Themen: Roman, Historischer Roman, Zeitgeschichte, 1950er Jahre, Deutschland, USA, Freising
Jede Stadt hat ihre verschwundenen Institutionen. Wenn die Älteren wehmütig Namen von Kaufhäusern, Geschäften, Lokalen oder Cafés fallen lassen, die es längst nicht mehr gibt und Geschichten und Anektdoten erzählen, versuchen wir uns darunter etwas vorzustellen. Manchmal geht es uns genauso, wenn wir in Erinnerungen an Abende in Kinos und Kneipen schwelgen, die es längst nicht mehr gibt und an leeren Schaufenstern vorbeilaufen und noch immer die Auslagen vor uns sehen.
Wie alle Städte besitzt Freising etliche Legenden. Eine davon war das Café Fraunhofer, dessen Eigentümer seine Gäste mit Zaubertricks begeisterte. Als ich davon erfuhr, musste ich Herrn Hofmanns Show in Trümmerblüten einbauen.

Beiläufig begutachtete Adrien die Torten im Schaufenster des Cafés. Saftig rote Kirschen zierten die Sahnehäubchen auf der Schwarzwälder Torte, daneben präsentierte sich eine Nusscreme-Torte auf einer Etagere, dazwischen verlockte diese angeschnittene – wie hieß dieser Zungenbrecher gleich wieder – Prinzregententorte. Im Spiegelbild der Scheibe glättete er seinen Scheitel, den der Regen erwischt hatte, dann drehte er sich langsam um. Und hielt abrupt inne. Dabei rückte er das dicke German-English Dictionary unter seinem Arm zurecht.
Begleitet vom Takt ihrer Absätze auf dem nassen Pflaster erschien Romy. Ihr Mantel umspielte ihre zierliche Figur und das Samthütchen auf ihren hochgesteckten Haaren leuchtete wie das Gefieder eines Pfaus. Das hinreißende Lächeln ihrer roten Lippen galt nur ihm, wie Adrien bewusst wurde. Er setzte glatt einen Atemzug aus, ließ gebannt seine Blicke von ihren schlanken Fesseln und den wohlgeformten Hüften aufwärts wandern und ging einen Schritt auf sie zu.
»Hi«, grüßte sie ihn und ihr Strahlen wurde heller.
»How are you?«, überraschte er sie mit einer höflichen Floskel und zog für sie die Tür auf. »Wohin möchtest du dich setzen?«
Um diese Zeit war das Café sehr belebt. Fetzen angeregter Gespräche schwirrten durch den von Kaffeeduft und Zigarettenrauch erfüllten Raum, Geschirr klapperte und im Hintergrund spielte das Radio. In einer Ecke und am Fenster gab es noch freie Plätze. Aber die Bedienung lief nur an Adrien und Romy vorbei und servierte zwei Damen ihre Kuchenstücke.
»Vielleicht hier?«, entschied sich Romy für den Platz in der Ecke.
Ihm entging nicht, wie sie verstohlen Ausschau hielt, ob sie jemanden kannte, während er ihr den Mantel abnahm, und auf das Buch linste, das er auf dem Tisch abgelegt hatte.
»Ist das etwa ein Wörterbuch?«, fragte sie. »Wie lustig. Ich wollte dir auch etwas zeigen.«
Adrien setzte sich ihr gegenüber. Der Rock, den sie trug und die Bluse mit der Schleife am Kragen verrieten, dass sie Geschmack wie Gespür hatte. Etwas, was er an ihr schätzte. Auf ihrem Schoß nestelte sie lustigerweise ebenfalls ein Buch aus ihrer Tasche. English for Beginners stand über dem Big Ben. Einmal war er während des Krieges in London gewesen, aber diese Erinnerung hatte hier nichts zu suchen.
