Allerheiligen

Themen: Roman, Historischer Roman, Zeitgeschichte, 1950er Jahre, Deutschland, USA, Freising

Heute ist der 1. November und wieder sind wir fast am Ende des Jahres angekommen. Die Tage werden kürzer und brechen immer später an. Mit dem Geruch des Laubes, das rot und golden leuchtend an den Bäumen hängt und mit den ersten Frösten endgültig fällt, riechen und spüren wir die Vergänglichkeit.

Heute ist Allerheiligen. In vielen Gegenden gedenken viele Menschen ihrer verstorbenen Angehörigen auf den Friedhöfen. Anderen genügt es, ihren Lieben auch anderweitig zu gedenken.

Noch in meiner Kindheit kann ich mich erinnern, dass der Friedhofsgang an Allerheiligen Pflichtprogramm war. Weniger ging es darum, innezuhalten und uns der Vergänglichkeit bewusst zu werden, woran uns gerade der Spätherbst erinnert, vielmehr um das Sehen und Gesehen werden. Mehr muss ich nicht erklären, wenn Romy sich am Allerheiligentag des Jahres 1951 am Grab ihrer Mutter sehen lässt und genau beobachtet wird.

In dunkle Mäntel gehüllt versammelten sich Angehörige um die Gräber und leierten das Ave Maria, das der Pfarrer vorbetete. Beschämt, dass auch dieses Allerheiligen ihr Vater sie und Korbinian nicht begleitet hatte, starrte Romy auf die verblassende goldene Inschrift.

Roberta Ammer, geb. Jenowein 1908 – 1947

Nebelperlen machten das kleine Trapez sichtbar, das eine das eine Spinne zwischen die immergrünen Blätter des Buchsbaumes gewoben hatte. Ein Ministrant ließ den Weihrauchkessel pendeln. Die wallende Essenz verbreitete sich im Atem des Spätherbstes. Romy senkte ihre Nase in das Fell des Graufuchses, den ihre Mutter früher über Jacken und ihrem Mantel getragen hatte, sobald die Tage kälter wurden. Sein Eigengeruch übertünchte den Weihrauch ein wenig.

»Sie würde sich im Grab umdrehen, wüsste sie, dass er dir windige zwei Mark fürs Gesteck gegeben hat«, nuschelte Korbinian und bewegte dabei kaum seine Lippen.
Auf der schwarzen Erde lag ein schlichtes handgebundenes Gesteck aus einem Fichtenzweig, dessen Nadeln frisch glänzten. Er stellte die Ewigkeit dar, die getrockneten Mohnkapseln mahnten, dass jedes Leben vergänglich war.
»So war es letztes Jahr auch schon.« Romy faltete ihre Finger fester ineinander. »Da standen auch nur wir zwei am Grab unserer Mutter. Hintenherum haben die Leute sich den Mund zerrissen. Nur Frau Schönweiß kam geradewegs auf mich zu und fragte, wo unser Vater sei«, erinnerte sie sich und lugte zu ihrer Nachbarin herüber, die ihrem im Krieg gefallenen Ältesten gedachte. »Konnte ich ihr etwa erzählen, dass die neue Bekanntschaft seine Loyalität infragestellt, wenn er an Allerheiligen der Frau gedenkt, mit der er verheiratet war? Ich musste lügen, dass er sich eine Grippe eingefangen hat. Seltsamerweise«, fuhr Romy gedehnt fort und hob ihr Kinn aus dem Pelz, »ist das Gerede der Leute dann weniger unzumutbar als über Adrien und mich.«
»Oder wir bilden es uns nur ein«, ergänzte Korbinian und bekreuzigte sich.
»Amen«, schloss Romy das Ave Maria, wohl überlegend, dass jede ihrer Regungen streng beobachtet wurde.
Mit ihrer Anwesenheit bei der Gräbersegnung würde sie ihre Integrität beweisen. Der Friedhof war nichts anderes als eine Bühne des Sehens und gesehen Werdens. Aus der Überzeugung einer Tochter erwies sie ihrer Mutter die Ehre.
Würde sich doch der Pfarrer mit seiner Litanei beeilen. Nach dieser Verpflichtung würde Romy nicht schnell genug zur Kaserne laufen. Adriens Vorgesetzter hatte seinem Wunsch stattgegeben und sie würde dabei sein, wenn er seine Beförderung erhielt. Ich hätte dich gerne an meiner Seite. Geradezu unangemessen für den Friedhof verkniff sie sich ihr Strahlen. Gesten zählten mehr als Worte, so war es bei Adrien. Geh zu ihm, Kind, würde ihre Mutter sie bestärken, er möchte, dass du ihm an seinem wichtigen Tag zur Seite stehst.
Begleitet von den Ministranten zog der Pfarrer durch die Reihen an Grabsteinen, trauernden Engeln und schmiedeeisernen mit Rosen und Totenschädeln bemalten Kreuzen. Memento mori, soviel Romy verstand, war das Lateinisch und bedeutete: gedenke, dass du sterben wirst. Hodie tibi, cras mihi. Als Segen für die Verstorbenen tunkte er den Aspergill in das Weihwasserfass und versprühte es. Einzelne Sprenkel trafen auf Romys Wangen und sie kniff die Augen zusammen.
Ehe die Menge auseinanderging, löste sich die andächtige Starre vor den Gräbern auf. Schritte knirschten auf dem Kies und die dunklen Mäntel wogten an einem steinernen Trauerengel vorbei. Romy erkannte die vertrauten Neustifter Gesichter.
Wohlgesonnen grüßte Herr Schönweiß und zückte seinen Hut vor Romy. Seine Frau blickte sie und Korbinian mitfühlend an.
»Allerheiligen ist dieses Jahr recht neblig«, stellte Herr Schönweiß fest. »Passend zur Stimmung.«
»Ihr beiden übernehmt wieder mehr als man von jungen Leuten erwarten möchte«, bemerkte Frau Schönweiß vorsichtig, aber ahnungsvoll. »Grüßt euren Vater.«
»Bestellt ihm ebenfalls unsere Grüße«, schloss sich Frau Bichler an und band ihr Kopftuch enger.
Zwar durchdrangen ihre blaugrauen Augen Romy bis auf die Haut, doch sie ahnte, dass es mit der angeblichen Freundschaft mit Cäcilia nicht so weit her war. Nattern unter sich, dachte Romy, sie richten ihre giftigen Zungen auch mal gegeneinander.
Sie verharrte so lange mit Korbinian am Grab, bis die Bichlers und die Gröbmeiers durch das Friedhofstor verschwunden waren. Knapp nickte sie ihm zu und setzte sich gemessenen Schrittes in Bewegung.
»Also …« Vor der Friedhofsmauer verabschiedete sich Romy von ihrem Bruder. »Ich gehe jetzt in die andere Richtung«, deutete sie an.
Allerheiligen war noch nie ein Anlass zur Freude und Ausgelassenheit gewesen, diesem 1. November gestand man ein wenig davon zu.

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Veröffentlicht von autorinirahabermeyer

Ich bin Autorin aus Leidenschaft für Geschichte und insbesondere das 20. Jahrhundert. Auf dieser Seite lasse ich jede*n gerne mitlesen, wie aus einer ersten Idee, einer Inspiration oder einer Faszination ein Roman oder eine ganze Reihe entsteht.

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