Themen: Schreibtagebuch, Roman, Historischer Roman, Zeitgeschichte, Fakten zum Buch, 1970er Jahre, Deutschland
Corona, Energiekrise, Rezession – die 2020er mögen voller Verunsicherung sein. Kaum scheint ein Schrecken vorbei zu sein, droht das nächste Szenario. Dabei verklärt sich – als eine Art Schutzfunktion – der Blick auf das Früher, in dem alles besser, rosiger oder einfacher zu sein schien. Nostalgie legt sich wie ein mildernder Filter auf die 2000er, 1990er, 1980er und die 1970er Jahre und gerne wird verdrängt, dass jede Zeit ihre Herausforderungen und Krisen hatte und immer haben wird. Bankenkrise, 09/11, Balkankrieg, Kalter Krieg wirken in den Hintergrund gerückt. Erinnern wir uns daran, war die Welt niemals ruhig oder krisenresistent.
Der Header dieses Beitrags mag trivial klingen, aber er fasst die 1970er als ein Jahrzehnt des Glanzes und der Krisen zusammen. „Bruderküsse“ lebt unter anderem vom Zeitkolorit, und anders als oftmals oberflächlich dargestellt, war er alles andere als schrill und ausgeflippt.
Aufbruch, Protest und RAF
Bedeuteten die späten 1960er Jahre Aufbruch, Protest gegen den Vietnamkrieg, Infragestellen des Kapitalismus, sowie die Möglichkeit, auch in anderen Beziehungsformen als der traditionellen Ehe zusammenzuleben, setzte sich diese Bewegung fort. Frauen kämpften für ihre Rechte, über die noch ihre Väter und Ehemänner bestimmten und für Gleichberechtigung. Alice Schwarzer – heute wegen ihrer Haltung zu Putin und dem Ukrainekrieg nicht ganz unumstritten – brachte die Debatte um die Legalisierung von Abtreibung auf das Titelbild des Stern.
Linksextremer Terrorismus durch die Baader-Meinhof-Bande und später die RAF stellte die junge Bundesrepublik auf die Probe. Wer in den 1970er und 80er Jahren aufgewachsen ist, dürfte sich noch an die Fahndungsplakate erinnern, die in Postämtern, Banken oder Bahnhöfen aushingen – und die den kindlichen Abenteuerdrang „fangen wir Terroristen“ ausgelöst haben. Meine Ohren wurden groß, als unser Nachbar, ein pensionierter Polizist, von Schleierfahndungen erzählte.
Nachträglich beflügelte er meine Fantasie. Auch in „Bruderküsse“ kommen versprengte (fiktive) Mitglieder der Baader-Meinhof-Bande vor, die sich zu der neuen (ebenfalls fiktiven) Terrorzelle Revolutionärer Erster Mai zusammenschließen. Unter anderem werden sie von Moskau finanziell unterstützt, denn der Kalte Krieg setzte sich auch im Untergrund fort, und von den Bundesbehörden gesucht. Schleierfahndungen gehören zum Alltag der Protagonisten, und geraten in eine hinein.

Krisen und die Lehren daraus
Auch die Ölkrise beeinflusst den Alltag von Rimas und Gisa, Francis und June. Erneut wurde mir die Dimension des ewig währenden Konflikts zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn bewusst, als ich mich mit dem Auslöser der autofreien Sonntage befasste: Dem Jom-Kippur-Krieg, der im Oktober 1973 ausbrach. Die ägyptische Armee besetzte die Halbinsel Sinai, die Israel 1967 nach dem Sechstagekrieg erobert hatte, und Syrien die Golanhöhen. Die OPEC-Staaten beschlossen Sanktionen gegen die westlichen Staaten, die Israel unterstützten und drosselten die Förderung von Erdöl. Die Verknappung hatte zur Folge, dass der Ölpreis stieg – auf eine D-Mark pro Liter. Panikartig versorgten sich Autofahrer an Tankstellen mit Benzin, Kanister wurden in Haushalten gelagert und an vier Sonntagen im November/Dezember 1973 blieben die Straßen und Autobahnen leer. Während einer Energiekrise heute Fahrverbote zu verhängen, würde wohl zu einem Volksaufstand führen.
Die Ölkrise führte der „Überflussgesellschaft“ (so titelte der Spiegel) vor Augen, dass fossile Rohstoffe nicht unendlich verfügbar waren, und auch die Abhängigkeit davon. Erneut dürften wir die Abhängigkeit von Öl und Gas und fragwürdigen Regimen 2023 gespürt haben – und dass die Energiewende notwendiger und dringender denn je ist. Anders als noch vor 50 Jahren dürften Kohle und Kernkraft keine Alternativen mehr sein. Krisen wiederholen sich, bis daraus gelernt wird.
Und nun zurück zum Titel: Style, Style und nochmals Style
Anders als man meinen möchte, war der Stil der 1970er Jahre weniger schrill als im Klischee. Natürlich dominierten nach wie vor die abstrakten, teils psychedelischen Muster der 1960er Jahre, aber Flower Power verschwand nach und nach. Auch in der Musik, als rockigere Klänge à la Suzi Quatro und viel Leder und Pelz dominierten. Beim Schreiben sehe ich meine Protagonist*innen bildlich vor mir und ich kleide sie ein wie fürs Filmset. Neben Geschichte und Gesellschaft interessieren mich auch die Mode und der Alltag der jeweiligen Zeit.
Natürlich spielte auch bei der Mode die feministische Bewegung eine Rolle: Eleganz, Weiblichkeit und Natürlichkeit vereinten sich. Schlaghosen und Plateauschuhe wie in den 1940er Jahren, kurze und lange Kleider, Bohemienne und Pop – die Mode war vielfältig. Die Männer trugen Hemden mit weiten V-Krägen und im Geschäftsleben dreiteilige Anzüge. In der Freizeit war der Look sportlicher. Die Haare waren länger und noch immer von der Hippiezeit inspiriert, und gebräunte Haut stand für vitale Jugendlichkeit.
Insgesamt sind die 1970er Jahre ein sehr vielfältiges, kontrastreiches und spannendes Jahrzehnt, in das es sich in allen Aspekten lohnt, einzutauchen.