»Da hatten wir wohl … Télépathie?«, schmunzelte er, begeistert von ihren Ambitionen, Englisch zu lernen. Im Gegenzug reichte er ihr sein Dictionary. »Look, das habe ich vorhin aus meiner Wohnung mitgenommen. Darin habe ich oft genug nachgeschlagen, als ich an eurer Sprache beinahe verzweifelt wäre.«
»Aber du sprichst doch gut.« Ihr Augenaufschlag wanderte an seinem Gesicht entlang, während sie das Buch mit beiden Händen umschloss.
»Es geht so«, winkte er ab. »Ich bin froh, dass ich etwas verstehe und mich mit dir unterhalten kann. Aber wenn die Einheimischen hier ihren Slang sprechen, Crisse, I’m completely lost.«
Wie auf ein Stichwort schwirrte die Bedienung vorbei, um die Bestellung aufzunehmen und Romys Lachen verhallte.
»Would you like a cup of coffee?«, fragte er.
»Yes, please.« Diesmal entschied sie sich ebenfalls für einen Kaffee.
Adrien gab der Kellnerin ein Handzeichen, um zweimal diese Prinz-something-Torte zu ordern.
»How was your week, Rose? Wie war deine Woche?«, erkundigte er sich und beförderte die Packung Lucky Strike aus der Tasche seines Jacketts und legte sie in die Mitte des Tisches.
»I’m learning English every day«, formulierte sie verlegen.
»I practice English every day«, korrigierte Adrien sie und ergänzte anerkennend: »But that was good.«
»Die Woche über habe ich genäht, gebügelt und ausgebessert«, fuhr sie auf Deutsch fort und wich zurück, als die Bedienung den Kaffee und die Torte brachte. »Nach Feierabend sitze ich ein wenig länger in der Schneiderei, weil ich mir ein Kleid nähe, das ich auf der Hochzeit meines Vaters tragen werde.«
»Oh«, erwiderte Adrien anerkennend und ließ den Rauch der Lucky zwischen seinen Zähnen entweichen. »Ich bin mir sicher, es wird schön.«
»Ich habe gerade einmal begonnen, die Schnittmuster zu erstellen. Den Stoff habe ich bereits ausgewählt«, erzählte sie eifrig und aß einen Bissen Torte. »Jadegrüner Taft, und der Rock wird schwingen.«…
Kaum hatte Romy ein zweites Mal an der Zigarette gezogen, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Ihre Augen weiteten sich, dann zuckte sie zusammen. Ein gepresstes Röcheln brach aus ihr heraus, gefolgt von einem Husten, der sie durchschüttelte.
»Easy, girl.« Besorgt schnellte Adrien vor, doch da erschien ein elegant gekleideter Herr mit Seidenschal um den Hals und klopfte ihr behutsam zwischen die Schulterblätter. Verschwörerisch zwinkerte er Adrien zu.
Ringsum drehten sich die Gäste nach ihnen um. Manche runzelten die Stirn, andere warfen ihm und Romy belustigte wie auch empörte Blicke zu und tuschelten.
»Danke«, japste sie und richtete sich langsam wieder auf. In ihren Augen hatten sich Tränen gesammelt, doch sie lachte Adrien unverdrossen zu.
»Danke nicht mir«, bedeutete er ihr, dass der Herr hinter ihr dafür verantwortlich war.
Verwundert fuhr Romy herum. »Herr Hofmann!«, rief sie aus als würde sie ihn kennen.
»Sehr wohl, mein Fräulein«, bestätigte dieser. »Geht es wieder? Falls nicht, sehen Sie zu, was ich Ihnen heute darbiete.«
Begeistert applaudierten ihm die Gäste und mit einer leichten Verneigung stellte er sich in die Mitte des Raumes.
»Ihm gehört dieses Café«, beugte sich Romy zu Adrien. »Hin und wieder führt er seine Zaubertricks vor.«
Während sie sich begeistert umwandte, stützte er das Kinn in die Hand, streifte die Asche am Rand des Aschenbechers ab und verfolgte abwartend, wie der Cafébesitzer ein halbes Dutzend zusammengeknoteter Tücher aus seinem Jackett beförderte. Spöttisch zuckten Adriens Mundwinkel und er lehnte sich zurück.
