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Meistens gelingt mir der erste Satz, der einen neuen Roman einleitet. Bei „Bruderküsse“ wusste ich sofort, wann die Handlung einsetzt, und dass Rimas‘ Mission in Bonn eine Vorgeschichte braucht. Mein Ansinnen ist, die jüngste deutsche Geschichte mit den verborgenen Ereignissen in Litauen zu verbinden.
Wie kam es also dazu, dass ausgerechnet Rimas für den Einsatz ausgewählt wird, und wer ist er?
Hinter dem Eisernen Vorhang
Kaunas, Mai 1972: Aus Protest gegen die sowjetische Besatzung seines Landes verbrennt sich der 19-jährige Arbeiter Romas Kalanta in aller Öffentlichkeit. Obwohl KGB und Partei mit aller Macht versuchen, diese Tat zu verschweigen und eine Nachrichtensperre zu verhängen, reisen Tausende junger Menschen nach Kaunas und nehmen an Kalantas Beerdigung teil. Doch die Beisetzung gerät zu einem Protest. Die verbotenen Nationalflaggen Litauens werden gezeigt, Parolen wie „raus aus der Sowjetunion“ gerufen, und schließlich besetzten die Demonstrant*innen die Parteizentrale. Die beschauliche Stadt am Nemunas (Memel) wird zum Schauplatz einer Rebellion. Das örtliche KGB und die Miliz sind überfordert, ein Hilferuf wird nach Moskau gesandt und bald darauf landen Fallschirmjäger und schlagen den Aufstand nieder.
So wie vieles, was in der ehemaligen UdSSR geschah, drang nichts nach Außen.
Und jetzt kommt Rimas ins Spiel, ein bürokratischer wie karrierebeflissener Major des KGB. Unsere Geschichte beginnt bei ihm.
Achtung, lesen Sie nicht weiter, wenn Sie nicht gerne unveröffentlichte Szenen lesen.
1. Bad Moon Rising
Kaunas, Litauische SSR, Mai 1972
Plätschernd rann das Wasser aus dem Hahn, während General Tarvydas sein Rasiermesser säuberte. In der Nische seines Dienstzimmers in der Milizpräfektur von Kaunas betrachtete er sein halb von dünnem, weißem Seifenschaum bedecktes Kinn. Hinter ihm stehend, verlegen die Hände in den Hosentaschen vergraben, beobachtete Rimas, wie er erneut die silbern aufblitzende Klinge über sein Kinn und seine Wange führte. Präzise an seinem blonden Schnauzbart vorbei, den Pranas Tarvydas stets pflegte und ihm sein strenges, aber eines Generals würdiges Aussehen verlieh.
»Zwei Tage und eine Nacht haben wir uns hier drin verschanzt«, sagte er, nebenbei kratzte das Messer die Bartstoppeln ab. »Hörst du diese Stille?« Er hielt in der Bewegung inne, wandte sich um.
Rimas blickte an sich herab. Noch immer trug er die gleiche zivile helle Hose, deren Bügelfalte an den Knien durchgesessen war, und das verschwitzte Hemd. Auch er hatte sich an dem kleinen Waschbecken nur mit einer Katzenwäsche erfrischt. Als Major des KGB, des Komitees für Staatssicherheit, würde er sich geduscht und in Uniform wohler und sicherer fühlen.
»Ja«, stimmte er zu. »Herrlich, nicht wahr?«
Von Pranas‘ nacktem Oberkörper stieg ihm das Gemisch aus abgestandenem Schweiß und der hartnäckigen Note von Trojnoj entgegen, entführte ihn kurz in die süßen gemeinsamen Tage der Vergangenheit.
»Nach dem Krakeelen um ein freies Litauen und dem Klirren von Glas, wohl wahr«, pflichtete Pranas bei. »Sei kurz still – man kann den Gesang einer Amsel hören.«
Jetzt, als Pranas ihn darauf aufmerksam machte, vernahm Rimas klar das Jubilieren des schwarzen Vogels in einer Linde unten auf der Leninallee. Als das Amselmännchen in seiner Melodie innehielt, erwiderten ihm in der Ferne mindestens zwei Artgenossen ähnliche Tonfolgen. Ähnlich wie in der Oper, wenn der Tenor die Arie sang und ein Chor sie wiederholte.
