Sind mir zwei Protas zugeflogen

Themen: Roman, Historischer Roman, Zeitgeschichte, 1950er Jahre, Deutschland, USA

In meinem vorherigen Beitrag hatte ich verraten, dass ich nach langem Vorhaben endlich Plot und Figuren für einen Romanauftakt gefunden habe, der in meiner Heimatstadt Freising seinen Anfang nimmt.

Immer wieder gehe ich durch die Stadt, besuche meine Lieblingsplätze und denke mir, welch einladendes Setting sie abgeben würden. Die Altstadt, der Domberg, der Weihenstephaner Berg mit seinem Hofgarten sind geschichtsträchtig, selbst die Gassen Neustifts sind inspirierend. Noch immer sind in meiner Familie die Geschichten dazu lebendig. Auch über die amerikanische Garnison in der Vimy-Kaserne, zu der persönliche Verbindungen bestanden.

Um die Stadt und das Leben in den 1950er Jahren so authentisch wie möglich zu beschreiben, bin ich auf Spurensuche gegangen. Im Stadtarchiv konnte ich Einsicht nehmen in Zeitungsberichte, Fotos und Verzeichnisse, wo welches Geschäft, Café oder Wirthaus stand, von dem nur noch die verblassten Namen übrig sind. Beinahe hätte ich die Zeit vergessen, als ich zwei Stunden lang in den Quellen gebadet hatte und so vieles an Inspirationen mitgenommen.

Nun ist es an der Zeit, daraus zu schöpfen. Nun ist es an der Zeit, nochmals die Nachkriegsjahre und die deutsch-amerikanischen Beziehungen aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Denn die USA waren nicht immer Trump und MAGA, und es wäre schade und sehr einfach, Land, Leute und ihre Geschichte darauf zu reduzieren. Schreiben verlangt auch Mut und Reflexion.

Damals waren die Amerikaner die Befreier vom Naziregime und sie verhalfen Westdeutschland zu seinem Aufschwung, den wir als Wirtschaftswunder kennen. Sie bereicherten den Alltag und brachten ihre Musik, ihre Filme und ihre Kultur mit.

Doch wie war der Alltag junger Menschen so wenige Jahre nach dem Krieg?

Ich bei der Recherche im Stadtarchiv, oben links der Domberg, rechts der Hofgarten in Weihenstephan und die Vimy-Kaserne, in der einst die amerikanische Garnison untergebracht war

So sind mir Romy und Adrien mit ihrer Geschichte zugeflogen.

„Trümmerblüten – Heimat zwischen den Kontinenten“

Und das ist ihre Geschichte, einmal im ersten Klappentext zusammengefasst:

Freising, 1951: Die Domstadt atmet langsam nach den Kriegsjahren auf  – doch für die zwanzigjährige Romy bleibt der Alltag von Zwängen bestimmt. Seit dem Tod der Mutter führt eine neue Frau im Haus das Regiment und Romy, frisch ausgelernt als Schneiderin, sehnt sich nach Freiheit.

Als der amerikanische Lieutenant Adrien Valcourt seine ramponierte Uniform in die Schneiderei bringt, kreuzen sich ihre Wege. Von da an flammt langsam eine heimliche Nähe zwischen den beiden auf. Doch eine Liebe zu einem US-Soldaten ist für Romys Stiefmutter und die strengen Nachkriegssitten undenkbar.

Während Adrien in den eigenen Reihen für Gerechtigkeit kämpft – einem schwarzen GI wird ein Verbrechen vorgeworfen – schlägt ihm der Widerstand seiner Vorgesetzten entgegen. Unerwartet erreicht ihn ein Befehl, der alles verändert: Er wird nach Korea an die Front versetzt.

Zwischen Hoffnung und einem Versprechen – kann Romys und Adriens Verbindung die Zeit, den Krieg und die Ungewissheit überstehen?

Wirtschaftswunder, pastellfarbene Dekors und Petticoats

– damit verbindet man die 1950er Jahre. Bei aller Ästhetik, die in mein neues Projekt miteinfließt, war die Bundesrepublik der Nachkriegszeit eher trist und von traditionellen Rollenbildern bestimmt. Gerade im katholisch-konservativen Bürgertum der Bischofsstadt Freising – sinnbildlich für die damaligen Wert- und Moralvorstellungen – waren diese eher repressiv für junge Frauen. So vieles, was heutzutage selbstverständlich ist und gar nicht mehr diskutiert werden muss, war damals mit Kampf und Rebellion verbunden.

