Der Mentor in Spionage und Intrigen – Making of #2 „Morgenrot des Aufbruchs“

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Im letzten Beitrag umschrieb ich die Beziehung zwischen Rasa und Valdas. Auch Rimas wird in „Morgenrot des Aufbruchs“ in seiner Paraderolle als Fürst der Finsternis auflaufen. Zehn Jahre nach „Bruderküsse“ ist er längst in seine Heimat zurückgekehrt und hat als General des KGB alle Macht – die Macht zu zerstören, aber auch zu erschaffen.

Schülerin und Mentor: Rasa und Rimas 1984

Insbesondere zu Rasa hat er ein Verhältnis der anderen Art. Hat er in Teil 1 ein so großes Potential in ihr entdeckt, dass er sie angeworben und ausgebildet hat, fördert er sie im 2. Teil und sie macht rasch Karriere als Offizierin. Bald darf sich Rasa zum ersten Mal bewähren und soll einen Physiker verhaften, der Staatsgeheimnisse an die CIA verrät. Schließlich bereitet er sie auf den bisher gefährlichsten und wichtigsten Auftrag vor, den sie erfüllen soll: Artūras Intas an die Sowjetunion ausliefern. Damit stellt er gleichzeitig ihre Loyalität auf eine harte Probe.

Kurzum, Rimas ist Rasas Mentor, der ihr das Fechten lehrt so wie er sie in die Spionage einweiht. Dabei reicht die Verbundenheit zwischen den beiden tiefer. Wie aber sieht Rasa ihn? Sie ist fasziniert von seiner düsteren Aura, aber sie fürchtet seine unberechenbaren Launen. Könnte und dürfte er mehr sein als ihr Mentor? Enttäuscht von Valdas sehnt sie sich nach Aufmerksamkeit und jemandem, der ihre gekränkte Seele streichelt. Rimas ist sie eindeutig zu jung und schließlich existiert noch Gisa (Achtung, Spoiler: In Rückblenden wird erzählt, wie es nach „Bruderküsse“ weitergeht). Eine gewisse Spannung baut sich zwischen Rasa und Rimas auf, und sie wird sich durch Teil 2 ziehen, und sie wird all ihren Zweifeln zum Trotz ihr Handwerk von ihm lernen.

