsauber aussah.
Als er die Reihen inspiziert hatte, lief Konstanze hinter ihm her und spähte wie ein Luchs auf den Boden. Wo Marjorie zuvor gestanden hatte, schimmerte eine metallene Haarnadel. Sie war ihr wohl aus ihrer Hochsteckfrisur gerutscht. Konstanze sank in die Hocke und las die Klammer auf.
»Crew auf Position, die Königin ist angekommen«, rief Marjorie.
Hastig schob Konstanze die Haarklammer in ihre Rocktasche und eilte nach vorne. Ein leichter Anflug von Aufregung erfasste sie, aber sie fühlte sich merkwürdig abgestumpft. Anders als Gladys, Dennis oder gar Marjorie, die ihre Nervosität verbargen, während ein seltsamer Ausdruck ihre Gesichter verklärte. Konstanze richtete ihr Halstuch und zupfte am Kragen ihrer Bluse, der das Revers ihrer Jacke überlagerte. Sie faltete die Hände vor dem Schoß und straffte ihre Schultern. Durch die Tür erhaschte sie einen Blick auf das Vorfeld.
Neben dem Teppich parkte ein weißer Rolls Royce. Ihnen die Rücken zugekehrt verabschiedeten sich die Königin und Prinz Philip vom Botschafter und dessen Frau. Elizabeth trug ein kurzärmeliges kariertes Kleid, dazu einen duftigen Hut.
Konstanze neigte den Kopf, als die Royals die Treppe emporschritten. Sie wollte nicht wie eine Schaulustige wirken. Doch die Queen verblieb auf der Plattform und zeigte sich nochmals ihren Untertanen. Lächelnd trat sie ein, Philip an ihrer Seite. Wie sie es in ihrer Ausbildung gelernt hatte, machte Konstanze einen tadellosen Hofknicks. Elizabeth nahm sich die Zeit, jeden zu begrüßen.
»Eure Majestät, im Namen meiner Crew heiße ich Euch auf der Concorde willkommen«, begrüßte der Captain die Königin. »Darf ich Euch das Cockpit zeigen, Ma‘am?«

Nun habt ihr sicher auch herausgelesen, dass ein mutmaßlicher Fehltritt Anthonys die Jubelstimmung trübt. Haben er und Marjorie miteinander?

In Concorde Wo der Himmel endet geht es um die große Second Chance. Konstanzes und Anthonys Reise ist lang und verläuft nicht immer entlang sicherer Routen. Ist es möglich, dass zwei Menschen, die einander lieben und ergänzen, getrennt werden können? Gibt es tatsächlich Freundschaften und Beziehungen, in denen Zeit und Umstände einer Trennung nicht zählen und die erneut anknüpfen, als hätte man sich gestern erst verabschiedet? Camilla und Charles, um bei den Royals zu bleiben, fallen mir als reales Beispiel ein. Oder eine Freundin, die nach einigen Jahren einen Neustart mit ihrem Partner gewagt hat. Kennt ihr vielleicht nebenan auch ein Paar, das sich wieder gefunden hat?

Übrigens ist Vom Himmel berührt noch bis zum 16.09.2025 auf Amazon, Thalia und allen anderen Online-Stores im Angebot. Falls ihr den Auftakt der zweiteiligen Novelle um Konstanze, Anthony und die Königin der Wolken noch nicht kennt, lasst euch in ihren Bann ziehen.

Veröffentlicht von autorinirahabermeyer

Ich bin Autorin aus Leidenschaft für Geschichte und insbesondere das 20. Jahrhundert. Auf dieser Seite lasse ich jede*n gerne mitlesen, wie aus einer ersten Idee, einer Inspiration oder einer Faszination ein Roman oder eine ganze Reihe entsteht.

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