Seltsam entrückt lächelnd sah Pranas ihn an, schabte weiter über seine Wange. Hatten die beiden Tage am Rand des Bürgerkriegs so sehr an seinen Nerven gezerrt, dass er nun übergeschnappt war? Wurde er alt? Trotz der Übermüdung waren Rimas‘ Sinne mehr als geschärft. Diesen Aufstand, den die Rädelsführer angezettelt und die Partei, die Miliz und das Kommissariat gedemütigt hatten, würden sie bereuen. Die Institutionen, die Stützpfeiler der Sowjetunion, anzugreifen, schrie nach Vergeltung.
Rimas verschränkte seine Hände auf dem Rücken, ballte entschlossen seine Hände zu Fäusten. Auf Offiziere wie ihn konnte Moskau zählen, wenn sie in der Sagraniza, dem äußeren Rand, durchgriffen. Zerquetschen würde diesen Separatistenabschaum, der mit seinen gelb-grün-roten Fetzen von Nationalflaggen schreiend und randalierend durch Kaunas gezogen war. Auch die Verräter in den eigenen Reihen würden büßen.
Pranas beugte sich über das Waschbecken, formte mit hohlen Händen eine Schale und ließ Wasser hineinlaufen, wusch damit sein Gesicht. Wie Perlen verfingen sich einzelne Tropfen an der Spitze seiner vornehm wirkenden, aber doch markanten Nase und in seinen Wimpern. Während er sich mit einem Handtuch trockentupfte, wandte er sich ganz Rimas zu, schnappte sich sein Hemd, das er auf die blaue Milizuniform über die Stuhllehne gelegt hatte, zog es an. Er streifte die Hosenträger über die Schultern, band gekonnt seine Krawatte. Prüfend legte er die Hand an den Knoten, schlüpfte in die mit Interimsordenspangen behängte Uniformjacke.
»Tadellos«, bemerkte Rimas.
»Du meinst den Umständen entsprechend«, entgegnete Pranas, legte die Koppel mit der Pistolentasche an. Darin steckte seine Makarow, deren leicht zerschrammter Griff herausguckte. »Bei den Randalen wurde ein Milizionär getötet. Ich kannte ihn. Ein guter Mann. Mir steht die traurige Aufgabe bevor, der Witwe zu kondolieren.« Mit einem Arm schlüpfte er in die Uniformjacke, richtete sie. Seine Gesichtszüge gefroren, als er Rimas ansah. Der ahnte, dass es nichts Gutes verhieß, wenn Pranas‘ graue Augen zugeeisten Seen glichen. »Ich kann mich erinnern, dass das Kommissariat, die Partei und wir eine Nachrichtensperre verhängt hatten, nachdem sich dieser Irre angezündet hatte.«
Diese Feststellung klang wie eine Frage, auf die Rimas unverzüglich antworten sollte. »Wir hatten unsere Präsenz verstärkt und Subjekte aus nationalistischen Kreisen ununterbrochen observiert.«
»Trotzdem«, hob Pranas an, »muss es Idiotie, Versagen oder Mutwilligkeit gewesen sein, dass die Tat durchgesickert ist und Kalanta zum Märtyrer erhoben wurde.«
»Das sagst du mir als Tschekisten.« Ratlos zuckte Rimas mit den Schultern und fühlte sich wie ein dummer Schuljunge, den der Lehrer kalt erwischt hatte.
