Spitz auf Knopf – Making of „Morgenrot des Aufbruchs“ #4

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… stand es im Herbst 1983 für die Welt. Historiker nennen dieses Jahr als das gefährlichste des Kalten Krieges. Pershing-Raketen waren in Westdeutschland stationiert, was die Sowjetunion als Bedrohung ihrerseits wertete. Aufrüstung war die Antwort des Kremls und mithilfe eines aufgestockten Atomarsenals erwogen der damalige Generalsekretär Andropow und seine Berater einen Enthauptungsschlag durchzuführen. Derweil setze US-Präsident Reagan auf das SDI-Programm, einen Raketenschutzschirm im Weltall. Star Wars begann, und im Fulda-Gap machte das NATO-Manöver Able Archer wiederum Moskau nervös. Eine Überreaktion hätte ausgereicht, um auf den roten Knopf zu drücken und den Alptraum der Menschheit wahrwerden zu lassen.

In dieser angespannten Weltlage beginnt „Morgenrot des Aufbruchs“. Vilnius, 1983 noch Regionalhauptstadt einer Provinz im Sowjetimperium, wird zum Austragungsort eines Schlagabtauschs zwischen KGB, CIA und dem MI6. Rasa, aufstrebende Offizierin des sowjetischen Geheimdiensts, ist weiterhin dem mysteriösen Arturas auf der Spur, einem Landsmann, der für die Briten arbeitet und Untergrundgruppen in Litauen unterstützt. Doch bei ihrem ersten großen wie gefährlichen Auftrag soll sie den Atomphysiker Vilius Kudirka ausschalten. Der wird verdächtigt, dass er die geheime Verschlusssache „Postfach“ an die Amerikaner verrät. „Postfach“ war der Deckname des größten Kernkraftwerks der Welt, das heute noch stillgelegt in Ignalina zu besichtigen ist.

Natürlich könnt ihr in einer Leseprobe in die angespannten Herbstnächte des Jahres 1983 eintauchen, die besonders dunkel und kalt waren.

