Ewig blüht der Flieder – Eskapismus oder Verdrängung?

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Am 8. Mai 1945 endete der 2. Weltkrieg in Europa. An diesem Tag kapitulierte Nazi-Deutschland offiziell vor den Alliierten USA, Frankreich und dem Vereinigten Königreich und symbolisch schlug die Stunde Null. Nicht in allen Gegenden gab sich der letzte „Volkssturm“ geschlagen, an manchen Orten stießen alliierte Truppen noch auf letzten Widerstand, bis der Krieg endgültig vorbei war.

In meiner Heimatstadt Freising geschah das noch vor dem 8. Mai 1945. Am 29. April 1945 rückten amerikanische Truppen ein und befreiten die Stadt nach ihrer Kapitulation von den Nationalsozialisten.

Doch zuvor hatte ein Aufgebot des „Volkssturms“ – teils junge Männer in SS-Uniformen – die alte Luitpoldbrücke gesprengt, um das Vorrücken der Amerikaner zu verhindern. Dennoch rollte die US-Army auf Freising zu und die Burschen waren nicht mehr so stolz und mutig und flüchteten ins Moos oder zu Bauern im Umland.

Der Krieg war nie vorbei, aber darüber wurde meistens geschwiegen

Stellvertretend für einen dieser damals 14- bis 16-jährigen habe ich die Nebenfigur des Xaver Hörhammer erfunden, der in Trümmerblüten einst Romy das Leben schwer machte und sich Jahre nach Kriegsende vor seiner Clique mit der Tat brüstet. Der Name ist frei erfunden und steht in keiner Verbindung mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen.

Was ich an Xaver als ewiggestriger Härtefall, ausdrücken möchte, ist die Aufarbeitung, die in den 1950er und 1960er Jahren kaum stattgefunden hatte. Die Fehde zwischen Romy und Xaver geht nach Kriegsende weiter. Irgendwann beschließt sie, seine Tat nachträglich bei der Polizei anzuzeigen. Doch sie wird mit den Worten »Da sind’s ein bisserl spät dran, Fräulein« abgewimmelt, schließlich wären viele Brücken im Krieg gesprengt worden und Befehle hätten befolgt werden müssen.

Abgesehen davon, dass in den Nürnberger Prozessen lediglich die Spitze des Eisberges sichtbar gemacht und verurteilt wurde, war es sicherlich kein Einzelfall, was ich mit dieser Episode beschreiben möchte.

Man wollte nicht mehr erinnert werden, sich nicht mehr damit beschäftigen, im Hier und Jetzt leben und sich ablenken. Nazis? Nein, wir waren nie welche. Aber die XYs ein paar Häuser weiter … Das Wirtschaftswunder kam in Schwung, bald konnten sich die Deutschen wieder leisten, was sie während des Krieges und in den Jahren danach entbehrt hatten und in den Heimatfilmen blühte ewig der Flieder.

Heimatfilme als Eskapismus?

Natürlich kann man niemandem vorwerfen, seinen Eskapismus zu suchen. Gerade in unserer Zeit, in der Kriege, globale Verwerfungen und Unsicherheiten mit jeder Meldung auf uns einprasseln, braucht man einen Rückzug. Auch mir wird es manchmal zu viel, obwohl die Welt die gleiche ist, während die Serie auf Netflix läuft oder ich an diesem Beitrag schreibe.

Dennoch ersetzt das gelegentliche Entfliehen nicht, Verantwortung zu übernehmen und sich mit der Realität zu befassen, auch wenn sie besser sein könnte. Ganz die Schotten dicht zu machen ist kein Schutz.

Nochmals zurück zu den 50er Jahren, die ich so authentisch wie möglich in meiner Familiensaga beschreiben möchte.

Welche Filme liefen 1951/52, Romys Zeit, in den bundesdeutschen Kinos? Schwarzwaldmädel, Grün ist die Heide und – Die Sünderin. In letzterem Film sorgte die großartige Hildegard Knef für einen Skandal, als die Kamera für einen Augenblick ihre nackte Brust zeigte. Auch die Thematik war für die damalige Zeit sehr tiefgründig und ernst, im Gegensatz zur heilen Welt, in der Problemthemen nur angekratzt und harmonisch verpackt wurden.