Gleichzeitig tickte etwas in seinem Hinterkopf, als ihm Oberleutnant Antanas Damanskas einfiel. Als Führungsoffizier hatte Rimas ihn damit beauftragt, nationalistische Zirkel zu sprengen, damit sie die Selbstverbrennung des jungen Arbeiters Romas Kalanta nicht als Heldenmythos weiterverbreiten konnten. Irgendetwas war Rimas an Damanskas seltsam vorgekommen. Er hatte behauptet, die Berichte wären noch nicht fertig. Gleichzeitig legte er eine beinahe schon mechanische Dienstbeflissenheit an den Tag. Rimas würde herausfinden, dass ihn seine Instinkte nicht täuschten.
»Ich muss dir nichts mehr erklären.« Einen leisen widerwilligen Ton von sich gebend ließ sich Pranas in den Sessel sinken, streifte über die goldenen Schulterstücke als vergewisserte er sich, ob noch alle Sterne dran waren. »Rimas, schalt mal das Radio an. Es ist gleich neun«, bat er, nippte an der Kaffeetasse. Er zog die Nase kraus. Ob das an der Schnulze von einem Mädchen mit Liebeskummer lag, dem dramatischen Klang der Kanklė, oder am inzwischen kalt gewordenen Rest in der Tasse, würde Rimas gerne erraten.
Als Pranas den Filter seiner Klaipėda-Zigarette zwischen die Lippen klemmte und sie mit dem Streichholz anzündete, kribbelte Rimas der Schwefelgeruch und der Qualm in die Nase. Wabernd stieg der blaugraue Rauch hoch, hüllte wie ein Schleier die akkurat drapierte rote Fahne Sowjetlitauens über dem Sessel des Generals ein, auch der Doppelkranz aus Eichenlaub und Weizenähren mit der aufgehenden Sonne und dem Stern. Der Tabakqualm zog weiter zum Porträt von Generalsekretär Breschnew.
Rimas schritt zur Balkontür, öffnete entschlossen beide Flügel und sog tief die nach Tau und Flieder duftende Morgenluft ein. Ungläubig, dass der beißende Gestank von verbranntem Plastik und Tränengas fortgezogen war, trat er ans Geländer. Tatsächlich, diese Ruhe. Nicht einmal die nach Benzin riechenden Schigulijs knatterten über die Allee, es fuhr auch kein Bus. Lediglich Milizionäre und in Tarnfleck gekleidete Fallschirmjäger mit vorgehaltenen Gewehren patrouillierten und blickten grimmig drein. Darüber legte sich wie eine Filmmelodie der Gesang der Amseln. Das Gute am Ausnahmezustand war, dass die Welt wirkte, als wären alle Menschen verschwunden und die Uniformierten kontrollierten das Chaos nach der Apokalypse. Im sanften Wind, der vom Fluss zu Rimas heraufwehte, wogte das rote Tuch der Flagge, die vom Balkon herabhing. Oben im blauen, von Federwölkchen durchzogenen Himmel schwadronierte ein Hubschrauber. Rimas kam dieser Tag vor wie der erste einer neuen Schöpfung.
Und schon wurde er wieder gestört. Schellend läutete das Telefon. Rimas wandte sich abrupt um, sah, wie Pranas den Hörer abnahm und sich meldete.
»Da, konjetschna, Towarischtsch Gjenjeral«, wechselte er ins Russische und klang nicht mehr ganz so selbstbewusst. Er klemmte die Zigarette in die verstümmelte Hand, winkte Rimas zu sich.
Bevor Pranas ihm sagte, wer dran war, wusste er es bereits. General Dmitrij Bjalkow, der Leiter des Komitees für Staatssicherheit in Kaunas, Rimas‘ Vorgesetzter.
Ihn spöttisch anblickend, als würde er ihm viel Spaß wünschen, reichte Pranas ihm den Hörer.
Rimas zog die Telefonschnur bis zum Anschlag an sein Ohr. »Major Rutkus, zu Befehl«, sagte er.
»Begeben Sie sich unverzüglich in die Zentrale!«, donnerte Bjalkow in seiner Bassstimme. »Was lungern Sie auch bei der Miliz herum, während unsere Zellen überfüllt sind mit Randalierern? Oder wollen Sie die Arbeit der Miliz übernehmen, eh?«
Bruderküsse, Ira Habermeyer
