Odyssee 1952

Themen: Roman, Historischer Roman, Zeitgeschichte, 1950er Jahre, Deutschland, USA, Freising

Ich nehme an, ihr wart bereits im Urlaub. Oder seid ihr wie mein Mann und ich noch in Richtung Süden gereist, um ein wenig Sommer nachzuholen? Denn wir hatten ja keinen 🙂

Unser Last-Minute-Ziel war Kreta. Bisher war ich noch nicht dort und neugierig darauf, was sich Unbekanntes erschließen würde. Nachdem ich seit Januar durchgearbeitet hatte, waren die einzigen Erwartungen am Strand in der Sonne zu liegen, zu lesen und ein wenig an Stahlblüten weiterzuarbeiten. Leider erwies sich das Wetter als alles andere als Spätsommer am Mittelmeer. Noch hatte mich zwei Tage vor Abflug die Wetterprognose mit drei Regentagen im die erträglichen 19 Grad nicht demotiviert, aber tatsächlich wurden 6 von 8 Tage daraus mit Schauern, heftigen Unwettern und Wind.

Man macht trotzdem das Beste daraus. Wir waren heilfroh, dass wir nicht in die Überschwemmungen geraten waren und sicher geblieben sind.

Mit so viel Zeit, die nicht am Strand verbracht wurde, entstand fast ein ganzes neues Kapitel von Stahlblüten – Heimat zwischen den Kontinenten. Inzwischen strebt der zweite Band der Reihe auf sein letztes Drittel zu und soll noch in diesem Jahr fertig sein. Danach stehen die Überarbeitungen mit Anmerkungen, Anregungen und Korrekturen meiner Beta-Leser*innen an und Romys und ihr werdet Adriens Geschichte weiterlesen.

Ich höre und lese die gespannten Nachfragen, wann es so weit ist und wie es mit den beiden weitergeht. Ich kann ebensowenig erwarten, einen ersten Einblick zu teilen.

Dabei muss ich spoilern. Band 2 ist wie eine moderne Odyssee und ähnlich wie Odysseus gerät auch Adrien in einen Krieg und muss sich Gefahren, Herausforderungen und einem unausweichlichem Schicksal stellen. Während er in Korea am 38. Breitengrad einen Außenposten halten muss, harrt Romy wie Penelope aus. Die Anwärter stünden schon bereit, während Adriens Schicksal im Oktober des Jahres 1952 eine auswegslose Wendung nimmt.

