Die Charaktere aus „Eis und Bernstein“ – Rimas

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Hatte ich meinen Quentin-Tarrantino-Moment, als ich mich vor einigen Jahren an „Eis und Bernstein“ setzte? Ursprünglich war Rimas nicht als Hauptcharakter vorgesehen. Er agierte am Rande, stresste als KGB-General die anderen Protas und sollte die Strippen eines Staatsstreiches ziehen. In „Sternenstürmer“ läuft es selbst einem hartgesottenen Offizier wie Dovidas kalt den Rücken herunter, sobald sein Name fällt.

Bevor seine Freundin ihm auf die Schliche kommt, vergiftet Rimas sie mit Polonium 120. Dissidenten werden gnadenlos gejagt und zu „Fürst Igor“ verhört und gefoltert. Plötzliches Herzversagen kann eine plausible Todesursache sein, oder war es Selbstmord? Ein Wissenschaftler übermittelt geheime Informationen an die CIA? Das macht er nicht lange. Verrat in den eigenen Reihen? A million ways to die in the north.

Während des Schreibprozesses an „Eis und Bernstein“ entwickelte Rimas mehr Facetten als die Düsternis, die ihn umwölkt. Allein einen sadistischen, skrupellosen Charakter zu zeichnen, geht bei mir so gut wie nie. Je mehr ich mich mit ihm befasste, umso mehr stieg ich in seine Lebensumstände und seine Gefühlswelt ein. Er liebt Männer und Frauen, einer Familienlegende nach soll er von Napoleon abstammen, er schillert und könnte bei der ersten Begegnung der netteste und zuvorkommendste Mensch sein. Eines aber duldet Rimas nicht: Verrat.

Rimantas Kazimieras Rutkus ist ein Kriegskind, seine Mutter kam in die Psychiatrie. Er wurde ins Waisenhaus gesteckt. Wer sich die Zeiten und die Umstände vorstellen kann, weiß, dass in sowjetischen (russischen) Waisenhäuser junge Kriminelle herangezüchtet wurden. Schläge, Erniedrigungen und Missbrauch standen auch in Rimas‘ Leben an der Tagesordnung. Im Winter 1953 begegnet Rimas beim kollektiven Schneeräumen auf Kaunas‘ Straßen dem jungen Valdas. Diese Freundschaft verändert Rimas‘ Leben, denn Valdas bringt den perspektivlosen Fünfzehnjährigen mit nach Hause. Pranas Tarvydas, Valdas‘ Ziehvater und Rasas Vater, erkennt das Potential des Jugendlichen, nimmt sich seiner an und empfiehlt ihn dem Geheimdienst KGB. Rimas erweist sich als gelehrig, intelligent, aber auch als akribisch. Vorschriften sind für ihn in Stein gemeißelt und er handelt auch über sie hinaus. Irgendwann einmal wird auch Rimas‘ Vorgehen seinem obersten Vorgesetzten Jurij Andropow zu viel und er bestellt ihn in Moskau ein.

Ausgerechnet Rimas wirbt Rasa für das KGB an und wird ihr Mentor. Weil er sie mag, ermöglicht er ihr eine steile Karriere und gibt ihr die Gelegenheit, sich zu profilieren. Während Glasnost und Perestrojka das Sowjetimperium umwälzen, wird seine einstige Schülerin immer rebellischer, und Rimas‘ Geduld wird ebenso auf die Probe gestellt wie das gegenseitige Vertrauen. Auch sein Charakter wird sich zunehmend verändern – wird er mehr das Licht oder den Schatten suchen?

Übrigens hat Rimas mit „Steppenfalken“ bereits seinen eigenen Roman. „Bruderküsse“, an dem ich derzeit arbeite, wird ein selbständiges Prequel sein, das in den 1970er Jahren spielt und Anfang 2023 erscheinen soll.

Veröffentlicht von autorinirahabermeyer

Ich bin Autorin aus Leidenschaft für Geschichte und insbesondere das 20. Jahrhundert. Auf dieser Seite lasse ich jede*n gerne mitlesen, wie aus einer ersten Idee, einer Inspiration oder einer Faszination ein Roman oder eine ganze Reihe entsteht.

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