Die Anti-Helden – Making of Bruderküsse #2

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„Bruderküsse“ ist keine Liebesgeschichte und auch kein wokes Ding. Mein Romanprojekt handelt von Spionagespielen, politischen Intrigen und dem Aufeinandertreffen zweier Supermächte im Bonn des Jahres 1972. Entsprechend hart und spannungsgeladen dürfte auch die Handlung werden. Rimas und Francis werden sich nichts schenken, und das Ende – so viel kann ich verraten, es geht gut aus – wird nicht sein wie in Hollywood.

Auch die Charaktere werden tiefer gehen als knapp unter die Oberfläche. Schwarz-Weiß kenne ich nicht, vielmehr werden sich die bunten Farben vermischen. Es gibt auch keine engen Moralvorstellungen an die Figuren, Geheimdienste – egal welcher – sind eigene Organisationen mit eigenen Regeln und keine Seite ist die Bessere.

Bei den Protas von „Bruderküsse“ würde die Bezeichnung Antiheld*innen stimmen. Ich stelle sie euch vor:

Die Figur des CIA-Officers Francis Robert Lee Haywood war bisher meine größte Herausforderung. Obwohl ich in meinem Leben genug amerikanische Filme gesehen habe, die von Agenten handeln, lernte ich Francis erst langsam kennen und wurde erst mit der Zeit richtig warm mit ihm. Ich wollte mit seiner Figur nicht das idealisierte Bild des Amerikaners darstellen, der andere Länder selbstlos vor finsteren Mächten und sich selbst schützt – und alles im Namen der Freiheit. Vielmehr wollte ich mit Francis einen knallharten Agent darstellen, der davon überzeugt ist, dass der Zweck alle Mittel heiligt. Nicht einmal seine Frau June und sein Sohn Byron wissen, dass er kein Diplomat ist, als sie mit Francis nach Bonn-Bad Godesberg ziehen. Jahrzehntelang hält er seinen wahren Beruf geheim und verbirgt allerhand dreckige und düstere Geheimnisse vor seiner Familie. Francis wurde übrigens während des Koreakrieges von der Agency rekrutiert, weil er sich beim Verhör von Gefangenen als besonders effektiv erwies.

Rimas kennt ihr bereits. Blättert ein paar Blogposts zurück, dort habe ich ihn als einen der Hauptcharaktere aus der „Eis und Bernstein“-Saga vorgestellt. Rimantas Kazimieras Rutkus ist einer meiner ältesten Protas und über die Jahre habe ich immer neue, unerwartete Facetten an ihm kennengelernt. Natürlich ist Rimas kein Samariter, er ist akribisch, brutal und sehr von sich selbst überzeugt. Also sind er und Francis einander ähnlich. In einem Punkt unterscheiden sich die beiden: Rimas behauptet von sich mit einem Augenzwinkern, dass er Feminist ist, weil er dem sowjetischen Mutterland dient – hat damit ein anderes Frauenbild als der Amerikaner. In „Bruderküsse“ erleben wir Rimas als Anakin Skywalker, bevor er zu Darth Vader wurde, also noch Gutes in ihm steckt. Das KGB strickte für Rimas die Identität des schwedischen Journalisten Ville Magnus Holmberg, weil er als Litauer keinen russischen Akzent hat, der ihn verraten könnte. Genauso suchte auch das Kommissariat indirekt Rimas‘ Partnerin aus, die ihm Schutz und ein dauerhaftes Bleiberecht in Westdeutschland gewährt. Denn aus einer Romeo-Mission, bei der er eine Mitarbeiterin in Willy Brandts Wahlkampfteam rekrutieren soll, entwickelt sich mehr, als erlaubt ist. Damit zeigte mir Rimas seine fürsorgliche und liebevolle Seite und ich bin neugierig, womit er mich und euch weiterhin überrascht.

Gisela Seydel ist keineswegs das naive Mädchen, auch wenn sie Rimas‘ nordischem Charme erliegt und sie in ihm den Mann findet, den sie in Westdeutschland vergeblich gesucht hat. Gisa, wie sie sich nennt, stammt aus München und ist linke Sozialdemokratin. Links zu sein bedeutete in den späten 1960er, frühen 1970er Jahren, fortschrittlich und aufgeschlossen zu sein, etwas anderes zu wollen als die Relikte der Adenauer-Zeit – und der SPD-Landesverband Bayern war seit jeher links. Obwohl seit 1969 die Sozialliberale Koalition regierte, sind zu Gisas Zeiten die alten Rollen- und Gesellschaftsbilder noch sehr präsent. Frauen kämpften für ihre Rechte, erst in den späten 1970er Jahren durften sie ohne die schriftliche Erlaubnis des Ehemanns arbeiten und ein eigenes Konto eröffnen. Das Recht auf straffreie Abtreibung wurde 1973 mit dem Paragraph 218 im Grundgesetz gestattet. Wie so viele Frauen in Westdeutschland wurde eine Frau wie Gisa stets vor zwei vermeintlich unvereinbare Alternativen gestellt: Entweder entscheidet sie sich für eine berufliche Karriere oder für eine Familie. Ideologisch geführte Debatten schränken Gisa mehr ein, obwohl die Parole jener Jahre lautet: Mehr Demokratie wagen. Und Gisa will alles und wagt das Risiko, denn sie ist ungeduldig und feurig. Dabei kommt ihr Rimas, beziehungsweise Ville, gerade recht, der ihr von Gleichberechtigung und Wohlfahrtsstaat (Schweden) erzählt, Sehnsüchte in ihr erweckt und als Mann so ganz anders ist. Bald stellt sie fest, dass sie mit ihm auf einer Wellenlänge und ideologisch nicht so weit entfernt von ihm ist, und öffnet ihm bereitwillig so manche Türen.

Oder ist „Bruderküsse“ nicht doch eine Liebesgeschichte, unfassbar, düster, aber aufrichtig?

Neugierig darauf, wie sich die Geschichte entwickeln wird und wie ich daran arbeite? Demnächst geht es weiter.

Veröffentlicht von autorinirahabermeyer

Ich bin Autorin aus Leidenschaft für Geschichte und insbesondere das 20. Jahrhundert. Auf dieser Seite lasse ich jede*n gerne mitlesen, wie aus einer ersten Idee, einer Inspiration oder einer Faszination ein Roman oder eine ganze Reihe entsteht.

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