„Auf diesen Moment hatte er sich lange vorbereitet, monatelang im Simulator trainiert, Starts und Landungen geübt und sämtliche Daten auswendig gelernt.“
Bis auf den Simulator und Starts und Landungen üben erging es mir in den vergangenen Monaten ähnlich wie Anthony vor seinem allerersten Flug als Concorde-Pilot. Monatelang habe ich mich auf meine Lesung vorbereitet, Szenen ausgewählt und verworfen, erneut ausgesucht, wieder verworfen und doch jeweils 4 Passagen aus zwei gegensätzlichen Romanen gefunden. Eine Playlist mit 70er-Jahre-Hits, von Rock bis Schlager und Disco wurde erstellt. Zwischendurch lagen meine Nerven auch einmal blank.
Am vergangenen Donnerstag, den 20. November war es schließlich so weit. Die lange angekündigte Lesung aus „Bruderküsse“ und „Concorde – Vom Himmel berührt“ im Freisinger Asam begann um 19:30 Uhr. Thema waren die 1970er Jahre als Jahrzehnt der Gegensätze, zwischen Kaltem Krieg, Spionage, Krisen und Jet Set-Glamour. Zu „Fürst Igor“, dem Thema von „Bruderküsse“ ging ich unter Applaus auf die Bühne und mein Lampenfieber war schlagartig weg. Galt der Beifall wirklich mir?
Ich spielte meinen Part als Ansagedame, die einige vielleicht noch aus dem Fernsehen kennen und leitete durch „Bruderküsse“. Was ich wollte, war, ein Programm und keine 08/15-Autor*innenlesung. Ich mochte es nie, mich vorzustellen: „Hallo, ich bin Ira Habermeyer und schreibe seit meiner frühen Jugend, weil …“ Ich kann mir gut vorstellen, dass es vielen Kolleg*innen ähnlich ergeht, wenn sie die Gelegenheit haben, aus ihren Romanen vorzulesen. Natürlich gehört eine Vorstellung dazu, vor allem, wenn man noch nicht allzu bekannt ist oder gar zum ersten Mal vor Publikum liest.

In meinem Ansagedamen-Text habe ich folgenden Satz eingebaut: „Ich bin Ira Habermeyer und begleite Sie durch diesen Abend.“ Vielleicht würden später Fragen seitens des Publikums kommen, weshalb und seit wann ich schreibe und warum über diese Themen und ich würde gerne bereit sein, sie zu beantworten.
Wer sich ähnlich wie ich davor scheut, sich wie bei einem Schulreferat vorzustellen, findet vielleicht eine passende Idee? Nun möchte ich nicht als Ratgeberin auftreten, aber wenn ich jemanden inspirieren oder helfen kann, freue ich mich.
Ich war nicht nur erleichtert, dass fast 50 Zuhörer*innen Interesse an der Lesung und an meinen Büchern hatten, sondern auch, als mir mein Mann in der Pause das Feedback gab, die Vorstellung würde ihnen gefallen. Mit diesem erleichternden Gefühl trat ich nochmals hinter dem Vorhang hervor, als „I Lost my Heart on a Starship Trooper“ als Überleitung zu „Concorde“ lief.

„Ladies and gentlemen, welcome on board to Concorde flight from London Heathrow to Manama“, begrüßte die Stewardess zur 2. Runde und ich hatte diese Ansage auswendig gelernt.
Am Ende, nach dem Beifall, durfte ich die Fragen des Publikums beantworten und das eine oder andere Buch signieren.
Diese Lesung hat unwahrscheinlich viel Spaß gemacht und ich möchte mich nochmals bei allen bedanken, die sie ermöglicht und vorbereitet haben. Vor Jahren hatte ich geträumt, einmal eine große Lesung in einem Saal vor Publikum abzuhalten und dafür all die monatelangen Vorbereitungen. Sie sollte gelingen. Der Traum sollte wahr werden. Und ich brauche eine Weile, um die Zuneigung und den Applaus wirklich zu begreifen.

Ich hoffe, die Freude war auch auf Seiten meiner Zuhörer*innen.
Und nun hoffe ich, ein paar Tipps und Anregungen für diejenigen weitergeben zu können, die so wie ich von ihren Lesungen träumen oder sie bereits planen und noch überlegen. Leider kann ich niemandem die Entscheidung abnehmen, welche Stellen passen. Hilft bei der Auswahl vielleicht …
- Wer, wie, was, wann, warum, wodurch? Die berühmten sechs W-Fragen können den Kern des Romans, die Charaktere, usw. bereits vorher klarer umschreiben, so dass es einfacher wird, Szenen für eine Lesung auszuwählen.
- Die Länge. Bitte beschränke dich wenn möglich auf 5 – 10 Minuten pro Szene. Kürze sie notfalls, indem du nebensächliche Informationen, die die Leserschaft später nachlesen kann, streichst oder Inquits weglässt – sofern sie nicht wichtig für den Kontext sind.
- Versuche, die Stimmlage deiner Protas zu treffen. Wie hört sich deine Hauptfigur/deine Hauptfiguren in deinem inneren Film beim Schreiben an? Kannst du dabei die Charaktereigenschaften betonen? Lass sie lebendig werden.
- Kündige deine Lesung an, besonders in den letzten beiden Wochen davor. Fertige Flyer und/oder Plakate an und frage z.B. in Cafés und Buchhandlungen an, ob du sie auslegen und/oder aufhängen kannst. Nutze auch deine Social Media Kanäle. So kannst du noch Kurz- oder Unentschlossene erreichen.
- Falls du eine Playlist zu deinem Buch verwendest – abgesehen davon, dass du oder die Veranstaltenden die Titel bei der GEMA anmelden sollten – die Stimmung wird lockerer, wenn du die Musik kurz vor der Lesung abspielst.
- Nimm ausreichend viele Exemplare deines Romans zum Signieren mit.
Ich bin zwar keine Expertin, aber ich hoffe, ich konnte dir ein paar Anregungen geben. Lampenfieber ist normal und es vergeht spätestens dann, wenn du die ersten Sätze liest und dich wieder in deine Geschichte einfindest.
Viel Erfolg und lass mich wissen, wie du dich auf Lesungen vorbereitest oder welche besonders schön verlaufen sind.
Ein interessanter Einblick in eine Lesung.
Vielen Dank für die Tipps und Anregungen auf dieser Seite.
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