»Rein«, erklärte der Unteroffizier. »Arrest.«
Was geschah jetzt? Wenn die Chinesen sie sofort hätten töten wollen, hätten sie es längst getan. Stattdessen sperrten sie sie ein. Die grausamste aller Möglichkeiten war vorerst abgewendet.
Dafür blieb die zweitgrausamste. Sie waren Kriegsgefangene, Prisoners of War, POWs. Adrien weigerte sich, Gefangener der Chinesen zu sein und die Heimat so schnell nicht mehr zu sehen. Er, Captain der US Army und Kommandeur an Kershers Stelle? Was würde aus den Soldaten?
Adrien löste die Hände hinter seinem Nacken und baute sich vor dem Lieutenant auf. »Ich bin Captain Valcourt, United States Army. Ich verlange unsere umgehende Freilassung im Austausch mit euren Soldaten und Offizieren gemäß den UN-Konventionen.«
»Arrest«, wiederholte der Unteroffizier ungerührt.
»Quel bordel est-ce que c’est, eh? Was ist das für eine Hurenbockscheiße?«, protestierte Adrien.
Unvermittelt schlug der Lieutenant ihm in die Magengrube. Die Luft entwich Adriens Lungen und Übelkeit stieg in ihm auf. Er verlor die Kontrolle über seinen Körper und strauchelte. Mit den Handflächen stützte er sich auf der nassen Erde auf, um nicht der Länge nach hinzufallen.
»Brav sein.« Breitbeinig beugte sich der Unteroffizier über ihn und hob den Zeigefinger. »Gehorchen.«
Tabernak, was war in ihn gefahren? Viel hätte nicht gefehlt und Adrien wäre es ergangen wie Rhee, dem armen Teufel. Wenn man überleben und wieder freikommen wollte, gehorchte man besser.
»Sir!«, stieß Sanchez besorgt aus.
Als er Adrien aufhelfen wollte, wich Stuart vor einem Gewehrlauf zurück. Verunsichert glotzten dreißig leere Augenpaare Adrien an, der sich mühevoll auf die Knie schleppte und hochzog. Innerhalb des Zaunes rückten die nordkoreanischen Soldaten enger an sie heran. Der Lieutenant zog einen Trennstrich durch die Luft.
»Offiziere rechts«, erklärte sein Übersetzer.
Außer Adrien und Stuart stellten sich zwei Südkoreaner auf, während die Soldaten und Unteroffiziere links eine Reihe bildeten. Der Lieutenant schritt an ihnen vorbei, hielt vor Adrien an und begutachtete ihn scharf. Seine Finger schlossen sich so fest um dessen Kiefer, dass der Schmerz bis in seine Schläfen zog.
»Ni gan wéikàng mìnglìng, Meiguórén. Du wagst es, Befehle zu missachten, Amerikaner.«
Abfällig wogte der Lieutenant den Kopf, ließ Adrien los und wandte sich ab. Hinter ihm und seinem Unteroffizier fiel scheppernd das Tor zu.
Adrien schleppte sich zur Zelkove, unter deren Schirm sich die Soldaten drängten und ließ sich den Stamm hinabgleiten.
»Schöne Scheiße«, fasste Stuart zusammen und setzte sich neben ihn.
»Wir könnten auch tot sein«, erinnerte Adrien und nestelte die zerdrückte Packung Lucky Strike hervor.
Die Zigaretten waren verbogen, aber noch heil. Er rollte zwei zwischen den Fingern gerade und bot Stuart eine an. In dieser hoffnungslosen Situation spendeten schon ein paar Züge Trost.
Vor dem Hauptgebäude rissen die Chinesen die Stars and Stripes vom Mast. Die Fahne landete im Morast. Einige Soldaten trampelten darüber und bespuckten sie.
»So benehmen sich Sieger«, bemerkte Stuart.
Empörte Rufe gingen durch die Reihen der Gefangenen. Unverzüglich erwiderten die Bewacher Warnschüsse in die Luft. Die nächsten Kugeln würden nicht ins Leere zielen.
Ein ganzes Bataillon trat vor dem Fahnenmast an. Mit schneidender Stimme schrie ein Offizier Parolen. Auf jede antworteten Hunderte Kehlen im Gleichklang. Zwei Fahnenträger lösten sich aus den geschlossenen Reihen. Langsam stieg das rote Tuch mit den goldenen Sternen empor. Als es den höchsten Punkt erreichte, brandete Jubel auf. Wenig später wehte am zweiten Mast die Flagge Nordkoreas über dem zerschossenen Dach des Hauptgebäudes.
»Ô mon cher Canada«, sang Adrien halblaut.
Stuart entkam ein leises, bitteres Lachen. »Dein Humor ist bewundernswert.«
»Humor ist besser als Verzweiflung«, entgegnete Adrien, rauchte die Lucky bis auf den Filter und wies zum Hauptgebäude. »Da drin befinden sich meine Gitarre, Happy Cheeks und der Brief an mein Mädchen. Sie wird ebenso wenig wie deine Frau erfahren, dass uns die Roten gefangen genommen haben und was sie mit uns vorhaben.« Er streckte die Beine aus, dabei pflügten die Hacken seiner Stiefel tiefe Furchen in den Morast. »Von meinem Tod wird sie auch nichts erfahren«, entschied er. »Einen Valcourt–Le Blanc–Flynn tötet man entweder mit einer Kugel oder gar nicht.«

Alle Rechte vorbehalten. Nicht mit generativer KI erstellt.

Veröffentlicht von autorinirahabermeyer

Ich bin Autorin aus Leidenschaft für Geschichte und insbesondere das 20. Jahrhundert. Auf dieser Seite lasse ich jede*n gerne mitlesen, wie aus einer ersten Idee, einer Inspiration oder einer Faszination ein Roman oder eine ganze Reihe entsteht.

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