Der versuchte Kanzlersturz – Making of Bruderküsse #4

Themen: Schreibtagebuch, Roman, Historischer Roman, Zeitgeschichte, Politik, Fakten zum Buch, 1970er Jahre, Deutschland, Willy Brandt

In meinem vorherigen Making of zu „Bruderküsse“ ging es um die Vorgeschichte aus Rimas‘ Seite. Dieser Beitrag fasst die Vorgeschichte zusammen, wie es 1972 zu Neuwahlen in der Bundesrepublik kam. Der Wahlkampf ist nämlich eines großen Ereignisse im Roman und bietet meinen Protas eine großartige Bühne. Also versuche ich, die Hintergründe kompakt zusammenzufassen.

Ein Patt

Ostverträge, Wandel durch Annäherung und eine Wirtschaftspolitik, die trotz Inflation auf Vollbeschäftigung setzte – das schienen für die CDU/CSU-Opposition Gründe genug zu sein, um im April 1972 mit einem Misstrauensvotum Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) zu stürzen. Einer, der am lautesten gegen den sozialdemokratischen Kanzler und Friedensnobelpreisträger wetterte, war Franz-Josef Strauß, seinerzeit Fraktionsvorsitzender der CSU. Strauß war ein Machtpolitiker und damals bereits bekannt für seine Verstrickungen (Spiegel-Affäre). Doch er schickte Rainer Barzel von der CDU vor, um Brandt zu stürzen und ihn als möglichen Nachfolger ins Spiel zu bringen.

Ausgangspunkt war eine Pattsituation im Deutschen Bundestag. Da vier Abgeordnete des Koalitionspartners FDP im Laufe der Zeit zur CDU übergewechselt waren, waren Koalition und Opposition fast gleich stark.

Währenddessen demonstrierten überall in der Bundesrepublik Menschen für Brandt, teilweise kam es zu Arbeitsniederlegungen. In der Bevölkerung, insbesondere bei den jungen Menschen, genoss Willy Brandt großes Ansehen für seine Verdienste und für den neuen Politikstil, der die verkrusteten Strukturen aufbrach. Mit soviel Rückhalt hatten die Konservativen wohl nicht gerechnet.

Die Interessen des Ostens

Am 27. April 1972 kam es schließlich zur Entscheidung: Nur knapp mit zwei Stimmen Unterschied scheiterte der Misstrauensantrag. Zwei Abgeordnete der Union enthielten sich der Stimmen – wie sich herausstellte, waren sie von der DDR-Staatssicherheit bestochen worden. Einer der Abgeordneten war Julius Steiner, der im Frühsommer 1973 öffentlich bekannte, für sein Abstimmungsverhalten von der Stasi Geld erhalten zu haben. Markus „Mischa“ Wolf, damals stellvertretender Leiter der DDR-Staatssicherheit und Strippenzieher, bestätigte das ebenfalls in seinen Memoiren.

Natürlich hatte aufgrund der Annäherung zwischen Ost und West nicht nur die DDR ein Interesse daran, dass Brandt Kanzler blieb. Zwischen ihm und dem damaligen sowjetischen Generalsekretär Leonid Breschnew bestand ein freundschaftliches Verhältnis. Trotz ideologischer Unterschiede verstanden sich die Staatsmänner auch menschlich, was unter den damaligen Bedingungen (Kalter Krieg, Wettrüsten, nukleare Abschreckung) nicht unbedingt von Nachteil war. Skeptisch wurde auch dies von der Opposition beäugt, die Ängste vor der Einverleibung der Bundesrepublik in die DDR oder dem Bruch mit den westlichen Bündnispartnern schürten.

Auflösung des Deutschen Bundestages

Nach der Sommerpause bestätigten sich die Gerüchte, die in Bonn die Runde machten: Am 20. September 1972 stellte Willy Brandt erneut die Vertrauensfrage, die er absichtlich verlor und löste damit den Deutschen Bundestag auf. Erstmals in der Geschichte der jungen Bundesrepublik kam es zu vorgezogenen Neuwahlen, die am 19. November 1972 abgehalten wurden.

Fulminanter Wahlsieg

Ein intensiv geführter, mobilisierender Wahlkampf („Willy wählen“) brachte der SPD mit 45,8% der Stimmen den Sieg ein. Gründe dafür lagen an der Strahlkraft der Person Willy Brandts und an seinem wenig charismatischen Herausforderer Rainer Barzel. Zudem spielte auch der Zeitgeist eine Rolle, der von Aufbruch, Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung sowie der Polarisierung zwischen Ost und West geprägt war. Außerdem wurde 1972 das Wahlalter von 21 auf 18 Jahre gesenkt und die Erstwähler*innen brachten der SPD zusätzliche Stimmen.

Willy Brandt blieb bis 1974 Bundeskanzler und trat wegen der Enthüllungen um seinen Vertrauten Günter Guillaume zurück, der als Offizier der Stasi jahrelang aus dem engsten Kreis des Kanzlers operierte.

Eine Szene aus „Bruderküsse“: Am Rande der Debatte gelingt es Rimas, Gisas Vertrauen zu gewinnen. (Erstellt mit KI)

Veröffentlicht von autorinirahabermeyer

Ich bin Autorin aus Leidenschaft für Geschichte und insbesondere das 20. Jahrhundert. Auf dieser Seite lasse ich jede*n gerne mitlesen, wie aus einer ersten Idee, einer Inspiration oder einer Faszination ein Roman oder eine ganze Reihe entsteht.

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