Gib dich nicht mit den Amis ab – Protavorstellung: Romy

Themen: Roman, Historischer Roman, Zeitgeschichte, 1950er Jahre, Deutschland, USA, Freising

Diese Warnung, die der Vater ausspricht, ist überflüssig für die 20jährige Rosemarie, die sich selbst Romy nennt. Als ausgelernte Schneiderin hat sie andere Interessen als sich bald an einen Mann zu binden und möglicherweise ihre Freiheit zu verlieren: Sie möchte die Meisterschule für Mode in München besuchen und lässt sich für ihre Entwürfe von Christian Dior und seinem New Look inspirieren. Eines Tages, hofft sie, selbst ein Atelier in der bayerischen Landeshauptstadt zu führen oder gar nach Paris zu gehen. Und wenn sie einen Mann möchte, dann:

»Gibt es überhaupt diese Kavaliere, die einer Dame ihren Arm anbieten, sie in ein Kaffeehaus geleiteten, ihr am Tisch gegenübersitzen, sie vollendet im Dreivierteltakt führen und ihr ihre Aufmerksamkeit schenken?«

Wir schreiben das Jahr 1951. Amerikanische Soldaten gehören in Freising zum Stadtbild. In der Innenstadt hatten sie ihr eigenes Kino (damals gab es sage und schreibe vier Lichtspielhäuser). In diesen Zeiten, als junge Menschen, vor allem Mädchen und Frauen, kaum Rechte besaßen und die Erziehung und die Moralvorstellungen streng waren, wäre es undenkbar, dass Romy nähere Bekanntschaft mit einem Ami schließen würde. Selbst das Tragen von Lippenstift oder eine Veränderung ihrer Frisur wären unschicklich und verpönt. Schließlich würde sie damit nur die Männer provozieren.

Meint vor allem Cäcilia, die neue Frau im Haus. Wenige Jahre nach dem Tod der Mutter hatte Romys Vater die verwitwete Münchnerin kennengelernt, die mit ihrer Tochter in einer Behelfunterkunft lebt und nun ihr Regiment führt. Stichwort: Internalisierte Misogynie oder Frauenhass, der von Frauen ausgeht.

Eher widerwillig muss sich Romy Cäcilia fügen, denn volljährig wird sie erst mit 21 und selbst dann wird sie sich für vieles, was sie tut, ständig rechtfertigen müssen. Romy ist eine stille Rebellin, für die Farben, Stoffe und ihr Zeichenblock eine Ausflucht aus dem Alltag der Nachkriegszeit bedeuten. Damit, dass sie „nur“ die Volksschule besucht hatte, findet sie sich nicht ab. Sie ist aufgeweckt und neugierig auf alles, was außerhalb in der großen weiten Welt geschieht.

Dass sie – wie viele junge Menschen damals – von den Verlockungen Amerikas träumen könnte, ist ihr noch nicht bewusst. Erst als Adrien Valcourt, hochgewachsen, schwarzes Haar und blaue Augen, in die Schneiderei und in ihr Leben tritt, um seine ramponierte Jacke zum Reparieren zu bringen, interessiert sie sich für dieses moderne, faszinierende Land.

Die Begegnung ist nicht die Liebe auf den ersten Blick, dennoch hinterlässt sie bei Romy einen Eindruck. Der Amerikaner spricht fließend Deutsch und ist zudem höflich, was sie kaum gewöhnt ist. Könnte er der Kavalier sein, von dem sie insgeheim träumt?

Im nächsten Beitrag stelle ich Adrien vor, doch nun zu den Hintergründen von Romys Figur.

Meine Mutter und meine Großmutter waren Schneidermeisterinnen und beide hatten die Meisterschule für Mode in München besucht. Ich bin praktisch mit Mode, Stoffen und den Zeichnungen meiner – leider inzwischen verstorbenen – Mutter aufgewachsen. Anstelle zuerst die Bravo zu lesen hatte ich die Vogue zu Zeiten der Supermodels der späten 1980er und frühen 1990er Jahre in den Händen und ich liebe Mode (und auch die Welt und ihr Geschehen). Manchmal war es sehr spannend, wenn alle drei Frauen am Tisch beieinandersaßen und sich über die neuesten Trends ausließen. Wie bei jeder Form künstlerischen Schaffens sind auch hier die Meinungen und Geschmäcker vielfältig und die Diskussionen entsprechend lebhaft.

Einiges, was ich in Trümmerblüten – Heimat zwischen den Kontinenten aus Romys Alltag in der Schneiderei wiedergebe, beruht auf Erzählungen meiner Mutter. Leider habe ich sie nicht mehr als Quelle, dennoch sind mir ihre Erinnerungen eine sehr wichtigte Stütze, für die ich ihr sehr dankbar bin.

Diesen Sommer erscheint mit Trümmerblüten der 1. Teil der deutsch-amerikanischen Saga Heimat zwischen den Kontinenten.

Veröffentlicht von autorinirahabermeyer

Ich bin Autorin aus Leidenschaft für Geschichte und insbesondere das 20. Jahrhundert. Auf dieser Seite lasse ich jede*n gerne mitlesen, wie aus einer ersten Idee, einer Inspiration oder einer Faszination ein Roman oder eine ganze Reihe entsteht.

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