Litauen ist Litauen und war es immer, übertönte Rasas innere Stimme das gemächliche Hufgetrappel des Pferdes, das sie in die Halle führte. Ich bin in diesem Land geboren, spreche diese Sprache. Mein Vater lehrte mir Lieder und Gedichte, aber was erzählen diese Leute? Sie haben einfach unser Land verlassen, es verraten und wollen es nun unterwandern … Fest zurrte sie am Steigbügel, umfasste den Sattel und schwang sich hinauf. Nur, wer hat Recht? Was war deren Unrecht und was unseres? Rasa zog die Zügel an, drückte die Hacken ihrer Stiefel in die seidig dunkelbraun schimmernden Flanken des Wallachs. Sein Atem stieg in Wolken zum Dach empor.
Erneut spornte sie ihn an, galoppierte Runde um Runde, fühlte, wie die klamme, nach Pferdeschweiß riechende Luft in ihre Lungen strömte und ihr warm wurde. Dann bemerkte sie Rutkus, der seinen Schimmel in die Halle führte. Sie grüßte ihn.
»Brrr!«, schnarrte Rasa, straffte die Zügel, lenkte ihren Wallach auf Rutkus zu und hielt vor ihm an.
Blicke begegneten sich und jagten einen kalten Schauer durch ihren Magen. Seine blauen Augen erinnerten sie an den Himmel über Vilnius, wenn der Winter zu seiner Höchstform auflief. Von seiner düsteren Aura ging eine gefährliche Anziehung aus, die sie schwächen konnte und der sie sich keinesfalls hingeben durfte.
»Ich wusste, dass ich Sie hier finden würde, Genossin Tarvydaitė«, entgegnete der General, ließ seinen Schimmel neben ihr hertrotten. »Sie üben an Ihrer Haltung, nicht wahr?«
»Und an meinem Reaktionsvermögen.«
»Wenn die beim Reiten so gut ist wie beim Schießen, alle Achtung, Kapitonė«, bemerkte Rutkus, trabte los.
Rasa trieb ihr Pferd an, tätschelte seinen Hals. »Was halten Sie von meinem Vorschlag, die Studentin Inga Čepaitė zu observieren? Möglicherweise steht sie mit Intas in Kontakt und falls er zurückkehrt …«
»Falls«, erwiderte er, zog die Brauen hoch, betrachtete sie mit zusammengekniffenen Augen und jagte ihr einen erneuten, unbehaglichen wie faszinierenden Schauer über den Rücken.
Galten seine Blicke ihrem Bernsteinanhänger, der beim Galoppieren aus ihrer Jacke gerutscht war und nun auf dem Steppstoff baumelte? Oder trieb ihn wieder eine seiner unberechenbaren Launen?
»Die Studentin zu beschatten und hoffen, dass er mit ihr in Kontakt tritt, sollte er jemals nach Vilnius kommen, ist keine schlechte Strategie«, fuhr Rutkus fort. »Allerdings sehe ich dem Treiben dieser Nationalisten nicht ewig zu. Sie sollten ihnen keinen weiteren Aufschub geben und damit die Gelegenheit, ihre Propaganda unters Volk zu bringen.«
»Was schlagen Sie mir vor, Genosse Generolas?«, fragte Rasa, bemüht, ihre Unsicherheit zu verbergen.
»Verhaften Sie die Bande einfach und behalten Sie den Schlüssel fürs Postfach. Ihnen fällt sicher etwas ein«, antwortete er. »Verschwenden Sie Ihre Energie nicht für Ihren Rachefeldzug gegen Rūta Grinfeldienė.« Seine Hand drückte so fest in ihr Kreuz, dass sie kerzengerade im Sattel saß, dann presste er seine Finger auf ihren Bauch. »Brust raus!«, befahl er. »Sie machen sich nur selbst unglücklich und Ihre Tochter damit. Für Grinfeldis ist die Ehe zu dritt natürlich bequem, denn er muss weder etwas für Sie opfern noch Ihnen etwas geben. Haben Sie dieses würdelose Spiel nötig?«
Keuchend schüttelte Rasa den Kopf, kniff die Augen zusammen, um ihre Traurigkeit vor Rutkus zu verbergen. Wahrscheinlich ahnte er, wie seine Worte den Stachel der Demütigung tiefer in sie hineintrieben.
»Vergessen Sie ihn!«, rief er, Befehl oder wohlgemeinter Rat.
Bevor sie darüber nachdachte, ob er ihr etwa zugeneigt war, holte er aus und verpasste dem Wallach einen klatschenden Klaps. Das Pferd ging durch, hart und schnell setzten seine Hufe auf dem Boden auf, wirbelten Sand und Sägespäne hoch. An Rasa flogen die Wände und Holzstreben der Halle und ihr eigenes Spiegelbild vorbei. Ihre Hände verkrampften sich um die Zügel, während sie im Sattel hin und her rutschte. Sie verlor das Gleichgewicht, ihr rechter Fuß glitt aus dem Steigbügel, dann kippte sie nach links, wo sie wie in einer Falle verheddert blieb und kopfüber zwischen dumpf trappelnden Hufen baumelte. Jetzt ist es vorbei, schoss ihr durch die Gedanken, dann schlug sie bäuchlings auf dem Boden auf.
»Šūdas!«, fluchte sie, spuckte Sand und Sägespäne aus.
Wieder einmal war sie gefallen. Regungslos blieb sie liegen, sah die rosigen, von dunklen Flecken durchmaserten Hufe und das schneeweiße Fell des Schimmels vor sich.
»Arbeiten Sie an Ihrer Haltung, Kapitonė«, befahl Rutkus, stieg vom Pferd, kam auf Rasa zu und streckte ihr seine Hand entgegen.

Veröffentlicht von autorinirahabermeyer

Ich bin Autorin aus Leidenschaft für Geschichte und insbesondere das 20. Jahrhundert. Auf dieser Seite lasse ich jede*n gerne mitlesen, wie aus einer ersten Idee, einer Inspiration oder einer Faszination ein Roman oder eine ganze Reihe entsteht.

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