Rasas erster Einsatz droht sie in Gefahr zu bringen …

Aus den Kopfhörern schallten die Stimmen der beiden Jungen in Rasas Ohren. Währenddessen versuchte sie, still Kontakt mit Jonas aufzunehmen. Bitte sei nicht mehr gekränkt, sandte sie ihm mit einem Wimpernschlag zu. Der Schmerz, ihn als Freund zu verlieren, brachte sie an die Grenze zum Heulen. Nur mit Disziplin zwang sie ihre Tränen mit einem Blinzeln zurück. Ich würde dich noch mehr verletzen, wenn ich vorgäbe, dich so zu lieben, wie ich Valdas liebe. Am liebsten würde sie Jonas an der Schulter packen und durchschütteln, damit er wieder zur Besinnung kam. Seit mehr als einer Woche beschränkten sich ihre Unterhaltungen nur auf das Nötigste, und Jonas blieb so formell wie er vor ihr als Vorgesetzten sein musste. Dienst nach Vorschrift, nannte man das.
»Ich gehe nochmal an die frische Luft«, sagte Kudirka, nachdem seine Söhne das Wohnzimmer verlassen hatten.
Augenblicklich fuhr ein Ruck durch Rasas Körper. Sie straffte die Schultern, rutschte an die Kante des Stuhls. »Hörst du das?«, flüsterte sie Jonas zu.
Endlich sah er ihr direkt in die Augen. »Hm«, machte er verschnupft.
»Unternimmst du einen deiner abendlichen Spaziergänge?«, fragte die Frau, räumte geräuschvoll den Tisch ab.
»Ich sagte nur, ich muss einmal Luft schnappen«, antwortete Kudirka, stand hörbar auf. »Es ist auch ziemlich warm in der Wohnung.«
»Findest du?«
Schritte knarzten auf den Dielen. Er nahm wohl gerade seinen Mantel von der Garderobe.
»Ich gehe«, sagte Rasa entschieden, erhob sich.
»Zu Befehl, Genossin Kapitonė«, erwiderte Jonas knapp.
Im Flur schlüpfte sie in ihre Stiefel, legte den Holster mit der Makarow an, auf deren Lauf der Schalldämpfer geschraubt war, und warf ihren Mantel darüber. Sie schob die Mikrokamera in die Tasche. Mit angehaltenem Atem lauschte sie ins Treppenhaus. Damit Kudirka keinen Verdacht schöpfte, ließ sie ihm so viel Vorsprung, dass er die Haustür erreichte. Als sie das Quietschen der Tür hörte, verließ sie die die Wohnung.
Ein Hauch von Schnee wehte Rasa mit der eisigen Luft entgegen, als sie auf den Gehsteig trat. Wie erstarrt hingen die roten Flaggen zum bevorstehenden Feiertag der Oktoberrevolution an der Fassade, überzogen von feinen Frostkristallen. Im Lichtkegel der Laterne sah sie, wie Kudirka, die Hände in die Manteltaschen vergraben und die Schirmmütze tief in die Stirn gezogen, in einen Durchgang zwischen den Wohnblocks abbog. Rasa folgte ihm auf Abstand. Zwei Mädchen, die einen Hund an der Leine führten, kamen ihr entgegen. Kudirka lief den gepflasterten Weg entlang durch einen kleinen Park. Dahinter erhoben sich schemenhaft der Zaun des Basketballfelds und die Rutschen und Schaukeln des Spielplatzes. Sie verlangsamte ihre Schritte, wich auf die Rasenfläche aus, damit sie sich nicht mit dem Klappern ihrer niedrigen Absätze verriet.
Als wartete er dort auf jemanden, schlenderte Kudirka neben dem Basketballplatz. Rasa drängte sich dicht an den zusammengewachsenen Stämmen einer Birke, spähte zu dem Mann. Bisher hatte er sie noch nicht bemerkt. Er bewegte seinen Ellenbogen, als blickte er auf die Uhr, wippte angespannt mit den Beinen. Scheinwerfer streiften das schüttere Gebüsch, scharf traten die Umrisse der Zweige und der einzelnen Blätter hervor. Das Lichterpaar brannte weiter, obwohl der Fahrer ausstieg. Kudirka hielt in der Bewegung inne, als dumpf eine Tür zuschlug. Zaghaft bewegte er sich auf das parkende Auto zu. Ein Mann in hellem Mantel und mit einer Uschanka auf dem Kopf kam auf ihn zu. Wie elektrisiert lauschte Rasa, was die beiden sprachen. Dem Klang der Vokale nach war es Englisch. Mit der Kamera in der Hand pirschte sie um den Birkenstamm, drückte in dem Augenblick den Auslöser, als Kudirka einen Umschlag unter seinem Mantel hervornestelte und ihn dem Mann überreichte.
»Thank you, Mister Kudirka. Great job.« Das knarrende Englisch klang eindeutig nach einem Amerikaner. Er gehörte sicher der CIA an.
Rasa schlich einen Schritt näher, um eine schärfere Aufnahme zu schießen, da knackte ein Zweig unter ihrer Sohle. Sofort zuckte sie zusammen, verbarg sich hinter der doppelten Birke und atmete lautlos ein. Ihr Herz galoppierte vor Aufregung und vor Angst, entdeckt zu werden. Bestimmt war der Amerikaner ebenfalls bewaffnet. Eine Schießerei und dabei verwundet zu werden oder gar draufzugehen, konnte sie am allerwenigsten gebrauchen.
Die beiden Männer hielten inne. Wahrscheinlich horchte der Amerikaner in die Stille, während er sich Rasa gefährlich näherte. (…)

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Veröffentlicht von autorinirahabermeyer

Ich bin Autorin aus Leidenschaft für Geschichte und insbesondere das 20. Jahrhundert. Auf dieser Seite lasse ich jede*n gerne mitlesen, wie aus einer ersten Idee, einer Inspiration oder einer Faszination ein Roman oder eine ganze Reihe entsteht.

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