Romy, gerade einmal 20 und Schneidergesellin, hungert regelrecht. Der Hunger der ersten Jahre nach Kriegsende ist inzwischen gestillt, die Schaufenster werden voller und mit der Wirtschaft geht es aufwärts. Es ist der Hunger nach Freiheit und Selbstbestimmung, der in der Seele der jungen Frau bohrt. Doch ihre Familie, insbesondere die neue Frau an der Seite ihres Vaters, legen ihr mit ihrer Kontrolle Steine in den Weg. Romy hat einen Traum: Sie möchte die Meisterschule für Mode in München besuchen und Kleider entwerfen wie Christian Dior mit seinem New Look. Sehnsüchtig fiebert Romy, die eigentlich Rosemarie heißt, ihrem 21. Geburtstag und damit der Volljährigkeit entgegen. Allerdings ist ihr bewusst, dass sie damit noch längst nicht alle Entscheidungen frei treffen kann. Nach den damaligen Gesetzen benötigt sie die schriftliche Erlaubnis ihres Vaters (repsektive des späteren Ehemannes), wenn sie ein Bankkonto eröffnen oder eine Arbeitsstelle annehmen möchte. Doch Romy möchte nur eines: Raus aus dem kleinen Haus in der engen Gasse, weg von allem, was sie zu erdrücken droht. München erscheint ihr wie ein Hoffnungsschimmer am Horizont, wenn auch noch fern.

Adrien Valcourt, zehn Jahre älter als Romy, wird als Lieutenant der US Army wieder nach Deutschland versetzt. Mit Beginn des Koreakrieges verstärken die USA ihre Truppenpräsenz in Europa, da sie fürchten, die kommunistische Sowjetunion könnte durch den noch offenen Eisernen Vorhang einfallen. Kurz vor Beginn des 2. Weltkriegs besucht Adrien die Kadettenschule in West Point und lernt als Fremdsprache Deutsch. Französisch ist seine zweite Muttersprache, denn er ist ein aus Maine stammender Frankokanadier. Als er West Point absolviert, gerät er mitten in den Krieg in Europa, D-Day, Befreiung von Paris, die Ardennenschlacht. Sechs Jahre später kehrt er in das Land zurück, dessen Kultur und Literatur er bewundert hatte, diesmal nach Freising.

Deutsch-amerikanische Freundschaften

Amerika hat Romy noch nicht als Sehnsuchtsziel auf dem Schirm, für sie ist München bereits die große weite Welt. Mit der Begegnung mit Adrien kehren plötzlich Farbe und Wärme in ihren Alltag. Die beiden sind sich sympathisch, freunden sich an und kommen einander näher. Die Musik, die Romy auf AFN hört, begeistert sie ebenso wie die neuen Tänze (noch vor dem Rock ’n‘ Roll, der kam 1954 auf), die so wild und ungezügelt sind, dass sie die Erwachsenen empören und die Filme, die im (Offiziers-) Kino in der Vimy-Kaserne laufen. Sie erfährt, dass Männer keine Despoten sein müssen und sie lernt Englisch. Mit Coca Cola, Whiskey Coke, die Vogue und Lucky Strikes kommt sie auf den begehrten Geschmack der Zeit. Alles, was die Amerikaner mitbringen, scheint so anders und aufregend. Bald schließt Romy auch Freundschaft mit einer anderer GI-Frau und beide helfen einander, die gegensätzlichen Kulturen zu verstehen.

Wird Romys Familie ihrer Beziehung dulden, während deutsche Frauen, die mit einem GI gehen, teils als „Amiflitscherl“ verachtet werden? Wird Adrien Romys Lebenshunger stillen können? Muss sie sich zwischen dem einen oder dem anderen Traum entscheiden, um ihr Glück zu finden?

„Trümmerblüten“ wird der Auftakt der deutsch-amerikanischen Saga „Heimat zwischen den Kontinenten“, die ihren Ausgangspunkt im Freising der frühen 1950er Jahre nimmt.

Veröffentlicht von autorinirahabermeyer

Ich bin Autorin aus Leidenschaft für Geschichte und insbesondere das 20. Jahrhundert. Auf dieser Seite lasse ich jede*n gerne mitlesen, wie aus einer ersten Idee, einer Inspiration oder einer Faszination ein Roman oder eine ganze Reihe entsteht.

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