Le canadien errant – Protavorstellung: Adrien

Themen: Roman, Historischer Roman, Zeitgeschichte, 1950er Jahre, Deutschland, USA, Freising

Adrien Nicolas Pierre Valcourt – wie würdet ihr seinen Namen aussprechen? Englisch oder französisch? Französisch ist richtig. Nun werdet ihr einwenden, dass Adrien Amerikaner und Lieutenant der US Army ist. Ja … er wird euch bestätigen: »Ich bin Amerikaner.«

Ich habe ein Faible für Frankreich und Kanada war mir immer sehr sympathisch. Bisher hatte ich französische Protas, aber noch keine Frankokanadier, bzw. Québecois. Mal ehrlich: Ein Held mit frankokanadischen und Maliseet-Roots hat gleich eine ganz andere Ausstrahlung als die klassische glatte – grumpy – Militärfigur. Bei Adrien denkt man wohl an spektakuläre Natur, Eishockey und Indian Summer.

Wo in den USA leben die meisten Québecois? Beispielsweise in Maine, dem nördlichsten Bundesstaat. Daher stammt also Adrien und es ist wohl sein Schicksal, dass er östlich der Appalachen geboren und damit US-Staatsbürger ist. Wie sonst würde er ein zweites Mal nach Allemagne geschickt, um dort Romy zu finden?

»Guten Tag, Fräulein«, sagte er so höflich als würde er eine Bitte vortragen und breitete die Jacke auf dem Tresen aus. »Mir ist leider ein kleiner Unfall beim Manöver passiert«, erklärte er in flüssigem Deutsch mit amerikanischem Akzent und schob seine Hand unter den Riss, der am Ärmelansatz klaffte. »Könnten Sie meine Jacket reparieren?«
Behutsam befühlte Romy die olivgrüne Jacke mit einer roten 2 am Ärmel. Der grobe Stoff war verknittert und staubig. Valcourt stand eingestickt auf einem aufgenähten Band oberhalb der rechten Brusttasche. War das der Name des Offiziers? Ein leichter, nicht unangenehmer Geruch von Schweiß, Sommer und Erde stieg ihr entgegen. Andere Männer, deren Jacketts sie reparierte, rochen weitaus strenger.
»Sicher ist das möglich«, antwortete Romy.
Aus dem Kabuff rief Herr Kaindl: »Kommst du zurecht, Rosemarie?«
Wie peinlich ihr eigener Name ihr wieder einmal war. Aber sie bejahte und wandte ihren Blick schüchtern dem Amerikaner zu und verfing sich auf dem Leberfleck zwischen seinem linken Nasenflügel und den Auge.
»Vielleicht wäre es auch möglich, die Jacket zu reinigen?«, fragte er und seine Stimme klang voll, tief und weich.
»Natürlich nehmen wir auch Kleidung zum Reinigen an«, antwortete sie und verschanzte sich hinter dem Tresen, um dort das Auftragsbuch aus der Schublade zu holen. Vom täglichen Gebrauch glänzte der Ledereinband speckig. »In ungefähr einer Woche wäre Ihre Jacke fertig. Wie lautet Ihr Name?«
»Lieutenant Adrien Nicolas Valcourt.«
Wie sollte sie richtig übertragen, wenn sie die Aussprache verwirrte und sie nicht wusste, wie man Aidriän Nicola Valcur richtig schrieb? Verlegen drehte sie das Buch zu ihm und legte den Bleistift auf den Tresen.
»Bitte. Ich kann leider kaum Englisch.«
»Kein Problem.« Seine Handschrift war nicht schön, aber in großen, geschwungenen Buchstaben schrieb er Lt. Adrien N. Valcourt. »Ich bin in der Vimy-Kaserne stationiert«, verriet er und sein Lächeln blitzte auf, als er den Bleistift zurücklegte. »Sie haben es schön in dieser Stadt. Gefällt mir.«
»Ja, Freising ist eine nette alte Stadt«, pflichtete ihm Romy höflich bei und ertappte sich dabei, wie sie am Knopf ihrer Bluse spielte. Abrupt ließ sie ihre Hand sinken und stützte sie an der Kante des Tresens auf.
»Also Fräulein Rosemarie …« Musste er sie so ansprechen? Wobei, Ros’marie mit dem verschluckten R klang wie Französisch. Aber warum? »Bis in einer Woche«, verblieb er und deutete einen Abschiedsgruß an.
So sehr Romy sich zwang, ihre Augen auf die fremdartige Handschrift zu richten, bis er auf die Straße getreten war, konnte sie ihre Unruhe nicht bändigen. Unweigerlich spähte durch das Schaufenster und sah, wie er den Gehsteig mit federnden, entschlossenen Schritten für sich einnahm.
Warum Valcourt sie beeindruckte, konnte sie sich nicht erklären. Erneut stieg Romy eine Wärme in die Wangen, weil sie ihm tiefer in die Augen geblickt hatte als es sich für ein junges Fräulein geziemte. Jedoch nicht aus dem Grund, weil sie seine Aufmerksamkeit gewünscht hätte. Dieses helle Blau hatte sie geradezu eingeladen, es zu ergründen. Sein Deutsch klang eigen. Anders als die Männer hierzulande forderte er nicht, sondern bat um etwas. Dass jemand ungezwungen ein Gespräch suchte, war sie nicht gewöhnt. Mit seinem Lächeln hatte sich ein Sonnenstrahl bis in die dunklen Ecken der Schneiderei verirrt und schimmerte noch ein wenig nach.
Beeindruckend traf, was Valcourt bei Romy hinterlassen hatte. Sie richtete seine Jacket auf den Kleiderbügel und umfuhr die ausgefranste Kante des Risses. Ein kleiner Unfall, hatte er mit diesem schelmischen Funkeln in seinen Augen und jenem unbefangenen Lächeln erklärt. Was hatte er wirklich angestellt?