Auf dem staubigen Feld zwischen Cintegabelle und Pine Hollow hatte ein Lastwagen mit einer Plane Halt eingelegt. Es war während der Großen Depression gewesen und alle Kinder des Ortes waren herbeigelaufen, um die Show Wonders of the World zu sehen. Ein Mann in Sternenmantel und Zylinder hatte Münzen hinter den Ohren der Kinder hervorgezaubert und Mathieu eine weiße Taube geschenkt, die wie aus dem Nichts erschienen war. Zuvor hatte Adrien den zappelnden Vogel im Ärmel des Zauberers entdeckt. Zwischen ihm und seinem Bruder war auf dem Heimweg ein Streit entbrannt, weil er versucht hatte ihm zu erklären, dass keine Magie, sondern nur Angeberei und flinke Hände dahintergesteckt waren. Stur wie Mathieu war, hatte er ihn einen Lügner genannt.
Würde hier ein weißes Kaninchen zwischen den Stuhlbeinen hindurchhopsen? Der Trick mit den Tüchern, die Herr Hoffmann ausbreitete und wieder verschwinden ließ, war harmlos dagegen. Zuerst immer auf die Hände achten, dachte Adrien für sich. Als wäre sie in der ersten Reihe eines Variétés saß Romy aufrecht in ihrem Stuhl und paffte hastig die Zigarette zu Ende, als würde ihr etwas entgehen. Nun kam der Klassiker. Fast schon zeremoniell mischte der Cafébesitzer einen Stapel Spielkarten und drehte sich im Halbkreis nach seinen Gästen um. Eine Frau in einer roten, mit silbernen Knöpfen besetzten Wolljacke reckte erwartungsvoll ihr Kinn.
»Bevor Sie nun glauben, ich hätte Sie überzeugt, gestatten Sie mir noch einen Versuch.« Er breitete die Karten zu einem großen Fächer aus und näherte sich Romy. »Fräulein, würden Sie mir behilflich sein? Ziehen Sie eine Karte. Ganz gleich welche.«
Heiteres Gelächter begleitete sie. Überlegend streckte sie Daumen und Zeigefinger nach dem Fächer aus. Als würde sie sich seine Zustimmung einholen, sah sie zu Adrien.
»Nur zu«, ermutigte er sie mit einer Handbewegung.
Behutsam zog sie eine Karte aus dem Fächer und hielt sie dicht an die Brust, als wolle sie sie vor neugierigen Blicken schützen. Herr Hofmann nickte bestätigend, kehrte ihr demonstrativ den Rücken zu, klappte den Fächer zu einem Deck zusammen und schlug ihn wieder auf.
»Merken Sie sie sich so gut, dass Sie sie nicht mehr vergessen können«, sagte er.
Ernsthaft nickte Romy und steckte die Karte beliebig zurück. Adrien verfolgte die Griffe, mit denen der Cafébesitzer das Deck neu mischte, innehielt und mit zwei Fingern den Stapel anhob.
Er zog eine einzelne Karte hervor. »Hatten Sie die Herz Sieben, Fräulein?«
Mit leuchtenden Augen strahlte Romy Adrien an und klatschte leise auf den Tisch. »Ja, das war sie«, rief sie in den Raum und wartete, bis der Beifall abflaute.»Wie konnte er erraten, welche ich mir von allen ausgesucht hatte?«, flüsterte sie vertraulich. »Er hätte jede Karte nehmen und ich behaupten können, es wäre meine gewesen.«
»Illusion, und deshalb funktionieren die Tricks immer wieder.«
Hat euch die Leseprobe gefallen und neugierig auf mehr gemacht? Ab 04. Juli ist Trümmerblüten erhältlich (und als Printbuch hoffentlich auch, ist noch in Arbeit).