So warb Grün ist die Heide um mehr Verständnis und, heute würde man sagen, Integration der Heimatvertriebenen. Die Geflüchteten aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien oder dem Sudetenland waren keineswegs willkommen und wurden angefeindet. Natürlich ging es wie immer um Neid, Missgunst und der Angst, Fremde könnten den Einheimischen etwas wegnehmen oder einfach nur ihre Kultur mitbringen. Wer den Film kennt und auch seine Schlusssequenz, könnte nun einiges hinterfragen.

Schweigen ist kein Schutz

Offen hatte niemand hinterfragt, weshalb eine sudetendeutsche Landsmannschaft in ihrer Tracht auf einer Kirmes in der Lüneburger Heide tanzen muss. Man hätte sich wiederum mit dem Krieg und der individuellen Mitverantwortung während des 3. Reichs auseinandersetzen müssen. Das Kriegsende lag wenige Jahre zurück, dennoch saßen die Schuld und die Schmach der Niederlage noch tief.

Eine Niederlage, mit der sich nicht wenige schwertaten. Ich, 1977 geboren, habe noch Menschen erlebt, aus denen ungefragt herausplatzte: „Unter Hitler ging es uns gut. Wir hatten Arbeit. Nur den Krieg hätte er nicht beginnen dürfen.“

Ich kann mich erinnern, dass ich baff darüber war, wie der schlimmste Verbrecher der Geschichte noch als Wohltäter verstanden wurde, dem der Fehler 2. Weltkrieg unterlaufen war. Ich war erst einmal sprachlos, obwohl sich alles in mir wehrte und rebellierte, als den Juden die Schuld für ihre eigene Verfolgung gegeben wurde. „Sie haben von den Bauern so hohe Zinsen verlangt“ war nur eines der „Argumente“. Und die Amerikaner – Amis wären „freche Hunde“ gewesen. Meine Stimme gegen jede Form von Antisemitismus, Rassismus, Sexismus und Faschismus habe ich erhoben und werde es weiterhin tun, während die Generation, die das 3. Reich erlebt hatte, verstorben ist.

Doch dieser Geist lebt leider weiter und Antisemitismus, Rassismus, Sexismus scheinen überlebt zu haben, hört man hin und liest man einschlägige Kommentare. Ich frage mich, wie konnten sich Ansichten, die jedem Menschen mit Empathie, demokratischen und humanistischen Grundwerten zuwider sein müssen, noch immer halten?

Dass in den 1950er und 60er Jahren das Thema 3. Reich und 2. Weltkrieg nicht oder nur oberflächlich im Schulunterricht behandelt wurde, mag an der Vermeidung liegen und ich möchte es nicht entschuldigen. Dennoch, in der 10. Klasse gehörte ein Besuch der KZ-Gedenkstätte Dachau zum Lehrplan im Fach Geschichte und ich kann mich erinnern, dass das Thema ausführlich behandelt wurde. Warum aber wird dieses „Nie wieder“ plötzlich infrage gestellt, beziehungsweise gilt nicht mehr, wenn die AfD bei 27% liegt?

Vielleicht liegt es an einer Verdrängungsstrategie oder dem lapidaren „der Krieg ist lange vorbei“, dass die Weltanschauung dieser Partei bürgerlich geworden sind. Oder an einem dem Desinteresse, weil man ja die Geschichte zu oft gehört hat und sich lieber in den privaten kleinen Eskapismus zurückgezogen hat?

Das Schweigen jedenfalls hat noch nie jemanden geschützt und wird es auch heute nicht tun.

Wird Courage sich lohnen?

Mir lag es sehr am Herzen, in Trümmerblüten über die Verdrängung und Verharmlosung zu schreiben; darüber, wie eine Figur wie Xaver scheinbar davonkommt und dreist weitermachen kann. Gewiss gab es damals wie heute genauso Menschen, die dem nicht zugesehen haben und Gerechtigkeit statt Beschwichtigungen wollten.

Wird Romy dennoch zugehört und ernstgenommen?

Über ihren Alltag in den frühen 1950er Jahren und wie sie sich als junge Frau zu dieser Zeit durchsetzen muss, werdet ihr bald mehr erfahren.

Veröffentlicht von autorinirahabermeyer

Ich bin Autorin aus Leidenschaft für Geschichte und insbesondere das 20. Jahrhundert. Auf dieser Seite lasse ich jede*n gerne mitlesen, wie aus einer ersten Idee, einer Inspiration oder einer Faszination ein Roman oder eine ganze Reihe entsteht.

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