Themen: Schreibtagebuch, Roman, Historischer Roman, Zeitgeschichte, Fakten zum Buch, 1970er Jahre, Deutschland
Eine Frau hat zwei Lebensfragen …
Was geschieht in der Welt und wie verwirkliche ich meine Träume.
So wie Gisela, die Protagonistin aus „Bruderküsse“. Sie ist jung, eine linke Sozialdemokratin, Wahlkampfhelferin für Willy Brandt und angestellt im Palais Schaumburg, 1974 Sitz des Bundeskanzleramts. Sie will alles erreichen und vereinen, ihren Beruf, den sie liebt und später auch die Familie. Sie will auch mehr als mehr Demokratie wagen – mehr Fortschritt, mehr Gerechtigkeit, mehr Gleichberechtigung.
In Zeiten der Polarisierung zwischen Ost und West, Russen und Amerikaner, Gut und Böse, Schwarz und Weiß, stellten sich einer jungen Frau wie Gisa, wie sie genannt wird, tatsächlich zwei Lebensfragen: Karriere oder Kinder? Beides schien unvereinbar, denn in der Bundesrepublik galt noch immer das aus der NS-Zeit stammende Ideal der Mutter, die zu Hause blieb und Mann und Kind umsorgte. Kinderkrippen, beziehungsweise die alternativen Kinderläden gab es lediglich in Großstädten. Jene Frauen, die sich für beides entschieden, zu arbeiten und gute Mütter zu sein, wurden als Rabenmütter verteufelt.
Zudem brauchten verheiratete Frauen die schriftliche Genehmigung ihres Ehemannes, wenn sie ihren Beruf weiter ausüben und/oder ein eigenes Konto führen wollten. Diese Reglementierung wurde erst 1977 abgeschafft.

Schließlich begegnet Gisa bei der Eröffnung der Olympischen Sommerspiele im August 1972 Rimas – in seiner geheimen Identität als schwedischer Journalist Ville Magnus Holmberg. Er ist charmant, höflich und zeigt Respekt vor Frauen – schlichtweg alles, was ihr Exfreund nicht war und tat. Rimas spielt seine Rolle und weiß, womit er bei der Münchnerin landet, wenn er von Schweden als fortschrittlichem Wohlfahrtsstaat erzählt und ein anderes Frauenbild hat. Kulturell sind seine eigentliche Heimat Litauen und Skandinavien nicht weit voneinander entfernt. Auch innerhalb der Sowjetunion gab es Unterschiede, die Gleichberechtigung und Emanzipation waren in den Baltischen Staaten weiter vorangeschritten als etwa in der Russischen Föderation. Disclaimer: Die UdSSR war eine Diktatur – in den ersten Kapiteln von „Bruderküsse“ wird ungeschönt darauf hingewiesen.
Bald ist Gisa sehr angetan von dem Mann aus dem Norden und sie vertraut ihm. Sie ist keinesfalls naiv oder ihm gar so verfallen, wenn sie kleine Gefälligkeiten für ihn tut und ihm die Akkreditierung für den Wahlkampfzug verschafft. Ahnt Gisa, dass Ville/Rimas mehr ist als ein Journalist? Nimmt sie billigend in Kauf, dass er die Informationen, die sie ihm liefert, an die Sowjets weitergibt? Oder ist sie eine Whitsleblowerin in ihrer Zeit? Was bewegt einen Menschen, Geheimnisse und Internes an einen ausländischen Geheimdienst zu verraten?
Bonn ist während des Kalten Krieges die Hauptstadt der Spione. CIA, MI6, die französische DSGE, Stasi und KGB sind interessiert an einem Land wie die Bundesrepublik, die zwischen den Machtblöcken eingekeilt ist. Kooperationen wie Sabotageakte sind an der Tagesordnung, und die Geheimdienste bekämpfen oder verbünden sich, wie man es von rivalisierenden Gangs kennt. Die Anwerbung verläuft in der Regel über die Sekretärinnen; auch Abgeordnete aller politischer Couleur arbeiten für diverse Nachrichtendienste. Also ist der Plot von „Bruderküsse“ sehr realistisch.
Die Erwartungen, die Gisa auf Brandt und einen Aufbruch in eine neue Zeit setzt, werden bald enttäuscht. Ihrer Ansicht nach zögert die Regierung, ihre Eisen noch zu schmieden, so lange sie noch heiß sind. Zwei Kraftfelder wirken auf Deutschland ein: Konservative Kräfte, denen die Annäherung an den Osten ein Dorn im Auge ist und die am liebsten die Zustände in Land und Gesellschaft so belassen würden wie sie davor waren, und Progressive, denen der Wandel nicht schnell genug vorangeht. So ist es eher ein Bitten um Hilfe, die sich Gisa von Rimas erhofft.
Aktueller könnte das Thema Spionage und Geheimdienste nicht sein, obwohl „Bruderküsse“ in der Zeit vor 50 Jahren spielt. So lange Weltmächte danach streben, ihre Interessen durchsetzen, werden sie ihre geheimen Armeen – Geheimdienste sind nichts anderes – losschicken und sich auf Maulwürfe, Überläufer und Whistleblower berufen. Spionage ist nichts Neues, oder Überraschendes, und längst in der Vergangenheit des Kalten Krieges Vergrabenes steht wieder auf und holt uns ein.