Das werdet ihr im Sommer erfahren. Verraten werde ich aber, wie Adrien dazu kommt, so gut Deutsch zu sprechen, dass Frollein viel zu klischeehaft für einen Amerikaner in meinem Roman ist. In der High School hatte Adrien in Literatur von seiner Lehrerin Miss Ernst über Hermann Hesse erfahren, damals im 3. Reich verboten. Der 15-Jährige war fortan beeindruckt und ein wenig später lernte er als Kadett in West Point Deutsch, was unter den damaligen Gegebenheiten eine strategisch gute Wahl war.

Er hatte im Krieg gegen die Deutschen gekämpft, war von Omaha Beach über Paris und die Ardennenschlacht in das zerstörte Aschaffenburg gelangt und war entsetzt, wie 12 Jahre Faschismus das Land der Dichter, Philosophen und Erfinder vernichten konnten und in den Menschen angerichtet hatte. Dennoch bleibt die Hoffnung auf die Jüngeren.

Mit dem Koreakrieg verstärken die USA ihre Militärpräsenz in Westeuropa, insbesondere in der jungen Bundesrepublik. Die Sorge besteht, dass die Sowjetunion ähnliches vorhat wie im ebenfalls geteilten Korea und Panzer und Truppen über die Grenzen rollen. So kommt Adrien wieder nach Deutschland, diesmal nach Freising in die Vimy-Kaserne.

Vorgesehen oder geplant ist die Liebe zu Romy, oder Rose, wie er sie nennt, natürlich nicht. Aber es geschieht nun einmal, dass sich zwei Menschen sehr sympathisch finden und ihre Geschichte ihren Lauf nimmt.

Und was es nun mit dem Canadien errant auf sich hat? Wer es nicht kennt, es handelt sich um ein Lied, bzw. Chanson, in dem ein Kanadier von seinem Hof vertrieben wird und seither heimatlos in der Welt umherirrt. Adrien wird diesen Chanson auf seiner Gitarre spielen. Nebenbei träumt er von einer Fender Telecaster, zu Beginn der 50er Jahre eine Revolution und der Rock ’n‘ Roll soll erst noch kommen.

Viervierteltakt statt Dreivierteltakt, Boogie und Jive statt braver Walzer oder Foxtrot. Wird Adrien mit seinem subtilen frankokanadischen Charme Romy umwerben und nach seinem langen Weg bei jemandem ankommen?

Veröffentlicht von autorinirahabermeyer

Ich bin Autorin aus Leidenschaft für Geschichte und insbesondere das 20. Jahrhundert. Auf dieser Seite lasse ich jede*n gerne mitlesen, wie aus einer ersten Idee, einer Inspiration oder einer Faszination ein Roman oder eine ganze Reihe entsteht.

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